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Max Kommerell

Die Biographie eines genialen Germanisten und Dichters, der viele seiner Zeitgenossen in Bann zog, aber heute beinahe vergessen ist.

*** noch in Arbeit ***

Eine symbolische Szene ist mir in Erinnerung geblieben, als wir – einige literaturbeflissene Freunde und ich – die Max Kommerell-Ausstellung in Münsingen Anfang August 2020 besuchten. Ich stand vor dem Bürgerhaus, noch keiner meiner Kompagnons war da. Kurz bevor es um 10 Uhr öffnete, trat eine freundliche Mitarbeiterin des Hauses an mich heran und fragte nach meinem Anliegen. Als ich entgegnete, ich sei des Dichters Max Kommerell wegen hier und würde gerne die Ausstellung besichtigen, stutzte sie. Sie hatte diesen Namen offenbar noch nie gehört, obwohl er in die gläserne Front des Bürgerhauses eingraviert ist. Als ich zuvor nachgefragt hatte, ob man die Max-Kommerell-Ausstellung trotz Covid-19 besuchen könne, schrieb mir der Stadtarchivar, dem ich zu Dank verpflichtet bin, freundliche E-Mails, in denen er mich vorwarnte, es gebe nur zwei oder drei Vitrinen im Bürgerhaus, mithin keine Ausstellung im eigentlichen Sinn. Er bot mir aber kostenfrei mehrere Exemplare des Marbacher Magazins an, in denen Joachim W. Storck 1985 die Lebensgeschichte Max Kommerells mustergültig niedergelegt hatte. Seine Biographie bildet den Grundstock für diesen Artikel.

Max Kommerell wurde am 25.2.1902 in Münsingen geboren. Seine Mutter Julie stammte aus Öhringen im Hohenloher Land, der Vater Eugen wurde in Tübingen geboren. 1903 zog die Familie nach Waiblingen, da der Vater dort eine Stelle als Medizinalrat antrat. 1912 verlor er bereits seine Mutter, sodass er unter der Obhut seiner älteren Schwester Hedwig stand, die dem Vater den Haushalt führte. Der eigentliche Mittelpunkt seiner Kindheit war aber Steinkirchen bei Künzelsau, wo seine Lieblingsschwester, genannt „Jul“, den Pfarrer Treumund Strebel geheiratet hatte. Im zweiten Kriegsjahr fiel ihr Mann im Ersten Weltkrieg, was den jüngeren Bruder noch enger an seine Schwester band. Im Pfarrhaus in Steinkirchen verbrachte er alle seine Ferien. Nach Kriegsende zog die vaterlose Familie dann nach Cannstatt, wo Max bereits das humanistische Gymnasium besuchte.

Max Kommerell mit der Schwester Jul in Steinkirchen, Sommer 1916. Quelle: Joachim W. Storck: Max Kommerell, in: Marbacher Magazin 34 (1985), S. 35.

In Steinkirchen lernte der Vierzehnjährige den 22 Jahre älteren Lehrer Ernst Kayka kennen, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband. Im Briefwechsel zeigt sich bereits früh eine geistige Intensität, die man – wenn überhaupt – für etwa zehn Jahre Ältere erwarten würde. Sein damaliges geistiges Umfeld ist ganz vom Ersten Weltkrieg bestimmt, eine Atmosphäre, die ähnlich wie heute von tiefen ideologischen Gräben und von Konformitätsdruck geprägt war. Er lernte in dieser Zeit den Schweizer Dichter Carl Spitteler kennen, der später den Literaturnobelpreis erhielt. Er und der Reformpädagoge Gustav Wyneken fördern in ihm den charakterlich bereits angelegten Zug des widerständigen, nicht-konformistischen Denkens. 1916 schreibt der Vierzehnjährige mit Bezug auf ein Pamphlet, in dem eine anti-nationalistische Rede Spittelers im Jahr 1914 scharf kritisiert worden war, an einen Schulfreund:

Da sah ich, wie der Patriotismus, der gegenwärtig die Hauptstimme hat, lästert u. beschimpft jeden, der sachlich nicht national engherzig […] urteilt. […] Wenn das Vaterland etwas fordert, so bin ich bereit zu opfern. Aber mir schwellt der glückliche Umstand das Herz, daß ich zu höherem Leben u. Streben erwacht bin, u. erst in zweiter Linie der, daß ich ein Deutscher bin.

