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Biographische Skizzen Literaturwissenschaft im Nationalsozialismus

Klemens Lugowski

Geb. 22.2.1904 in Berlin; gest. 26.10.1942 in Ropscha bei Leningrad. Lugowski studierte 1923-1925 zunächst Maschinenbau an der TH Berlin, 1925-1928 dann Germanistik, Geschichte und Philosophie in Berlin und schließlich 1928-1931 bei Friedrich Neumann und Rudolf Unger in Göttingen. Er finanzierte sich das Studium mit Tätigkeiten als Landarbeiter, Postaushelfer, Zeitungsreporter und Filmvorführer. Die Promotion erfolgte 1932 bei Rudolf Unger in Göttingen (s.u.), ebenso wie 1935 die Habilitation (s.u). Von 1933-1935 war Lugowski wissenschaftliche Hilfskraft am Seminar für Deutsche Philologie der Universität Göttingen, 1935-1936 dann Privatdozent für Deutsche Philologie an der Universität Göttingen. Im WS 1936/1937 folgte eine Lehrstuhlvertretung an der Universität Heidelberg, 1937 bis zum WS 1938/1939 eine Dozentur für Neuere deutsche Philologie an der Universität Königsberg. Zwischen 1939 und 1942 ist Lugowski dann Lehrbeauftragter, ab 1940 planmäßiger außerordentlicher Professor für Ältere deutsche Literatur an der Universität Kiel. Am 26.3.1942 wurde er schließlich als Nachfolger für Gerhard Fricke als ordentlicher Professor für Neuere deutsche Literaturgeschichte in Kiel berufen.  

Lugowski rekonstruiert in seinen Studien eine Verfallsgeschichte der Wirklichkeitsauffassung des Menschen, einerseits ablesbar im Medium der Literatur, andererseits nach Auffassung Lugowskis ablesbar in der Lebenswirklichkeit der Neuzeit. Das Schicksal des modernen Menschen sei die Herausgelöstheit aus einem überindividuellen Deutungszusammenhang, einem Deutungszusammenhang, wie ihn noch die antiken Menschen mit dem Mythos besessen hätten. Im Ergebnis führe das zur Vereinzelung und damit auch zur Entwertung des Menschen, die allenfalls „künstlich“ und zeitweise, vor allem durch die Tat, zuallererst im Krieg, aufgehoben werden kann, sonst aber bestehen bleibt.

Im Kern handelt es sich dabei um eine durchaus mit dem Zeitgeist übereinstimmende Kritik an Individualismus und Liberalismus, die bereits die Dissertation Dichterische Ganzheit und Einzelmensch. Studien zum Problem der Individualität in der deutschen Erzählung des 16. Jahrhunderts bestimmt und dann in der Habilitationsschrift Mensch und Wirklichkeit. Betrachtungen über das Wirklichkeitsgefühl in französischer und germanischer Dichtung wesentlich akzentuiert wird. Vor allem in letzterer wird die polemische Stoßrichtung deutlich, die sich nun explizit gegen die französische Kultur und Gesellschaft richtet und demgegenüber die Vorzüge der deutschen Volksgemeinschaft und des deutschen Volkstums herausstellt. Auch die Wahl des Untersuchungsgegenstandes – das Werk Heinrich von Kleists – erwies sich für die nationalsozialistische Germanistik als überaus anschlussfähig. Er gehörte zweifellos zu den Hardlinern der Germanistik während der Zeit des Nationalsozialismus.

Das seiner Herangehensweise zugrundeliegende Dekadenznarrativ erinnert an die Geschichtsphilosophie Oswald Spenglers, die positive Konnotation des Krieges als befreiender und geradezu beglückender Macht an Ernst Jüngers aus Kriegstagebüchern hervorgegangenem Roman In Stahlgewittern. Bezeichnenderweise meldete sich Lugowski, nachdem er gerade ordentlicher Professor geworden war, freiwillig für den Kriegsdienst an der Ostfront, wo er 1942 als Leutnant gefallen ist. Den philosophischen Unterbau seiner Arbeiten bilden die Forschungen Ernst Cassirers zum Nachleben des Mythos in der Moderne sowie die Modernekritik Friedrich Nietzsches.  

