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„Rede des Monats“ – Kostbarkeiten Freiburger Wissenschaftsgeschichte

Die Universitätsbibliothek Freiburg bietet auf ihrer Webseite einen Podcast, den man sich anhören sollte: „Rede des Monats“. Kostbarkeiten Freiburger Wissenschaftsgeschichte. Die Sammlung umfasst Akademiereden Freiburger Professoren aus den letzten 50 Jahren. Trotz der z.T. nicht gerade guten Audioqualität sind diese Reden ein Juwel im Internet. Wer sich wie ich etwas melancholisch an die Zeit der Universität vor der Reform zurückerinnert, kommt hier voll auf seine Kosten.

Ein Beispiel mag dies illustrieren. Der Freiburger Anglist Willi Erzgräber (* 1926 in Arheilgen; † 9. Dezember 2001 in Freiburg im Breisgau) sprach im Jahr 1983 (!) zum Thema Orwell 1984 – Zwischen Fiktion und Realität. In dieser rhetorisch brillanten Universitätsrede legt er in textnahen Analysen dar, inwiefern Orwells Roman von Konservativen im Kalten Krieg zu einseitig als Parabel auf die Verhältnisse der Sowjetunion unter Stalin gedeutet wurde. Orwell sei nicht zum Anti-Kommunisten geworden, denn er sei bis an sein Lebensende ein überzeugter demokratischer Sozialist geblieben. Vielmehr habe er die Gefahren eines Überwachungsstaates abstrakt darstellen wollen, auch wenn durchaus reale Erfahrungen mit dem Kommunismus im Spanischen Bürgerkrieg und mit sowjetischer Propaganda im Zweiten Weltkrieg miteingeflossen seien. In seinem Roman habe er sich gegen einen doktrinären Marxismus gewandt und seinen Helden zum Fürsprecher eines moralischen und indiviualistischen Sozialismus gemacht. Diesen Argumentationsgang im Original nachzuverfolgen, sei an dieser Stelle wärmstens empfohlen.

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