Brief an Walter Kappus, zit. n. Joachim W. Storck: Max Kommerell, in: Marbacher Magazin 34 (1985), S. 6.

Nachdem er das Abitur mit 17 Jahren glänzend bestanden hatte, zog ihn seine Neigung zu Literatur und Kunst – er schrieb bereits 1916 Gedichte und konnte sehr gut Klavier spielen – zum Studium von Deutscher und Romanischer Philologie, Geschichte, Philosophie und Musikwissenschaft zuerst nach Tübingen, dann nach Heidelberg, wo er die Vorlesungen des damals bekanntesten Germanisten Friedrich Gundolf hörte, und schließlich ab dem Wintersemester 1921/22 nach Marburg.

Im Juni 1921 hatte ihn Friedrich Wolters noch in Heidelberg in den George-Kreis eingeführt, dem er fast zehn Jahre lang angehören sollte. Der Eintritt in diesen Künstlerkreis um den berühmten Dichter Stefan George (1868-1933) hatte das Ende seiner Beziehung zu seiner Freundin Else zur Folge, die er mit der Unterwerfung unter den „Meister“ begründet: „Ich darf keine Worte der Leidenschaft zu Dir mehr in den Mund nehmen, und was sich nicht anders bannen kann, verschweige ich.“1)Zit. n. Joachim W. Storck: Max Kommerell, in: Marbacher Magazin 34 (1985), S. 10. Diese Beziehung wird mit Männerfreundschaften eingetauscht, zuerst mit dem Hallenser Hans Anton, der ebenfalls dem George-Kreis angehörte und „ein schöner Knabe“2)Ebd., S. 11. gewesen sei, später mehr und mehr mit Stefan George selbst, der den jungen Verehrer verheißungsvoll „Maxim“ nennt und schöne Gedichte über ihn schreibt.

Es folgte eine sehr intensive Zeit, die von gemeinsamer Lektüre, Spaziergängen und Reisen geprägt war. So führt es die Freunde 1922 für mehrere Wochen nach Berlin, 1923 nach Kärnten und Oberitalien, worüber Kommerell in vielen Briefen Zeugnis ablegt. Sein Stil verändert sich jetzt, er wird pathetischer und esoterischer. Auch in der Orthographie gleicht er sich dem Meister an, erkennbar an der Vermeidung von Schlusszeichen und der durchgängigen Verwendung der Kleinschreibung.

Stefan George mit jüngeren Freunden im Garten von Friedrich Wolters. Von links nach rechts: Johann Anton, Ewald Volhard, Stefan George, Max Kommerell, Friedrich Wolters, Walter Elze. Quelle: Joachim W. Storck: Max Kommerell, in: Marbacher Magazin 34 (1985), S. 39.

In Marburg fungiert Friedrich Wolters als sein Mentor, für die Doktorarbeit muss er sich aber einen Fachgermanisten suchen. Er findet ihn in Ernst Elster und promoviert 1924 über Jean Pauls Verhältnis zu Rousseau. Der bedeutende Jean-Paul-Forscher Eduard Berend lobt in seiner Rezension zwar Kommerells „gutes Verständnis“ für Jean Pauls Dichtung, hebt auch den souveränen Umgang mit der Forschungsliteratur hervor, kritisiert aber die zu ungerechte Beurteilung des französischen Philosophen und die zu einseitige Bevorzugung des deutschen Dichters. Auch vernachlässige er den Humor des Dichters zugunsten seiner Pathetik.3)Vgl. ebd., S. 14. Letzteres zeigt den Einfluss des George-Kreises nur allzu deutlich, in dem man Jean Paul in geradezu messianischer Weise huldigte (Deutsche Dichtung: Jean Paul, ein Stundenbuch für seine Verehrer).

