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Biographische Skizzen Literaturwissenschaft im Nationalsozialismus

Fritz Martini

Geb. 5.9.1909 in Magdeburg; gest. 5.7.1991 in Stuttgart. Martini studierte 1928-1931 Deutsche und Englische Philologie, Geschichte und Philosophie in Zürich, Graz, Heidelberg sowie in Berlin. Die Promotion erfolgte 1934 in Berlin bei Julius Petersen: Der Raum in der Dichtung Wilhelm Raabes, später gedruckt als Die Stadt in der Dichtung Wilhelm Raabes, Berlin 1934. Nach einer Station als wissenschaftlicher Assistent bei seinem Doktorvater am Literaturwissenschaftlichen Seminar in Berlin arbeitete Martini als Lektor im Verlag Volksverband der Bücherfreunde in Berlin. 1938 war er Assistent am Literaturwissenschaftlichen Seminar der Universität Hamburg, 1939-1943 Privatdozent für Deutsche Philologie und Allgemeine Literaturwissenschaft, 1943-1950 dann außerordentlicher Professor für Ästhetik und allgemeine Literaturwissenschaft an der TH Stuttgart.

Allerdings ruhte seine Tätigkeit als Wissenschaftler, als er von 1940-1944 Kriegsdienst als Gefreiter leistete, vor allem im Deutsch-Sowjetischen Krieg. Im letzten Jahr des Krieges war er außerdem Dolmetscher der deutschen Wehrmacht in Italien. Er geriet 1945 in englische Kriegsgefangenschaft. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er von 1948 bis 1954 Leiter der Abteilung für Geisteswissenschaften und Bildungsfächer an der TH Stuttgart und von 1950 bis zu seiner Emeritierung 1974 schließlich ordentlicher Professor für Ästhetik und allgemeine Literaturwissenschaft. Sein bekanntestes Werk ist die Deutsche Literaturgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Stuttgart 1949.

Martini trat bereits 1933 in die NSDAP ein, seine Position innerhalb der Germanistik im Dritten Reich ist dennoch schwierig zu bestimmen. Einerseits weisen sowohl die Themenwahl (Heinrich von Kleist) als auch inhaltlich völkische Positionierungen in seinem Werk Fritz Martini jedenfalls vordergründig als einen überzeugten Nationalsozialisten aus. Offenkundig um eine Stellung als ordentlicher Professor bemüht, versuchte er sich den Nationalsozialisten als ideologisch zuverlässiger Literaturwissenschaftler anzudienen. Auch veröffentlichte er 1941 einen Beitrag in der berüchtigten Buchreihe Von Deutscher Art in Sprache und Dichtung. Andererseits fehlen allzu deutliche Tribute an den Zeitgeist. In der Monographie Heinrich von Kleist und die geschichtliche Welt aus dem Jahr 1940 wird bspw. Hitler nicht erwähnt, obwohl man nicht allzu weit hätte gehen müssen, um die historischen Parallelen explizit zu machen.

Man muss in Martini wohl einen Taktiker und Opportunisten sehen, der zwar in den Schriften jener Zeit weltanschauliche Signale an die Machthaber und die Entscheidungsträger in der nationalsozialistischen Germanistik senden wollte, um auf sich aufmerksam zu machen und um bei Berufungsverfahren berücksichtigt zu werden, aber dabei auch nicht zu weit gehen wollte.

Lit.: Detlev Schöttker: Martini, Fritz, in: Christoph König (Hrsg.), unter Mitarbeit von Birgit Wägenbaur u. a.: Internationales Germanistenlexikon 1800–1950, Bd. 2, De Gruyter, Berlin/New York 2003, S. 1164-1166; Gerhard Kaiser: Grenzverwirrungen. Literaturwissenschaft im Nationalsozialismus, Berlin 2008 (insb. S. 111 ff.); Martini, Fritz, in: NDB online.

Eine Antwort auf „Fritz Martini“

[…] Gegen Walter Rehm bestanden in der Frühphase des Dritten Reiches weltanschauliche Bedenken. Erst nachdem sich das Regime aufgrund schlechter Erfahrungen mit NS-Eigengewächsen entschieden hatte, wieder ausgewiesene Koryphäen auf Lehrstühle für Neuere deutsche Literaturgeschichte zu berufen, konnte Rehm Ordinarius werden. Auch nach der Anfangszeit des Dritten Reiches wurden in den entsprechenden Gutachten bei den Berufungsverfahren zwar Bedenken gegen Wissenschaftler wie Rehm geäußert, diese wurden nunmehr aber nicht weiter beachtet. Walter Rehm insistierte auch während seiner Tätigkeit in der NS-Zeit auf „auf einem eigensinnigen Wissenschaftsethos“ (Kaiser) und kann daher als Muster gelten, wie man auch angesichts widriger äußerer Umstände Haltung bewahrt und nicht zum Opportunisten wird. Zur Karriere eines typischen Opportunisten im NS-Regime siehe den Beitrag zum Germanisten Fritz Martini. […]

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