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Dieter Nuhr über hysterische Zeiten und was dies für die Kultur des Wissens bedeutet

Man hat ihn gebeten, eine kurze Sprachnachricht über Nutzen und Vorteil der Wissenschaft einzusprechen. Als er sie schickte, dankten ihm die Auftraggeber enthusiastisch auf Twitter, denn es war eine schöne Botschaft, die in klug gewählten Worten den Wert der Wissenschaft unterstrich. Als dann der Shitstorm losbrach, distanzierte man sich von ihm und löschte den Beitrag.

So verlief neuerdings die Uraufführung einer Commedia dell’arte mit der Deutschen Forschungsgemeinschaft und Dieter Nuhr in den eher unfreiwillig eingenommenen Hauptrollen. Letzteren wollte man für die Kampagne DFG2020 – Für das Wissen entscheiden einspannen. Ein Versuch, der gründlich und mit viel Getöse gescheitert ist. Denn Teile der bundesdeutschen Öffentlichkeit, vor allem diejenigen, die auf Twitter unterwegs sind, zogen es vor, statt die Ohren aufzusperren, dem Kabarettisten seine angeblichen Verfehlungen der letzten Zeit vorzuhalten, ihn in die Riege der denkbar ungeeigneten Botschafter des Wissens einzureihen und Anstalten zu machen, ihn mit Schimpf und Schande von der Bühne zu jagen. Die DFG hat dem medialen Druck dieses Denunziantentums nachgegeben.

Dieter Nuhr. Quelle: Wikimedia commons.

Dies Stück hat emblematischen Charakter. Es führt das Gebaren einer ikonoklastischen Bewegung vor, die neuerdings übers Land zieht und alles und jeden, der über eine ausreichend große Medienpräsenz verfügt und sich kritisch zu progressiven Themen wie Fridays for future äußert wahlweise als inkompetent, böswillig oder rechts diffamiert. Arthur Schopenhauer hat diesen modus operandi in Der Kunst, Recht zu behalten im letzten seiner 38 Kunstgriffe plastisch beschrieben:

Wenn man merkt, daß der Gegner überlegen ist und man Unrecht behalten wird, so werde man persönlich, beleidigend, grob.

Arthur Schopenhauer: Die Kunst, Recht zu behalten, Frankfurt am Main 1991, S. 71

Nichts anderes spielte sich letzte Woche zwischen der aufgeregten Twitteröffentlichkeit und Dieter Nuhr ab. Bereits im Februar wurde Dieter Nuhr zu einem Interview mit der NZZ eingeladen, in dem er die Mechanismen einer pawlowschen Reflexen nachgebenden öffentlichen Erregungskultur am Beispiel seiner Person darlegte:

Woran man sich überhaupt nicht gewöhnt, ist die Subtilität, mit der versucht wird, einen zu zerstören, zu neunzig Prozent mit falscher Etikettierung, sprich, plötzlich ist man rechts oder homophob. Solche Versuche, jemanden sozusagen zu entehren, damit auf seine Argumente nicht mehr gehört wird – das ist primitives mittelalterliches Vorgehen, das ist widerlich. Und da gehe ich ja auch streng dagegen an.

Claudia Schwartz, Interview mit Dieter Nuhr, NZZ, 10.2.2020

In solchen Diskursformationen leidet vor allem eines, und zwar die abendländische Kultur des gepflegten Meinungsstreites. Dieter Nuhr hat in einem Detail Unrecht, denn gerade die Universitäten des Mittelalters förderten diese Kultur, indem sie ihre Absolventen permanent disputieren ließen. Dazu gehörte, immer erst einmal die These seines Gegenübers zu wiederholen, um sich zu vergewissern, ob man sie richtig verstanden hatte, und erst dann mit einer Gegenthese zu antworten. „Der scholastische Denker produzierte nicht seine Subjektivität; Philosophie ist ihm weder Dichtung noch Gefühl noch Standpunktsache. Man will nur der objektiven Wahrheit als solcher dienen.“1)Johannes Hirschberger: Geschichte der Philosophie, Bd. 1: Altertum und Mittelalter, Freiburg, Basel und Wien, 14. Aufl. 1976, S. 399. Insofern ist vielleicht weniger das alte Griechenland als die mittelalterliche europäische Universität die Geburtsstätte des gehobenen Meinungsaustausches, der für die Hervorbringung belastbaren Wissens so entscheidend ist.