Nach dem Abschied aus Marburg begannen sechs Jahre ruhelosen Umherreisens, in denen er Stefan George als „Amanuensis“ diente: „mein Leben ist Wanderschaft, und das Reiseziel bestimmt sich augenblicklich und wechselnd nach dem augenblicklich zu Tuenden.“4)Ebd., S. 14. Er plant für George, er führt seine Korrespondenz, arbeitet aber gleichzeitig auch an eigenen Projekten. Er beginnt an einem Buch zu schreiben, das ihn schlagartig bekannt machen sollte: Der Dichter als Führer in der deutschen Klassik.

Das Werk erscheint 1928 im Hausverlag Georges bei Bondi in Berlin und versammelt im Untertitel die großen Namen der Literaturgeschichte: Klopstock. Herder. Goethe. Schiller. Jean Paul. Hölderlin. Der bei der Publikation Sechsundzwanzigjährige begründet diese Auswahl und die Stellung der behandelten Dichter in einer „Vorbemerkung“ damit, dass er „gewillt“ sei, „die Dichter darin auftreten zu lassen als Vorbilder einer Gemeinschaft als wirkende Personen.“ Über „Schrifttum und Schrifttumsfehden“ sei „der ungeheure deutsche Kräftestrom in jener Zeit“ übersehen worden, wofür diese Dichter „sinnbildliche, stellvertretende Figuren“ seien. Auch Jean Paul und Hölderlin gehörten hierzu, weil sie vom „Erlebnis Weimars“5)Alles zit. n. ebd., S. 15. mitbedingt seien und nun einmal in der selben Zeit gewirkt hätten.

Die Worte „Führer“ und „Führertum“ hatten damals Konjunktur. Stefan George, der sie selbst zuweilen gebrauchte, kritisierte aber die Unbefangenheit, mit der sie Kommerell auf die Klassik übertrug. In einem Brief an den Zögling bezeichnete er dies als „misslich“.6)4. Jan. 1929, zit. n. ebd., S. 16. Kommerell fand aber einen wesentlich fundierten Kritiker seines Buches.

Stefan George. Quelle: Joachim W. Storck: Max Kommerell, in: Marbacher Magazin 34 (1985), S. 38.

In größtmöglichem ideologischen Abstand verfolgte Walter Benjamin das Treiben des George-Kreises, sah sich aber offenbar dennoch genötigt, eine Rezension zu Kommerells Buch zu schreiben, eine sehr tiefschürfende noch dazu. Das Unbehagen bei gleichzeitiger Bewunderung kommt schon im Titel zum Ausdruck: Wider ein Meisterwerk.7)Walter Benjamin: Rezension zu Max Kommerell, Der Dichter als Führer in der deutschen Klassik. Klopstock, Herder, Goethe, Schiller, Jean Paul, Hölderlin. Berlin: Georg Bondi 1928. 486 S., in: Walter Benjamin: Gesammelte Schriften, Bd. 3 (Kritiken und Rezensionen), Frankfurt am Main 1991, S. 409-417. Trotz der ideologischen Vorbehalte würdigte Benjamin „die Qualität des Werks“. „Selten ist so Geschichte der Dichtung geschrieben worden“. Dies Buch zeuge, so Benjamin, „von einziger Genauigkeit und Kühnheit des Blicks“. „Der Reichtum echt anthropologischer Einsichten“ sei „zum Erstaunen.“ Die Kritik setzt dann an der mangelnden Unvoreingenommenheit Kommerells an, der die Deutsche Klassik aus der Brille der George-Schule heraus deute. Das Werk sei „in Wahrheit eine Heilsgeschichte der Deutschen.“ „Eine Lehre vom wahren Deutschtum und den unerforschlichen Bahnen des deutschen Aufstiegs kreist zukunftsschwanger um die Verwandtschaft des deutschen und des griechischen Ingeniums.“ Lob und Kritik sind berechtigt.