Die literaturwissenschaftliche Grundlage von Lugowskis Arbeiten ist die literaturhistorische Lebenswissenschaft vor allem Rudolf Ungers, dessen Schüler Lugowski war. Kombiniert wird dies – für diese Zeit durchaus ungewöhnlich – mit einer streng formanalytischen Untersuchungsmethodik literarischer Texte der Frühen Neuzeit (Dissertation) bzw. der Klassik/Romantik (Habilitationsschrift). Einige dabei entwickelte Begrifflichkeiten wie „Gehabtsein“, „Ob- vs. Wie-Spannung“ oder Motivierung „von hinten“ (finale Motivierung) besitzen noch heute Gültigkeit. Produktiv weitergeführt wurde Lugowskis Methodik beispielsweise in der Barockforschung seit den 1960er Jahren, um die komplexen Strukturen der höfischen Staatsromane eines Herzog Anton Ulrich oder Daniel Casper von Lohenstein zu untersuchen (Adolf Haslinger: Epische Formen im höfischen Barockroman). Seit einigen Jahren nutzt auch die Mediävistik dieses Instrumentarium zur Analyse von Romanen und Erzählungen der mittelalterlichen Literatur.

Werk/Monographien: Dichterische Ganzheit und Einzelmensch. Studien zum Problem der Individualität in der deutschen Erzählung des 16. Jahrhunderts, Druck u.d.T. Die Form der Individualität im Roman. Studien zur inneren Struktur der frühen deutschen Prosaerzählung, Berlin 1932 (2. Aufl. der Neuausgabe mit einer Einleitung von Heinz Schlaffer, Frankfurt am Main 1976: 1994. – englische Übersetzung: Form, Individuality and the Novel. Analysis of narrative structure in early German prose, Cambridge 1990); Wirklichkeit und Dichtung. Untersuchungen zur Wirklichkeitsauffassung Heinrich von Kleists, Frankfurt am Main 1936.

Lit.: Dorothee Kimmich: Lugowski, Clemens, in: Christoph König (Hrsg.), unter Mitarbeit von Birgit Wägenbaur u. a.: Internationales Germanistenlexikon 1800–1950, Bd. 2, De Gruyter, Berlin/New York 2003, S. 1124-1126; Heinz Schlaffer: Lugowski, Clemens, in: NDB online; Gerhard Kaiser: Grenzverwirrungen. Literaturwissenschaft im Nationalsozialismus, Berlin 2008 (insb. S. 484 ff.); Herwig Gottwald: Spuren des Mythos in moderner deutschsprachiger Literatur: theoretische Modelle und Fallstudien, Würzburg 2007; Martin Jesinghausen: Der Roman zwischen Mythos und Post-histoire – Clemens Lugowskis Romantheorie am Scheideweg. In: Matías Martínez (Hrsg.): Formaler Mythos. Beiträge zu einer Theorie ästhetischer Formen. Paderborn, München, Wien und Zürich 1996, S. 183–218.

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Interpretationen

Parodie der Biographie – Jean Pauls „Das Leben Fibels, des Verfassers der Bienrodischen Fibel“

In Jean Pauls Roman Das Leben Fibels, des Verfassers der Bienrodischen Fibel spielt die Parodie der Biographie und damit zusammenhängend der literarischen Konzeptionen von Autor und Werk eine zentrale Rolle. Franz Josef Schneider hat dies mit seiner Studie über Jean Pauls Altersdichtung bereits am Anfang des letzten Jahrhunderts herausgearbeitet. Er ging Hinweisen im Text nach, die darauf hindeuten, dass Jean Paul in Reaktion auf damals neu erschienene Biographien über Kant und Schiller die Arbeit an seinem humoristischen Roman aufnahm. Thematisches lässt sich im Leben Fibels kaum auf einen Punkt bringen, aber die Parodie der Biographen, ihrer Schreibpraktiken und der „gelehrten“ Welt durchzieht den gesamten Roman.

Der Entstehungs- zusammenhang

Vorstudien und Fibliana

„Den 16. November 1806 Fibels Leben angefangen.“ ist in Wahrheit aus Jean Pauls Leben zu lesen. Die Arbeit an dem Roman zog sich dann noch fünf Jahre hin: „1811, den 19. Juli endlich den Fibel geendigt“. Dieser Ausruf Jean Pauls lässt erahnen, welche Schwierigkeiten ihn bei der fünf Jahre währenden Ausarbeitung des Werkes begleiteten. Schon in einem sehr frühen Stadium stand allerdings das Thema Parodie der Biographie fest, ja es kann zweifellos als das konstitutive Element des Romans betrachtet werden. In den Fibliana notierte Jean Paul verschiedene Gedanken das Thema, die Charaktere und die Handlung des Romans betreffend. Einige Zitate und Stichworte seien hier wiedergegeben:

„Warum die Biographien der Drei nicht früher gedruckt worden sind. – Satire in Noten“… „Romantik mit Parodie zu vereinen?“ … „Sogleich mit Biographie angefangen, die in der Mitte vorlesen, aber wer beschreibt sie selber? – Vereinigung der Parodie mit dem Roman.“ … der eine Biograph erzählt so etc. etc.

