Kategorien
Gedichtinterpretationen

Das Gedicht „Der Gelehrte“ von Max Kommerell

Dieses Gedicht zeigt, warum das Leben im Symbolhaften und Künstlerischen gerade in Zeiten der Not seine wichtigste Ausprägung erfährt.

Der Gelehrte

Tag. Das Fenster. Im Quadrat
Mir genug des Weltgesichtes.
Hohe Blumen, schlanke Tiere,
Bild der Wolke, Gang des Lichtes:
Was da in den Rahmen trat,
Wird geheim und innerlich,
Und ich reinige und ziere
Seinen Aufenthalt: mein Ich.

Nacht. Die Lampe. Wo ihr gelber
Lichtkreis schwebt auf dem Papiere,
Reden mich die Lettern an:
Tote, die ihr Schweigen brechen.
Meine Lippen ahmen ihre
Sprache leise nach. So kann,
Ach wie bald gestorben, selber
Mit den Lebenden ich sprechen.

Max Kommerell: Der Gelehrte, in: Gedichthandschrift „Verse von Bühlerhöhe“, August 1942 (zit. n. Joachim W. Storck: Max Kommerell, in: Marbacher Magazin 34 (1985), S. 44).

Die beiden Strophen dieses Gedichts von Max Kommerell illustrieren zwei Situationen im Leben eines poeta doctus. Erst den Tag, in dem das lyrische Ich aus dem Fenster blickt und die gesehenen Dinge in sein Inneres aufnimmt, dann die Nacht, in der die Bücher an die Stelle der Beobachtungen getreten sind und die Buchstaben zu sprechen beginnen.

„Das Fenster“ und „[d]ie Lampe“ geben dabei die jeweilige Perspektive vor. Durch ersteres wird der Blick gerahmt und die Welt außerhalb der Studierstube wahrgenommen, aber nicht in Form des gesamten „Weltgesichts“, sondern in Gestalt ganz konkreter, fast abstrakter Dinge: „[h]ohe Blumen, schlanke Tiere, | Bild der Wolke, Gang des Lichtes“. Sie durchlaufen ausgehend von der Wahrnehmung einen Transformationsprozess, bevor sie im Inneren der Seele angekommen und aufgehoben sind: „Was da in den Rahmen trat, | Wird geheim und innerlich“. Diese Bewegung wird mit der Reisemetaphorik weitergeführt. Die Dinge finden ihren „Aufenthalt“ im „Ich“, das geziert und gereinigt wird, um sie Willkommen zu heißen und ihren subjektiven Wert zu unterstreichen.

Der Lichtkegel der Lampe bildet sodann im Inneren des Studierzimmers den zweiten Rahmen für die Wahrnehmung. Im Gegensatz zur ersten Strophe sind es nun tote Dinge, die transformiert werden. Aus Toten werden Lebende. Im Akt des Lesens werden die Buchstaben vor den Augen des lyrischen Ichs lebendig und sprechen es an. Es ahmt im „Lichtkreis“ der Lampe „ihre | Sprache leise nach“ und kann nun [m]it den Lebenden [] sprechen.“

Der Einschub: „Ach wie bald gestorben“ macht deutlich, dass das lyrische Ich entweder bereits tot ist oder – wahrscheinlicher – in metaphorischer Weise sich schon vom normalen, bürgerlichen Leben verabschiedet hat. Wenn man den exakt spiegelverkehrten Vers der ersten Strophe mit hinzunimmt: „Mir genug des Weltgesichts“, ist eher von einer Desillusionierung oder Abscheu auszugehen. Das Wort „Weltgesicht“ könnte man mit „realer Situation“ übersetzen, wohingegen die Dinge, die im Rahmen des Fensters oder im Lichtschein der Lampe sich zeigen, Idealisierungen von Welt sind.

Schlanke Tiere, hohe Pflanzen, Bilder der Wolken repräsentieren nicht weniger als Buchstaben eine ganz besondere Weise der Welterfahrung, die die Wahrnehmung aufs Wesentliche reduziert. Sie sind Abstraktionen, aber dadurch nicht Schwundformen des Lebens, sondern seine einzigen Refugien. Leben – so könnte man dieses Gedicht deuten – erfährt im Symbolhaften und Künstlerischen seine wichtigste Ausprägung.

Als dieses Gedicht geschrieben wurde, war Max Kommerell vierzig Jahre alt. Zwei Jahre später sollte er an einer Hepatitisinfektion sterben. Es ist aber nicht die Endlichkeitsklage, die das Gedicht bestimmt, sondern der Ekel an der Welt. 1942 war der Zweite Weltkrieg auf seinem dramaturgischen Höhepunkt angekommen und der Ordinarius Max Kommerell lehrte in dieser Zeit bis zu seinem frühen Tod 1944 als Literaturwissenschaftler an der Universität Marburg. Noch war keineswegs klar, dass das nationalsozialistische Deutschland den Krieg verlieren würde, aber die zeitkritischen Töne des Autors sind unüberhörbar. Obwohl als Ordinarius für germanische Literatur im Dritten Reich tätig, hat sich Max Kommerell bereits sehr früh und ostentativ vom Nationalsozialismus distanziert. Wir – die wir wahrscheinlich auch keine Widerstandskämpfer gewesen wären – sollten diese „innere Emigration“ nicht geringschätzen. Mitläufer und Claqueure gab es genug, die die Diktatur aufrechterhielten.

3 Antworten auf „Das Gedicht „Der Gelehrte“ von Max Kommerell“

wie viel arbeit du dir machst mit den gedichten. klasse, danke schön, dass du das hier teilst. das gedicht gefällt mir gut. den dichter kannte ich noch nicht. Ich mag es, wie er die Worte setzt.
schönen sonntag dir! liebe grüße aus berlin.

Danke für den motivierenden Kommentar (so viele gibt es ja hier noch nicht). Max Kommerell etwas bekannter zu machen, den seinerzeit Walter Benjamin als „Autorität“ bezeichnete, ist mir ein Anliegen. Er weiß wirklich wie Du sagst, die Worte richtig zu setzen. Heute ist er leider fast vergessen, weil früh gestorben. Neben seinen Gedichten sind auch seine „Kasperle-Spiele“ zu empfehlen. Liebe Grüße und auch Dir einen schönen Sonntag!

Kommentar verfassen