Im Herbst 1928 wendet sich Kommerell dann plötzlich der Mediävistik zu, insbesondere der mittelalterlichen Metrik, was von seiner intellektuellen Neugier zeugt, aber auch von seiner Leidensfähigkeit, mit der er die Grundlagen seines Faches erforschte. Übrigens hat er von seinen Studenten und Doktoranden immer gefordert, das Handwerk zu beherrschen. Dazu gehörten für ihn die Grundlagen der Verskunst ebenso wie das Verständnis der lateinischen Sprache. 1930 mündeten seine altgermanistischen Studien in die Habilitation an der Universität Frankfurt am Main über Die Stabkunst des deutschen Heldenliedes.

In diese Periode fällt auch die Abkehr von George. In Briefen an seine Schwester Jul bekennt er, dass er während dieser zehn Jahre als engster Vertrauter des großen Dichters sehr viel erlebt, gelernt, aber auch durchlitten habe. Es entspann sich eine Phase von etwa einem Jahr, in der seine Wandlung immer deutlicher wurde und in der er sich letztlich gänzlich aus dem Kreis zurückzog, begleitet von diversen Spannungsbögen, die solches oft mitzubringen pflegt.

An die Stelle des Künstlerbundes tritt nun die erfüllende Tätigkeit als Hochschullehrer in Frankfurt. Zunächst ist er dort Privatdozent für Germanische Philologie, 1938 dann außerplanmäßiger Professor. Im Rückblick schilderte ein Schüler aus der Frankfurter Zeit das Auftreten und die Wirkung Max Kommerells auf seine Zuhörer:

Als ich Max Kommerell im Frühjahr 1933 in einem kleinen, hellen Hörsaal der Universität Frankfurt zum ersten Mal gegenüber saß, war ich von seiner Persönlichkeit stark bezaubert. Ein Mann mit kindlich-strahlenden blauen Augen, aus denen das Schichtengefüge der Seele merkwürdig herausleuchtete, stand vor mir. Es kennzeichnete ihn, eine seelische Rätselhaftigkeit im Blick und im Ausdruck, etwas Unalltäglich-Glänzendes, das aus einer fernen Welt zu kommen schien. Er war damals 31 Jahre alt. Es schien, als ob die einzelnen Altersschichten in ihm, das Kind, der Jüngling und der Mann noch gleichzeitig ineinander lagen und dass diese Schichten sich abwechselnd in Gebärde und Ausdruck hervorkehrten. Es war auch die Geschlechterpolarität in ihm wie gleichzeitig anwesend. Sie kam zum Ausdruck in einer beweglichen Schönheit des Mienenspiels wie in der Lebendigkeit seines Sprechens.

Zit. n. Joachim W. Storck: Max Kommerell, in: Marbacher Magazin 34 (1985), S. 57.

Ein weiterer Schüler, der später sehr bedeutende Goetheforscher Arthur Henkel, erinnerte sich an diese Jahre folgendermaßen:

Seine akademische Wirkung war, am Normalen gemessen, kurz, dafür von einer unvergeßlichen Intensität. Schwer zu sagen, worin eigentlich der Zauber seiner Lehrerschaft bestand. Aber so erfuhren es die, welche das Glück hatten, in Frankfurt, Köln und Marburg seine Schüler zu sein: jede Vorlesung, jedes Seminar wurde zu einem Fest des Geistes. Nicht im Sinne von Pathos, festrednerischer Steigerung des Tons, sondern im Sinne einer ebenso sach- und texttreuen Nüchternheit wie auch souverän-geistreicher Heiterkeit und Urbanität des geistigen Klimas. Eine leidenschaftliche Ergriffenheit vom dichterischen Wort schwelgte nicht in Tiefsinn, erging sich eher in einem unbändigen Spieltrieb, in welchem der Ernst des Spiels sich begabte mit Witz, Laune, gescheiter Glosse, bisweilen koboldhaft durchheitert.

Zit. n. Joachim W. Storck: Max Kommerell, in: Marbacher Magazin 34 (1985), S. 59.