Fibliana, zit. n. Schneider: Altersdichtung, S. 93 f.

An einer anderen Stelle heißt es: „Aber alles sei nur Luftgewand und leicht umgelegt; jetzt weniger Extreme, Satire und höchste Empfindung. – Belle etage. – Alles als Parodie des Anekdotenstils der Biographen.“ (Fibliana, zit. n. ebd., S. 103)

Nicht nur deren Anekdotenstil, auch die kritiklose Verehrung des Beschriebenen, Detailversessenheit oder die schlichte Erfindung von Anekdoten war dem Dichter zuwider. In einem Brief an seinen Freund Otto nennt er das Leben Fibels „Eine Satire auf die Lebensbeschreiber Kants.“ (vgl. ebd., S 55 ff.) Im Werk selbst verbindet er den direkten Hinweis auf diese Lebensbeschreiber mit einem Seitenhieb auf deren voyeuristische Distanzlosigkeit:  

O ein anderer hätte Gott gedankt, dass er drei Evangelisten, und rechnet man mich vollends dazu, vier Evangelisten seines Lebens bekommen, von welchen die Drei nie zu nahe (wie schon Kants und Schillers Lebensbeschreiber beweisen) dem Helden anwohnen konnten.

SW, I, 13, 490

Die Stärke der Jean-Paulschen Parodie liegt darin, dass er sich selbst in die Reihe der „Evangelisten“ einreiht, dass er zugibt, seinem Helden ebenso nahekommen zu wollen wie die Kant-Biographen. Die Fähigkeit zur Selbstkritik birgt das eigentlich subversive Potential der Parodie, da der Leser – ähnlich wie in Don Quixote – die allgemein menschliche Dimension dieser Schwäche erkennt und das erste Lachen bald im Halse stecken bleibt. In seinen Vorstudien versuchte sich Jean Paul noch einmal zu vergewissern, worauf es ihm in dem Roman ankommt und er bringt es auf den Punkt: „Ich Biograph parodiere Biographen und mich.“ (Vorstudien, Heft 2, zit. n. Schneider: Alterswerk, S. 110)

Der Schulbuchautor Fibel – autobiographische Bezüge einer fiktiven Biographie

Jean Paul: Leben Fibels, Titelblatt

Im Werk Jean Pauls nimmt das Schreiben über das eigene Ich einen hohen Stellenwert ein. In seiner Konjekturalbiographie beschreibt er seinen eigenen zukünftigen Lebenslauf und in der Selberlebensbeschreibung hält er als Professor Vorlesungen über die eigene Kindheit. Jean Paul konstatiert sogar: „Alle meine Schreiberei ist eigentlich innere Selbstbiographie; und alle Dichtwerke sind Selblebenbeschreibungen“ (Merkblätter, Nr. 19, in: Helmut Pfotenhauer: Nachwort, in: Jean Paul. Lebenserschreibung. Veröffentlichte und nachgelassene autobiographische Schriften, hg. v. dems., München/Wien 2004, S. 463)

Die Arbeit an der Selberlebensbeschreibung bricht Jean Paul jedoch aufgrund zahlreicher darstellerischer Probleme ab. Offensichtlich war ihm die Distanz zwischen dem eigenen Ich und der Figur des Biographen, trotz des Vorlesungscharakters, noch zu gering. Rückblickend erscheint die Absicht, der Figur Fibel zahlreiche Züge des eigenen Ichs zu verleihen, geglückter als die Abfassung einer Autobiographie, denn den Roman konnte Jean Paul – wenn auch nach einigen Schreibunterbrechungen – fertigstellen.

Das Leben Fibels steckt voller autobiographischer Bezüge. Aus der Erinnerung an die eigene Kindheit kommt auch die „Bienrodische Fibel“, mit der Jean Paul selbst Schreiben und Lesen gelernt hat und die dem Roman beigegeben ist. Mit ziemlicher Sicherheit ist sie das Werk des Subkonrektors Bienrod aus Halberstadt, was aber vom Erzähler bestritten wird, denn dieser versucht mit verschiedenen pseudowissenschaftlichen Winkelzügen dem biederen Subkonrektor die Autorschaft streitig zu machen und stattdessen „Fibel“ als kongenialen Schulbuchautor zu inthronisieren. Dieser Setzung entsprechend ist Fibel der Urvater aller Schulfibeln, so „wie man etwa raffaelische Gemälde Raphaele nennt“ (SW, I, 13, 350).

