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Biographische Skizzen Schriftsteller

Otto Erich Hartleben

Am 3.6.1864 in Clausthal (Harz) geboren und nach kurzem, aber intensivem Leben am 11.2.1905 in Salò am Gardasee gestorben, wurde der Jurist und Dichter vor allem für seine Gedichte und naturalistischen Erzählungen bekannt. Bereits als Schüler zeigten sich sein Widerspruchsgeist und die Lust am satirischen Aufspießen seiner Umgebung, weshalb mehrere Schulwechsel notwendig waren, bevor er 1885 in Celle das Abitur ablegen konnte. Er begann Jura zu studieren, wurde später Referendar in Stolberg im Harz, gab aber 1887 die juristische Laufbahn – die ihn seiner Autobiographie zufolge nie so richtig ausgefüllt hatte – auf, um fortan als freier Schriftsteller in Berlin zu arbeiten.

Neben Arno Holz, Hermann Conradi, Johannes Schlaf, Hermann Bahr und anderen ist er der naturalistischen Schule zuzurechnen, die den poetischen Realismus überwinden will und am Darstellungsideal des naturwissenschaftlich Exakten orientiert ist. Gleichzeitig war Hartleben ein Meister der Form, der sich bereits in der Jugend mit Platen beschäftigt und Betrachtungen über Metrik angestellt hatte. Daher gehören einige seiner Gedichte – die ersten entstanden bereits im Jünglingsalter – zu den bleibenden Zeugnissen deutscher Liebeslyrik. So etwa die in der alkäischen Strophenform gehaltene Ode Im Arm der Liebe schliefen wir selig ein. Im Spätwerk werden die Gedichte beschaulicher, die in seinem Goethe-Brevier (1895), seinem Logaubüchlein (1904) sowie in Der Halkyonier (1904) gesammelt sind. Schriftstellerischer Erfolg wurde ihm vor allem durch die Offizierstragödie Rosenmontag (1900) zuteil, wofür er zwei Jahre später den Franz-Grillparzer-Preis bekam.

Seine literaturgeschichtliche Bedeutung liegt vor allem in den im Plauderton gehaltenen Erzählungen. Drei von ihnen sind besonders hervorzuheben: Geschichte vom Abgerissenen Kopfe (1893), Vom Gastfreien Pastor (1895) und Vom Einhornapotheker (1895). In dieser Zeit erwarb sich Otto Erich Hartleben das Ansehen eines „deutschen Maupassant“.

Auf die Zeitgenossen muss er aufgrund seiner Eulenspiegeleien sehr erheiternd und anregend gewirkt haben. Er war außerdem ein begabter Parodist (Ibsen, Hauptmann usw.) und hatte einen letzten lustigen Einfall, als er die Akademie für unangewandte Wissenschaften gründete. Er war unter anderem mit Hans von Müller befreundet.

Ein Zitat aus dem Tagebuch:

Berlin, 21. Februar [1896].
„Wozu lebst du eigentlich?“
Ich möchte wohl wissen, ob es überhaupt viel Menschen giebt, die sich diese Frage vorlegen. Ich habe es schon als eine Theorie aussprechen hören, daß gesunde Menschen, geistig und körperlich gesunde Menschen sich diese Frage niemals stellten, daß das Auftauchen dieser Frage im Bewußtsein bereits eine Krankheitserscheinung, ein Zeichen des Niedergangs sei.

Diese Ansicht liegt die bekannte Auffassung vom Menschen zu Grund, nach der gesund und stumpfsinnig gleichbedeutende Begriffe sind, jene Auffassung, die alles für Unnatur erklärt, was sich nicht direkt aus allgemeinen und durchschnittlichen Instincten ergiebt. Die Affen bilden den rechten Flügel dieser Art Conservatismus.

Thatsächlich haben die Menschen, wenigstens einige von ihnen, sich schon recht lange danach gefragt: was denn nun eigentlich der Zweck ihres Daseins sei, und sind vielfach auch schon auf recht verschmitzte Antworten auf diese Frage gekommen.

Meistens nennt man diese verschmitzten Antworten Religionen. O wie froh waren die besten Köpfe, wenn plötzlich eine solche Antwort gefunden war! Mit welchem Feuereifer suchten sie alsbald die Antwort in eine Formel zu bringen und sie dann aller Welt aufzuzwingen. […] Aber wir – eine Minderheit der heute Lebenden – wir haben keine Religion mehr, wir glauben nicht mehr an Gott.

[…] Diese Art von „Aufgeklärten“ [= die Religiösen] fragt sich auch sehr selten nach des eigenen Lebens Sinn und Zweck. Sie befinden sich zumeist in geordneten Verhältnissen und festen bürgerlichen Stellungen, und das erscheint ihnen genügend. Ein schlechter Referendar, der nicht auf die Frage, wozu er lebe, antwortet: damit ich das Assessorexamen bestehe – ein schlechter Assessor, der nicht im Regierungspräsidenten das Ziel irdischen Ringens verehrt. Und wenn man erst Regierungspräsident geworden – löst man überhaupt keine Fragen mehr.

Tagebuch von Otto Erich Hartleben, S. 179 ff.

Wenigstens ich habe diesen Selbstreflexionen, die viel über uns als Menschen, über unsere Lebenswelt und unsere Institutionen aussagen, nichts hinzuzufügen.

Lit.: Carl Friedrich Wilhelm Behl: Hartleben, Otto Erich, in: NDB, Bd. 7, S. 720 f.  

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