Im Vergleich zu vorher verlief Kommerells universitäre Karriere nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 nur sehr schleppend. In Berufungsverfahren wurde er häufig übergangen8)Vgl. Gerhard Kaiser: Grenzverwirrungen. Literaturwissenschaft im Nationalsozialismus, Akademie Verlag, Berlin 2008, S. 103., zuallererst wegen mangelnder Linientreue, weil er sich seinen Studenten gegenüber ganz unbefangen als unangepasster Hochschullehrer zeigte. Die Studentin Dorothea Hölscher-Lohmeyer schildert in ihren Erinnerungen an Max Kommerell in den dreißiger Jahren folgende Szene:

[D]ie großen Hörsäle der germanistischen Vorlesungen, angefüllt mit dreihundert bis vierhundert Studenten, ein Drittel davon etwa in SA-Uniformen; inmitten der Kolleganschläge am schwarzen Brett der philosophischen Fakultät: Tillich liest nicht, Wertheimer beurlaubt, Gelb beurlaubt, die Ankündigung eines Seminars: Max Kommerell, die Brüder Grimm. Ein kleiner abgelegener Hörsaal, zehn bis zwölf Studenten, Kommerell, einunddreißigjährig, kommt herein, setzt sich auf die Tischplatte der ersten Bankreihe, das Katheder im Rücken, die Beine in der Luft baumeln lassend und beginnt – beginnt ohne weiteres: ohne programmatische Einleitung den sogenannten „historischen“ Augenblick betreffend, ohne ideologische Begründung der Beschäftigung – in diesem „Moment“ – mit Märchen. Und während er die Themen der Referate unter das Dutzend Teilnehmer vergibt, schwätzt er unbekümmert in seiner hintergründig einfältigen, herausfordernd koboldigen Art. Das wirkte an sich schon ungewöhnlich, in diesem Augenblick aber ebenso befreiend – wie verboten. Das Private wurde zum Politikum.

Zit. n. Joachim W. Storck: Max Kommerell, in: Marbacher Magazin 34 (1985), S. 56.

Im gleichen Jahr publiziert er das 400 Seiten starke Buch Jean Paul, das als Nebenprodukt seiner Frankfurter Vorlesungen entstand. Es holte den Hofer Dichter aus der verstaubten, biedermeierlichen Ecke heraus und wurde von der Fachöffentlichkeit begeistert aufgenommen. Oskar Loerke, der Dichter und Lektor des S. Fischer Verlags, urteilt, Max Kommerell habe „den von Kärrnern gehäuften Teil der auslegenden Literatur über Jean Paul der Vernichtung überantwortet.“ Im ersten Teil schließe das Buch „das klingende Südreich der Dichtung Jean Pauls“ auf, der zweite Teil dann „das philosophische Nordreich seines Humors“.9)Zit. n. Storck, Max Kommerell, S. 51 f.

Auch Walter Benjamin reiht sich wieder unter die Rezensenten. Unter dem schönen Titel Der eingetunkte Zauberstab bestätigt er Kommerell, „worauf seit langem unter den deutschen Literaturhistorikern kaum einer Anspruch machen konnte: Autorität“. Der jetzt noch stärker soziologisch orientierte Benjamin kritisierte allerdings erneut den intentionalistischen Zug der Kommerellschen Deutung. „[E]in Schema dessen, was ein Jean Paul-Roman ist“, fand der Verfasser – Benjamin zufolge –, „auf konstruktivem Weg, wie es die psychologische Einsicht in den Dichter und seine Entwicklung, und wie es die Bauart der Dichtungen nahelegte – eine Bauart, die etwas Technisches, ja Mechanisches hat und daher das Warum und Wozu vielfach deutlich anzeigt.“10)Zit. n. Storck, Max Kommerell, S. 53. In letzterem ist Benjamin zuzustimmen, dass Kommerell aber keinen naiven bzw. übersteigerten Psychologismus betreibt, darüber wird später zu reden sein.