Die Kindheit Fibels wird in der dörflichen Welt des 18. Jahrhunderts, in der ländlichen ‘Idylle’ des Dorfes Heiligengut angesiedelt. Die dörfliche Umgebung erinnert an die Kindheit Jean Pauls in Joditz bei Hof in Oberfranken. Wenngleich der Text zahlreiche idyllentypische Motive zitiert, erweist sich die Idylle oft als deformiert und traumatisiert. Fibels Vater, ein ehemaliger Soldat, der „von seinen Heerzügen nichts heimgebracht als den Abschied und eine Kugel“, behandelt Fibel zuweilen in der Weise, „daß er als lange Windstille dastand und als Blau-Himmel; und daß daraus die Vaterfaust unversehens wie ein Wetterstrahl auf die Achselknochen fuhr.“ (SW, I, 13, 364). Durch den gewalttätigen Vater aus der Natur vertrieben, flüchtet sich der Junge, nachdem er sich einige Glieder verstaucht hatte, in die Arme der Mutter Engeltrut.

In der Obhut der ehrgeizigen Mutter widmet sich Fibel fortan der Lektüre von Makulaturblättern, Staatskalendern etc. und beginnt damit seinen autodidaktischen Bildungsgang, der vor allem durch Auswendiglernen und wildes Durcheinanderlesen geprägt ist. In einem von aberwitzigen Zufällen durchsetzten Leben mausert sich der naive Dorfbewohner zum „gefeierten“ Abc-Buch-Autor. Möglich wird dies erst durch seinen unstillbaren Ehrgeiz, denn Fibel will hoch hinaus und strebt nach Ruhm und Ansehen. Er entfremdet sich infolgedessen von seiner idyllischen Umgebung und ist gleichzeitig unfähig die Gesetze der „Welt“ zu erkennen und für sich zu nutzen.

Inwieweit letzteres für Jean Paul zutrifft, sei dahingestellt, aber zwei wichtige Parallelen zwischen beiden werden doch deutlich: der Bildungsgang Fibels und der frühe Wunsch Autor zu werden. Fibel erlernt innerhalb kürzester Zeit, mit Hilfe von sonderbaren Methoden etliche fremde Sprachen, verliebt sich geradezu in die Schrift und wird schon durch die Form der Buchstaben in Verzückung versetzt. Auch Jean Pauls Bildung verlief autodidaktisch, wobei er wie besessen Wissen aus allen Bereichen der Wissenschaft akkumulierte. Der Abc-Buch-Autor ist zwar buchstäblich ein Narr, aber durch seine Liebe zu allem Geschriebenen und durch den unstillbaren Bildungshunger erscheint er geradezu als das „verkleinerte Ich“ des Dichters .

Zum biographischen Verfahren

Das dörfliche Leben Fibels wird dem Leser nicht direkt präsentiert, sondern in eine Rahmenerzählung eingebettet. Der Erzähler ist offenbar Schriftsteller, Biograph und als wissenschaftlich Interessierter ersteht er auf einer illegalen Bücherversteigerung Makulaturblätter einer Biographie über Fibel aus der Feder eines Magisters Pelz. Dessen Opus wurde von französischen Marodeuren zerfleddert und von den Bewohnern Heiligenguts zur Verschönerung von Häusern und Wohnungen oder als „Kaffeedüten“ zweckentfremdet. Der Erzähler, der sich „Jean Paul Fr. Richter“ (SW, I, 13, 356) nennt, lässt die Reste der 40-bändigen Biographie von Heiligenguter Jungen aufsammeln und kompiliert daraus seine eigene neue Biographie über Fibel. Der im Leben Fibels sich selbst spiegelnde Autor distanziert sich nun allerdings öfters von seinem Spiegelbild, das zunehmend zu einem Zerrbild des eigenen schriftstellerischen Anspruches mutiert. Der Erzähler und der Dichter Jean Paul zerfallen deutlich in zwei verschiedene Lager:

Jetzt war wol für mich fibelschen Lebensbeschreiber nichts in der Welt wichtiger, als mit meinen Trümmern von historischen Quellen in der Tasche schleunigst nach dem Geburtsdorfe Fibels abzureisen und mich da ein wenig anzusetzen, um wenigstens noch so viele aufzutreiben, als etwa nötig wären, um aus allen biographischen Papierschnitzeln geschickt jenen Luftballon zusammen zu leimen, welcher, sobald ich mein Feuer dazufüge, aufgeblasen und rund genug wird, um den unten darangehängten Helden Fibel […] von der Erde in die Höhe und in den Himmel zu tragen.

