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Biographische Skizzen Germanist

Herbert Cysarz

Geb. 19.1.1896 in Oderberg bei Ostrau (Schlesien); gest. 1.1.1985 in München. Herbert Cysarz studierte zunächst Philosophie, Psychologie, Biologie und Physik in Wien, nach der Ableistung des Kriegsdienstes, bei dem er am 18.9.1916 auf dem Monte Pasubio schwer verwundet wurde, dann die Fächer Germanistik, Anglistik, Klassische Philologie und Philosophie in Wien, unter anderem bei Walther Brecht. Im Jahr 1919 wurde er mit Erfahrung und Idee in der deutschen Literatur des klassisch-romantischen Zeitalters bei Walther Brecht und Joseph Seemüller in Wien zum Dr. phil. promoviert. Die Habilitation zum Thema Deutsche Barockdichtung, Renaissance, Barock, Rokoko (Leipzig 1924; Nachdruck Hildesheim 1979) erfolgte ebenfalls bei Walther Brecht. Seine akademische Laufbahn begann 1922 in Wien als Privatdozent für Neuere deutsche Sprache und Literatur, setzte sich 1928 als außerordentlicher, später ordentlicher Professor für Neuere deutsche Literaturgeschichte an der Deutschen Universität Prag fort, bevor er schließlich 1938 die Nachfolge seines zwangsemeritierten Lehrers Walther Brecht an der Universität München antrat. Bis Ende 1945 war er dort Lehrstuhlinhaber für Neuere deutsche Literaturgeschichte.

Wie so viele in der NS-Germanistik umkreiste auch Cysarz in seinen Schriften permanent den Lebensbegriff. Cysarz war der „Prototyp eines Lebenswissenschaftlers mit Platzierungssinn“1)Gerhard Kaiser: Grenzverwirrungen. Literaturwissenschaft im Nationalsozialismus, Akademie Verlag, Berlin 2008, S. 272. , der sich in seinen Vorträgen und Texten mit hyperbolischer Bildsprache und rhetorischem Furor von denjenigen abzuheben versuchte, die eher den Weg der „Rephilologisierung“ einschlugen und sich – politische Anklänge vermeidend – vor den NS-Ideologen in den akademischen Elfenbeinturm flüchteten.2)Ebd., S. 272 f. Cysarz war also zumindest nach außen hin ein bekennender Nationalsozialist und Ideologe, der über eine mitreißende Redekunst verfügte und daher auch über die engere Fachöffentlichkeit hinaus hohe Aufmerksamkeit erregte.

Portrait-Aufnahme von Herbert Cysarz. Quelle: https://kulturportal-west-ost.eu/biographien/cysarz-herbert-2

Inhaltlich changieren seine Texte und Vorträge dieser Zeit zwischen Germanistik und Philosophie. Literaturwissenschaft suchte er mit einer „Lebens- und Grundforschung“ zu kombinieren, die erst das solide Postament errichten sollte, auf dem dann die ehrwürdigen deutschen Schrifttümer und Literaturdenkmale in der Sonne glänzen konnten. Der Germanistik sollte so eine „umfassende Lebensdeutungskompetenz“3)Ebd., S. 279. zuwachsen, die sie über das bloße Sammeln, Archivieren und Kommentieren literarischer Texte hinausheben und Orientierung bieten sollte. Neben den gewöhnlichen epochenspezifischen Vorlesungen etwa zur deutschen Klassik las Cysarz daher auch zu philosophisch-anthropologischen Großthemen wie „Der schöpferische Mensch“ oder „Geschichte und Unsterblichkeit“4)Ebd., S. 274. , die über den germanistischen Kernbereich, der damals noch enger gefasst war als heute, weit hinausreichten und eine große Zuhörerschaft, auch anderer Fächer adressierten. Der Rassebegriff spielte bei alledem nur eine untergeordnete Rolle.5)Vgl. ebd., S. 328.

Seine lebhaften Vorträge in der NS-Zeit, in denen er wort- und bildgewaltig die ganz großen Linien des Menschseins überhaupt andeutete, boten allerdings nicht weniger als seine lebensphilosophisch tönenden Veröffentlichungen der Philosophischen Fakultät der LMU München derartige Angriffsflächen, dass sie seinen Antrag auf Wiedereinsetzung mit der bezeichnenden Begründung ablehnte: „Junge Menschen solchen unkontrollierten Ergüssen auszusetzen, ist nicht zu verantworten.“6)Zit. n. ebd., S. 273. Er wurde 1951 mit Versorgungsbezügen pensioniert, nachdem er bereits 1946 aus politischen Gründen entlassen worden war.

1923 erhielt er für seine Doktorarbeit den Wilhelm-Scherer-Preis der Berliner Akademie der Wissenschaften, 1938 den Joseph Freiherr von Eichendorff-Preis. Bis ins hohe Alter blieb seine Buchproduktion rege, und im Gegensatz zu den ideologisch fragwürdigen Publikationen aus der NS-Zeit ist etwa seine Abhandlung über die Barockdichtung auch heute noch lesenswert.

Lit.: Robert Pichl: Cysarz, Herbert, in: Christoph König (Hrsg.), unter Mitarbeit von Birgit Wägenbaur u. a.: Internationales Germanistenlexikon 1800–1950, Bd. 1, De Gruyter, Berlin/New York 2003, S. 356-358; Gerhard Kaiser: Grenzverwirrungen. Literaturwissenschaft im Nationalsozialismus, Akademie Verlag, Berlin 2008 (insb. S. 272  ff.).

References   [ + ]

1. Gerhard Kaiser: Grenzverwirrungen. Literaturwissenschaft im Nationalsozialismus, Akademie Verlag, Berlin 2008, S. 272.
2. Ebd., S. 272 f.
3. Ebd., S. 279.
4. Ebd., S. 274.
5. Vgl. ebd., S. 328.
6. Zit. n. ebd., S. 273.

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