Alfred Lichtenstein – Die Dämmerung

Pieter Bruegel - Der düstere Tag. Quelle: Wikimedia commons.

Alfred Lichtenstein

Die Dämmerung

Ein dicker Junge spielt mit einem Teich.
Der Wind hat sich in einem Baum gefangen.
Der Himmel sieht verbummelt aus und bleich,
Als wäre ihm die Schminke ausgegangen.

Auf lange Krücken schief herabgebückt
Und schwatzend kriechen auf dem Feld zwei Lahme.
Ein blonder Dichter wird vielleicht verrückt.
Ein Pferdchen stolpert über eine Dame.

An einem Fenster klebt ein fetter Mann.
Ein Jüngling will ein weiches Weib besuchen.
Ein grauer Clown zieht die Stiefel an.
Ein Kindwagen schreit und Hunde fluchen.

Conrady. Das Buch der Gedichte. Deutsche Lyrik von den Anfängen bis zur Gegenwart, S. 370.

Dies streng gebaute Gedicht des Frühexpressionisten Alfred Lichtenstein (1889-1914), das 1911 in der Zeitschrift Der Sturm erschien, lebt zuallererst von seiner kunstvollen Perspektivierung. Ähnlich wie in Weltende von Jakob van Hoddis, von dem es mutmaßlich inspiriert ist, wird eine Landschaft in der Überschau dargestellt, nun aber mit einem stärker ausgebauten Fundus an Menschen und Tieren, die sich dort tummeln. Vorherrschend ist in allen Strophen der Zeilenstil, nur einmal erstreckt sich ein Nebensatz auf den nächsten Vers (V. 3/4). Dadurch erhält das Gedicht den Duktus lakonischen Aufzählens.

Nach dem Auftakt im ersten Vers wird das Augenmerk zunächst auf die obere „Bildhälfte“ gerichtet. Wenn der Wind sich in einem Baum verfangen hat (V. 2), so greift der Dichter ein typisch expressionistisches Motiv auf, das für das Gedicht den Grundton vorgibt. Der Himmel wird personifiziert, er „sieht verbummelt aus und bleich“, was durch den darauffolgenden Vergleich mit der fehlenden „Schminke“ noch verstärkt wird.

In der zweiten Strophe verschiebt sich der Blickwinkel auf die Erdoberfläche. Dort sind physiognomisch auffällige Figuren zu sehen, die vom Wind herabgedrückt oder beeinträchtigt werden: zwei kriechende „Lahme“ und ein „Pferdchen“, das über „Dame“ „stolpert“. Schon ins Groteske geht der blonde „Dichter“, der „vielleicht verrückt“ wird.

Auch in der letzten Strophe wird die Aufzählung auffälliger oder grotesker Figuren fortgesetzt. Geradezu exemplarisch im grauen Clown, den man sich ja schlecht ganz ohne Farbe vorstellen kann. Auch „schreit“ ein „Kindwagen“ nicht und keine „Hunde fluchen“. Mit der Alliteration „weiches Weib“ wird ein Objekt sexueller Begierde evoziert, das aber sowohl für den „fette[n] Mann“ am Fenster als auch für den „Jüngling“ unerreichbar bleibt.  

Man hat also ein formal streng komponiertes Gedicht vor sich – Zeilenstil und Kreuzreime, meist regelmäßige Jamben –, das auf vielfältige Weise ins Groteske, ja Komische ausgreift. Die hierdurch entstehende Spannung zwischen Form und Inhalt ist das eigentlich Neue, ‚Expressionistische‘ an diesem Gedicht. Die darin aufscheinende „Pathographie menschlicher Existenz“ (Thomas Anz) birgt erhebliches ideologie- und gesellschaftskritisches Potential, schließlich wird sowohl physisches als auch psychisches Leiden zur Darstellung gebracht. Im Mittelpunkt stehen Figuren, die von der Norm abweichen und diese dadurch diskreditieren.  

Als einer von wenigen fiel der Dichter nicht der Sogwirkung des „Augusterlebnisses“ von 1914 anheim. In seinem Gedicht Abschied mutmaßte er, dass er vielleicht in dreizehn Tagen tot sei. Er ist noch im selben Jahr im Weltkrieg an der Westfront in Frankreich gefallen.

Lit.: Klaus Kanzog: Lichtenstein, Alfred, in: Neue Deutsche Biographie, Bd. 14, S. 464.

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