Kategorien
Gedichtinterpretationen

Paul Celan – Fadensonnen

Das Gedicht ‚Fadensonnen‘ von Paul Celan in einer Interpretation

Paul Celan

Fadensonnen
über der grauschwarzen Ödnis.
Ein baum-
hoher Gedanke
greift sich den Lichtton: es sind
noch Lieder zu singen jenseits
der Menschen.

Conrady. Das Buch der Gedichte. Deutsche Lyrik von den Anfängen bis zur Gegenwart, S. 487.

Ein Gedicht aus dem Jahr 1965, das wie immer bei Paul Celan auf der Wortebene betrachtet werden will. Zunächst das einleitende Wort „Fadensonnen“, ein Kompositum, das die Perspektive vorgibt. Man blickt in die Sonne, besser in mehrere Sonnen, deren Strahlen wie Fäden zur Erde gehen. Sie treffen auf eine „grauschwarze[] Ödnis“, wodurch der größtmögliche Kontrast zwischen Helligkeit und Dunkelheit, zwischen oben und unten aufgespannt wird, der für die folgenden Verse bestimmend bleibt. Den hellen Sonnen stellt sich die düstere Erdoberfläche schroff gegenüber.

Mit dem Wort „Gedanke“ tritt dann im dritten Vers ein neues Element hinzu. Gedanken haben Menschen, die unten auf der Erde leben. Durch das Attribut „hoher“ wird jedoch schon angedeutet, dass es nun um die Überbrückung zwischen den Sphären geht. Unterstrichen wird das durch das Verb „greifen“. Es heißt so viel wie „fassen“, „in die Hand nehmen“, „packen“ oder auch „fangen“. Es schwingt also die Bedeutung mit, etwas Flüchtiges oder Sich-Entziehendes festzuhalten. Das Objekt dieser Bewegung ist der „Lichtton“, eine Synästhesie, die zwei eigentlich unvereinbare Elemente – ein optisches und ein akustisches – koppelt. Jemand oder etwas will den „Lichtton“, der wiederum an die Sphäre der Sonnen erinnert, mittels eines „hohe[n] Gedanke[ns]“ ergreifen.

Der Inhalt dieses Gedankens bleibt ausgespart, es wird nur die Intention als solche expliziert. Mit dem Doppelpunkt wird schließlich eine Art Botschaft eingeleitet: „es sind noch Lieder zu singen jenseits der Menschen.“ Das scheinbar nebensächliche „noch“ hat hier eine wichtige Funktion. Es deutet an, dass die eigentlich selbstverständliche Tätigkeit des Singens irgendwie legitimierungsbedürftig ist, aber nun trotz alledem „noch“ möglich ist, ja nötig ist, wenn man die Formulierung „sind noch“ als Imperativ auffasst. Ist es ein selbstreflexiver Aufruf an das lyrische Ich, das es den Sängern gleichtun und weiterhin seiner lyrischen Produktion nachgehen soll?

„Vieles begriff man zu wenig wörtlich“, gemahnte Gerhart Baumann in seiner Freiburger Universitätsrede in Bezug auf die Lyrik Paul Celans. Dem wurde hier mit einer wortnahen Interpretation begegnet, die nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass auch dann vieles ausgespart bleibt, vieles unabschließbar ist. Diese Dichtung inszeniert eine besondere Weise von Welterfahrung, in der jedes Wort zum Symbol wird: Sonnen, Baum, Licht, Gedanke. Sie verbinden sich zu einem Kreis von Zeichen, die sich der „grauschwarzen Ödnis“ gegenüberstellen und dadurch einen optimistischen Grundton erzeugen.

Kommentar verfassen