Ein weiterer Grund für das Übergangenwerden nach 1933 trotz rastloser Publikationstätigkeit war das Unverständnis seiner Fachkollegen. Seine neben der Monographie bevorzugte Form, der literaturwissenschaftliche Essay, entsprach nicht den akademischen Gepflogenheiten, hatte keine Fußnoten und war anfangs im existentialistischen Duktus der George-Jünger verfasst. „Die Fachgenossen sehen in mir mit völligem Recht ihren natürlichen Todfeind“11)Zit. n. Klaus Vogel: Zauberhaftes Denken. Annäherungen an Max Kommerell, Marburg 2020, S. 15., schrieb er im Rückblick, sein Leben resümierend. Erst 1941 erhielt er einen Ruf nach Marburg, wo er dann bis zu seinem frühen Tod 1944 als ordentlicher Professor lehrte.

Max Kommerell mit seiner zweiten Ehefrau, der zuvor langjährigen Freundin Erika Franck. Quelle: Joachim W. Storck: Max Kommerell, in: Marbacher Magazin 34 (1985), S. 43.

Zu seinen wichtigsten literaturwissenschaftlichen Veröffentlichungen gehören, neben den bereits genannten, der Aufsatz über Schiller als Psychologen (1934), derjenige über Jean Paul (1936), die Monographie Lessing und Aristoteles (1940), mit der er lässig demonstrierte, dass er auch Fußnoten setzen und ganz nebenbei die Grundlagenforschung der Germanistik revolutionieren kann, sowie der Essayband Geist und Buchstabe der Dichtung über Goethe, Schiller, Kleist und Hölderlin (1940). 1943 folgen die Gedanken über Gedichte, wieder ein über 500 Seiten starkes Buch. Nebenbei übersetzte er Werke von Calderon ins Deutsche.

Seine Methodik ist schwer auf den Punkt zu bringen, man muss sie sich aus verschiedenen Publikationen zusammensuchen. Im großen Jean Paul-Aufsatz durchzieht die Metaphorik der Sternenkonstellation den gesamten Text. Gemeint sind die Dichter von Klassik und Romantik, die in das literarische Zentrum Weimar gezogen werden, wie Satelliten den Leitstern Goethe umkreisen und bald von ihm angezogen, bald abgestoßen werden. Das Biographische nimmt also eine bedeutende Position in Max Kommerells Schaffen ein. Bei alledem findet aber kein Hineinversenken in die Dichterpsyche statt, nicht ein Einfühlen und Miterleben, nicht das biographische Detail ist interessant, es ist viel komplizierter und zugleich einfacher. Die Dichter aller Zeiten hätten zwar Seelenkunde betrieben, so Kommerell, aber sie seien keine Psychologen. Der Dichter scheine zwar dem „Psychologen benachbart – aber ein guter Nachbar hält Abstand.“ Stattdessen sei ein Dichter „auf das Zeichen angewiesen.“ Er veranschauliche Dinge in einer symbolhaften Art und Weise, „die das Ganze einer Situation ausspricht.“12)Schiller als Psychologe.

Alles kreist in Kommerells Analysen um die Pole Moderne und Leben. Die Moderne wird bei ihm zeittypisch als Verfallsperiode betrachtet. „Modernität ist die Entzweiung des Menschen mit sich selbst.“13)Schiller als Psychologe. Der Mensch hat nicht mehr Anteil an der Totalität etwa des Mythos oder der christlichen Religion, aber die Dichter vermögen es, wie Bergleute einzelne Versatzstücke dieser Totalität aus den Minen der in Jahrtausenden übereinandergeschichteten menschlichen Erfahrung herauszugraben und symbolhaft ans Licht zu stellen. Der moderne Mensch hat an Totalität eingebüßt, ist entzweit, zerrissen und leidet an der „vertrackten Welt“14)Jean Paul in Weimar., und die Kunst führt vor, wie in manchen Momenten der „Riss“ wieder aufgehoben wird. Bei Schiller gelingt im Spiel der Brückenschlag, bei Jean Paul im Humor, verstanden als „Ironie des Geistes für Umgebung und Handeln“15)Jean Paul in Weimar., und bei Goethe im Zweiten Teil des Faust als Darstellung des Lebens als symbolischer Existenz, als Zeichen16)Faust zweiter Teil..

