Literarische Moderne

Vorbemerkung

‚Literarische Moderne‘ ist ein Epochenbegriff, der sich von seinen stilbegrifflichen Pendants wie Symbolismus, Jugendstil, Expressionismus abhebt. Auch örtliche Epochenbegriffe wie Wiener Moderne oder temporale wie Fin de Siècle sind nur bedingt geeignet, das facettenreiche literarische Leben um und nach 1900 zu fassen. Unter ‚literarischer Moderne‘ werden diese Epochenbezeichnungen, die jeweils einzelne literarische Unterströmungen genauer bezeichnen, in den einschlägigen Nachschlagewerken der letzten Jahre subsumiert.

Salons und Cafés sind für die literarische Kultur der Jahrhundertwende von großer Bedeutung. In ihnen konnte man die Tageszeitungen lesen, konnte in der Menge die Einsamkeit pflegen, man konnte aber auch über die Tagespolitik diskutieren oder selbst geschriebene Text vorstellen. Besonders bekannt war dafür das Café Griensteidl in Wien. Foto Quelle: Wikimedia commons.

Es ist daher nicht beabsichtigt, diese literarischen Unterströmungen genauer einzugrenzen und zu kategorisieren, vielmehr scheint es angebracht, anhand von Werk und Biographie der jeweiligen Literaten die jeweils stilprägenden Elemente besonders hervorzuheben. Dies ist schon allein deswegen sinnvoll, weil einige von ihnen im Laufe ihres Schaffens mehrere Stilepochen durchlaufen oder – wie Else Lasker-Schüler – zeitgleich mehreren zugerechnet werden.

Die folgende literaturhistorische Übersicht geht dennoch auf die genannten literarischen Unterströmungen ein, ohne dabei aber eine jeweils gültige Definition bieten zu wollen. Entscheidend ist vielmehr die Chronologie, da die meisten literarischen Bewegungen der Zeit eine Reaktion auf die vorangegangenen sind. Für die genauere Einordnung sei daher auf die jeweiligen biographischen Skizzen der behandelten Schriftsteller und Schriftstellerinnen verwiesen.

Literaturhistorische Übersicht

„Am Anfang war Napoleon“. So eröffnet Thomas Nipperdey seine dreibändige Deutsche Geschichte (1800-1918). Übertragen auf den hier behandelten Zeitraum müsste es heißen: „Am Anfang war Nietzsche“. Während sich die „zu spät“ gekommene Nation an neuer Größe berauschte, stellte Friedrich Nietzsche (1844-1900) dem ungebrochenen Fortschrittsoptimismus seinen Weltpessimismus gegenüber. Optimistisch war er nur für eine ferne Zukunft, die einst einen „Übermenschen“ hervorbringen werde. Vorher war aber das tiefe Tal des Nihilismus in aller Konsequenz zu durchschreiten, was nur durch eine „Umwertung aller Werte“ zu erreichen schien.

Nietzsche trat als scharfer Kritiker der gängigen bürgerlichen Bildung und der durch sie propagierten Anschauungen und Werte in Erscheinung. Damit wurde er zum Herold einer ganzen Schar von Dichtern, die wie er überall Verflachung witterten und der deutschen Sprache einen neuen Ton abringen wollten. Gegen den Naturalismus mit seinem Ideal der exakten Nachzeichnung der Wirklichkeit erkannte man wieder die Formgesetze der Dichtung an. Das Vorbild war der französische Symbolismus mit Baudelaire, Mallarmé, Rimbaud und Verlaine als seine wichtigsten Autoren. In Deutschland wirkten George, Hofmannstahl und Rilke stilbildend.