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Günther Müller

Geboren am 15.12.1890 in Augsburg, gestorben am 9.7.1957 in Bonn. Der einflussreiche Germanist Günter Müller studierte ab 1909 Klassische Philologie, Germanistik, Philosophie und evangelische Theologie in Würzburg, München, Leipzig sowie Göttingen und trat gleichzeitig unter dem Pseudonym Günther Mürr als Lyriker in der expressionistischen Zeitung Der Sturm in Erscheinung. Er wurde 1921 in Göttingen mit einer Arbeit über Die Magie in Clemens Brentanos Romanzen vom Rosenkranz promoviert und im Jahr darauf ebenfalls in Göttingen Zum Formproblem des Minnesangs habilitiert.

Nach Stationen als Gymnasiallehrer, Hauslehrer, Privatdozent in Göttingen und als außerordentlicher Professor in Fribourg (Schweiz) lehrte er ab 1930 in Münster deutsche Literaturgeschichte. Aufgrund seiner katholisch grundierten Lehre und Forschung – er war 1920 zum Katholizismus konvertiert – geriet er in Konflikt mit der naturwissenschaftlich-philosophischen Fakultät, die schon seiner Berufung nicht zugestimmt hatte. Man entzog ihm im März 1935 die Prüfungsbefugnis und versuchte ihn durch den linientreuen Heinz Kindermann zu ersetzen, was aber erhebliche Probleme mit sich brachte und vorerst scheiterte.1)Vgl. Andreas Pilger: Nationalsozialistische Steuerung und die „Irritationen“ der Literaturwissenschaft. Günther Müller und Heinz Kindermann als Kontrahenten am Münsterschen Germanistischen Seminar, in: Literaturwissenschaft und Nationalsozialismus, hg. v. Holger Dainat und Lutz Danneberg, Tübingen 2003, S. 107-126. „Kindermanns Preisgabe wissenschaftlicher Standards zugunsten ideologischer Anpassung hat ihn innerhalb der scientific community diskreditiert.“2)Pilger, Nationalsozialistische Steuerung, S. 116.

Erst 1943 erfolgte auf Druck der Gauleitung Westfalen-Nord schließlich die „freiwillige“ Versetzung in den Ruhestand. Nicht verschwiegen werden sollte Müllers Aufsatz Die Grundformen der deutschen Lyrik im berüchtigten Sammelband Von deutscher Art und Dichtung (1941), der sich qua Publikationsort in den „Kriegseinsatz der Germanistik“ eingliedert. Dies ist jedoch als oberflächliches Zugeständnis an den Zeitgeist zu verstehen.3)Vgl. Gerhard Kaiser: Grenzverwirrungen. Literaturwissenschaft im Nationalsozialismus, Akademie Verlag, Berlin 2008, S. 338 f. Nach dem Krieg war Müller dann zwischen 1946 und 1956 Ordinarius in Bonn. 1949 erhielt er den ersten deutschen Doktor honoris causa der Universität Cambridge nach dem Zweiten Weltkrieg.

Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehörten die Renaissance, das 17. Jahrhundert, Goethe und die Dichtungsmorphologie, was in gewichtigen Monographien wie Deutsche Dichtung von der Renaissance bis zum Ausgang des Barock (1927, Ndr. 1957), Höfische Kultur (1929) oder Geschichte der deutschen Seele. Vom Faustbuch zu Goethes Faust (1939/1967) mündete. In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete er an der Konzeption einer Morphologischen Poetik4)Morphologische Poetik. Gesammelte Aufsätze, Darmstadt 1968., einer Formanalyse, die sich an der Dichtung Goethes (z. B. Die Metamorphose der Pflanze, 1798) sowie an dessen naturwissenschaftlichen Schriften orientiert. Formgeschichtliche Studien gingen dem voraus, so etwa zum höfischen Barockroman.5)Müller, Günther: Barockromane und Barockroman, in: Literaturwissenschaftliches Jahrbuch der Görres-Gesellschaft 4 (1929), S. 1–29. Eingang in die heutigen Einführungsbücher zur Narratologie hat die Unterscheidung von „Erzählzeit“ und „erzählter Zeit“ gefunden.   

Lit.: Safia Azzouni: Müller, Günther, in: Christoph König (Hrsg.), unter Mitarbeit von Birgit Wägenbaur u. a.: Internationales Germanistenlexikon 1800–1950, Bd. 2, De Gruyter, Berlin/New York 2003, S. 1281-1283; Holger Dainat: Voraussetzungsreiche Wissenschaft. Anatomie eines Konflikts zweier NS-Literaturwissenschaftler im Jahre 1934, in: Euphorion 88 (1994), S. 103–122; Ders.: Müller, Günther, in: NDB, Bd. 8, S. 395-397; Gerhard Kaiser: Grenzverwirrungen. Literaturwissenschaft im Nationalsozialismus, Akademie Verlag, Berlin 2008 (insb. S. 338  ff.); Andreas Pilger: Nationalsozialistische Steuerung und die „Irritationen“ der Literaturwissenschaft. Günther Müller und Heinz Kindermann als Kontrahenten am Münsterschen Germanistischen Seminar, in: Literaturwissenschaft und Nationalsozialismus, hg. v. Holger Dainat und Lutz Danneberg, Tübingen 2003, S. 107-126.

References   [ + ]

1. Vgl. Andreas Pilger: Nationalsozialistische Steuerung und die „Irritationen“ der Literaturwissenschaft. Günther Müller und Heinz Kindermann als Kontrahenten am Münsterschen Germanistischen Seminar, in: Literaturwissenschaft und Nationalsozialismus, hg. v. Holger Dainat und Lutz Danneberg, Tübingen 2003, S. 107-126.
2. Pilger, Nationalsozialistische Steuerung, S. 116.
3. Vgl. Gerhard Kaiser: Grenzverwirrungen. Literaturwissenschaft im Nationalsozialismus, Akademie Verlag, Berlin 2008, S. 338 f.
4. Morphologische Poetik. Gesammelte Aufsätze, Darmstadt 1968.
5. Müller, Günther: Barockromane und Barockroman, in: Literaturwissenschaftliches Jahrbuch der Görres-Gesellschaft 4 (1929), S. 1–29.

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