Gert Mattenklott, einer der talentiertesten „Schüler“ Kommerells, demonstrierte die literaturwissenschaftliche Symbol-Deutung an dessen eigener Dichtung im Aufsatz Max Kommerell – Versuch eines Portraits:

Der Gelehrte
Tag. Das Fenster. Im Quadrat
Mir genug des Weltgesichtes.
Hohe Blumen, schlanke Tiere,
Bild der Wolke, Gang des Lichtes:
Was da in den Rahmen trat,
Wird geheim und innerlich,
Und ich reinige und ziere
Seinen Aufenthalt: mein Ich.

Nacht. Die Lampe. Wo ihr gelber
Lichtkreis schwebt auf dem Papiere,
Reden mich die Lettern an:
Tote, die ihr Schweigen brechen.
Meine Lippen ahmen ihre
Sprache leise nach. So kann,
Ach wie bald gestorben, selber
Mit den Lebenden ich sprechen.17)Mit gleichsam chinesischem Pinsel

Darin geht es um eine besondere Weise von Welterfahrung. Sie ergibt sich durch Beschränkung. Fenster, Quadrat und Bild, Gang des Lichtes und Rahmen – jedes Wort wird dafür zum Symbol. Die Anschauung des Lebens, die hier gewonnen wird – „Weltgesicht“ nennen sie die Verse – kommt durch strenges Auswählen zustande. Nicht ein jedes soll gelten, gerade nur das Kostbarste: „Hohe Blumen, schlanke Tiere, Bild der Wolke, Gang des Lichtes“.

Gert Mattenklott: Max Kommerell. Versuch eines Portraits, in: Merkur 40 (1986), S. 541-554, hier: S. 541 f.

Nicht Psychologie hat hier das Wort, sondern ### Freigelegt wird hierdurch eine Art von ontologischem Überschuss, der trotz des dehumanisierenden Zuges der Moderne behauptet wird.

Hier auf das literarische Werk eingehen: Gedichte: Mit gleichsam chinesischem Pinsel; Roman Lampenschirm aus den drei Taschentüchern (1940); Kasperlespiele für große Leute (1940)

Der bereits von der Krankheit Gezeichnete, Marburg 1943. Quelle: Joachim W. Storck: Max Kommerell, in: Marbacher Magazin 34 (1985), S. 47.

Max Kommerell starb 1944 an einer Hepatitisentzündung. Nachrufe ###

References   [ + ]

1. Zit. n. Joachim W. Storck: Max Kommerell, in: Marbacher Magazin 34 (1985), S. 10.
2. Ebd., S. 11.
3. Vgl. ebd., S. 14.
4. Ebd., S. 14.
5. Alles zit. n. ebd., S. 15.
6. 4. Jan. 1929, zit. n. ebd., S. 16.
7. Walter Benjamin: Rezension zu Max Kommerell, Der Dichter als Führer in der deutschen Klassik. Klopstock, Herder, Goethe, Schiller, Jean Paul, Hölderlin. Berlin: Georg Bondi 1928. 486 S., in: Walter Benjamin: Gesammelte Schriften, Bd. 3 (Kritiken und Rezensionen), Frankfurt am Main 1991, S. 409-417.
8. Vgl. Gerhard Kaiser: Grenzverwirrungen. Literaturwissenschaft im Nationalsozialismus, Akademie Verlag, Berlin 2008, S. 103.
9. Zit. n. Storck, Max Kommerell, S. 51 f.
10. Zit. n. Storck, Max Kommerell, S. 53.
11. Zit. n. Klaus Vogel: Zauberhaftes Denken. Annäherungen an Max Kommerell, Marburg 2020, S. 15.
12. Schiller als Psychologe.
13. Schiller als Psychologe.
14. Jean Paul in Weimar.
15. Jean Paul in Weimar.
16. Faust zweiter Teil.
17. Mit gleichsam chinesischem Pinsel

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