Dieses Bewusstsein für die Notwendigkeit, auch die Argumente der anderen Seite zu hören, scheint heute abhandengekommen zu sein, und zwar nicht nur am Stammtisch, sondern auch an den altehrwürdigen Universitäten. Ein frühes Beispiel ist die medial geschürte Aufregung über Peter Sloterdijks Vortrag Regeln für den Menschenpark, in dem er vor einer erlesenen Fachöffentlichkeit angeblich für Eugenik eintrat. Von manchen Buzzwords aufgeschreckte Journalisten, die ihn offensichtlich nicht verstanden hatten, faxten dann vom Tagungsort bruchstückhaft Verkürztes an ihre Redaktionen.2)Man lese Sloterdijks Vorwort zur Suhrkamp-Ausgabe, um die Infamie dieser Anwürfe zu ermessen. Als Alice Schwarzer an einer Tagung zum Thema Kopftuch teilnahm, konnte die Veranstaltung nur unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen stattfinden, weil sie im Vorfeld massiv angefeindet wurde. Sie verbreite anti-muslimischen Rassismus, so der Vorwurf. Ein Erziehungswissenschaftler der HU Berlin konnte seine Vorlesung nur unter Polizeischutz halten, da er mehrfach von einer kleinen Gruppe lautstarker „Studierxs1“ unterbrochen wurde, die sich darüber beschwerten, für die Vorbereitung einen Text von Immanuel Kant lesen zu müssen. Kant sei ein Rassist, hieß es; eine anachronistische Unterstellung, die in jüngster Zeit selbst in den Feuilletons großer deutscher Tageszeitungen reüssierte.3)Dieser Meinung kann man sein, hier geht es nur um die Instrumentalisierung dieser Einschätzung. Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler kann seit langem nicht mehr ungestört lesen, weil Studenten einen Blog „Münkler-Watch“ betreiben und ihm aus der Anonymität heraus in Dauerschleife Rassismus und Sexismus vorwerfen.

Die Darstellung dieser Vorgänge, die nur die Spitze des Eisbergs freilegt, kapriziert sich auf keine Kleinigkeiten, denn diese Entwicklungen zeigen in aller Deutlichkeit eines: Eine ikonoklastische, anti-historistische und wissensfeindliche Bewegung hat das Land erfasst. Ohne die Voraussetzungen der Wissenskultur zu verstehen, strömt sie aus, um vermeintliche Abweichler von der herrschenden Moral wieder auf den Pfad der Tugend zu leiten. Die Gebildeteren unter den Bilderstürmern folgen poststrukturalistischen Paradigmen und sehen sich als Speerspitze der Wissenschaft, da sie vermeintlich viel tiefer und weiter sehen als die mit eher herkömmlichem Methodenrepertoire operierenden Fachwissenschaftler. Die Twitterversion kommt oft viel vulgärer daher.

Wer sich mit den Streitschriften der Reformation und Gegenreformation beschäftigt hat, erkennt manche Argumentationsfiguren wieder, mit dem Unterschied, dass jetzt nicht mehr über Glaubenssätze gestritten wird, die immer einen schwachen epistemologischen Charakter haben. In unseren Tagen leitet eine von den Universitäten herkommende Bewegung aus ihrer vulgär-poststrukturalistischen Sozialisation ein Deutungsmonopol ab, das sie in die Medien und den politischen Raum trägt, um damit die jahrhundertealte Wissenskultur europäischer Prägung – vielleicht auch wider Willen – zu untergraben. Universitäten sollten aber Horte eines wirklich freien Meinungsaustausches sein, in dem nicht das ad-personam-Argument und moralinsaurer Dogmatismus regiert (Jacques Derrida und Michel Foucault drehen sich momentan vermutlich im Grabe herum). Dazu gehört auch, sich mit Denkfiguren auseinanderzusetzen, die einem auf den ersten Blick unmoralisch oder unplausibel erscheinen, aber allein schon rezeptionsgeschichtlich von Bedeutung sind. Sobald Platon, Kant oder Wilhelm von Humboldt aus universitären Veranstaltungen verbannt werden, weil ihre Werke angeblich rassistische oder kolonialistische Residuen aufweisen, ist die geisteswissenschaftliche Universität nicht mehr lebensfähig.

Sollte diese Tendenz andauern oder sogar an Stärke gewinnen, steht dem geistigen Leben in Deutschland keine gute Zukunft bevor. Nicht zufällig erlebten die deutschen Lande nach Aufklärung und Deutscher Klassik, die eine Kultur der Toleranz in Denken und Reden ermöglichten und ihrem Selbstverständnis nach beförderten, einen immensen Aufschwung, der das lange 19. Jahrhundert hindurch trug und erst in den 1930er Jahren erlahmte, als Behemoth sich erhob.

UPDATE vom 10.8.2020: Die DFG hat den Beitrag von Dieter Nuhr wieder online gestellt. Sie hat eingestanden, einen Fehler gemacht zu haben, und einen Kommentar veröffentlicht, in dem zugegeben wird, dass wir aktuell eine ungute Debattenkultur haben, „in der weniger zugehört und nachgefragt, sondern immer häufiger vorschnell geurteilt und verurteilt wird.“ Man möchte dies „zum Anlass nehmen, eine intensive Auseinandersetzung mit der aktuellen Debattenkultur rund um die Wissenschaft anzustoßen.“ Diese Entscheidung ist überaus begrüßenswert und lässt hoffen, dass die Kultur des Wissens in Deutschland nicht auf gänzlich tönernen Füßen steht.

Hier noch ein Lesetipp: Yascha Mounk: Kollektive Zensur, in: Die Zeit, 12. August 2020.

References   [ + ]

1. Johannes Hirschberger: Geschichte der Philosophie, Bd. 1: Altertum und Mittelalter, Freiburg, Basel und Wien, 14. Aufl. 1976, S. 399.
2. Man lese Sloterdijks Vorwort zur Suhrkamp-Ausgabe, um die Infamie dieser Anwürfe zu ermessen.
3. Dieser Meinung kann man sein, hier geht es nur um die Instrumentalisierung dieser Einschätzung.

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