SW, I, 13, 355

Die humoristische Übertreibung der Freuden eines wissenschaftlichen Biographen, der ob der Bedeutung seines Gegenstandes völlig die gebotene kritische Distanz vergisst, ist nur zu offensichtlich. Hinter diesen Aussagen lugt hämisch der Dichter hervor, der zwar kräftig am „biographischen […] Luftballon“ mitleimt, aber den expliziten Behauptungen des Erzählers seine eigenen impliziten Aussagen an die Seite und entgegensetzt. Der Erzähler im Text erscheint fortan als unzuverlässiger Plauderer, als leichtgläubiger Wissenschaftler ohne quellenkritische Distanz.

Die Komplexität dieser Erzählsituation thematisiert auf der formalen Seite die Vermitteltheit des Wissens und den Verlust an Objektivität, der mit diesen Vermittlungsstufen einhergeht. Der Erzähler „Jean Paul“ ist auf Pelz’ Berichte angewiesen, er erfährt nur das, was er aus den verstreuten Papierfetzen rekonstruieren kann. Ein vermeintlich „rein historisches“ Rezipieren ist von vornherein unmöglich. Die Lebensgeschichte Fibels muss eine Überlieferungskette durchlaufen, was natürlich mit Gefahren für die Faktenweitergabe und Quellentreue verbunden ist. Den bedeutendsten Anschlag auf die Überlieferung verüben die französischen Marodeure, aber ein beinahe genauso gravierendes Problem stellen die in Reihe geschalteten Biographen dar, die zu keinerlei Quellenkritik fähig sind. Sie erweisen sich als „unzuverlässige Erzähler“, weil sie nicht zu kritischer Distanz neigen, rein interessegeleitet vorgehen, ja sogar in den Lebenslauf des Helden aktiv eingreifen.

Der Erzähler verlängert diese Kette von unzuverlässigen Fibel-Biographen sogar noch weiter und in die Zukunft hinein, denn er überlässt es gönnerhaft den „biographische[n] Pinsel[n] nach mir“ (SW, I, 6, 442 f.), ein biographisches Highlight – den Triumphzug Fibels zum Marggrafen – zu schildern. Wie sehr sich Jean Paul abmüht, die Vermitteltheit des Lebenszusammenhangs, die Unzuverlässigkeit der Erzähler und deren naive „antikritische“ Haltung erzähltechnisch umzusetzen, zeigen schon seine Vorstudien. Einmal erwägt er verschiedene Möglichkeiten Fibel sterben zu lassen und dessen Tod zu schildern:

Wahl 2: Beim Grabe. – Predigt am Grabe Fibels. – Setze die leichten Reden hin. – Jetzt kommen die Kinder seiner Lebensbeschreiber. – Ein voriger Pfarrer hatte Notizen von den Drei hinterlassen. – Auch die Notizen des Pfarrers werden Geschichte der Geschichte. – Pfarrers Rede – aber hier wirkt kein Alter; aber wie lautet das letzte Kapitel? – Aber sein Leben ist ja schon geschlossen mit dem ersten Kapitel!

Vorstudien, Heft 2, zit. n. Schneider: Altersdichtung, S. 110

Wenn der Biograph und „Lebensbeschreiber der Lebensbeschreiber“ (SWM, I, 6, 499) im Kapitel „Biographische Akademie“ die Lebensgeschichte Fibels erzählen müsste, obwohl er eben dies auf den Seiten vorher bereits getan hat, kommt an der Stelle die bis dahin geradlinig erzählte Fabel zwangsläufig ins Stocken. Die Versuche zur chronologischen Anordnung der Ereignisse bringen den Erzähler in eine Bredouille:

Ich kann mich hier sehr leicht lächerlich machen, wenn ich nicht verständig verfahre. Setz’ ich nämlich die Pelzischen Sitzungen her, so bring’ ich das aus ihnen ausgehobene Leben zum zweiten Male und fange mitten im Buche wieder beim Anfange des Lebens an. Merz’ ich die Sitzungen aus, so fehlt gerade der Teil des Fibelischen Lebens, der in die Vorlesungen hineinfällt, und es wird das ganze Werk ein Wrack.

SW, I, 13, 467 f.

Die hier auf der Metaebene des ,,Lebensbeschreiber[s] der Lebensbeschreiber“ angestellten Reflexionen über die Sinnhaftigkeit der chronologischen Anordnung weisen über das bloße Handlungsgeschehen als solches hinaus und problematisieren die zeitliche Anordnung und das Erzählverfahren in literarischen Werken ganz generell. Indem der Leser in den Prozess des Arrangements miteinbezogen wird, erscheint die Chronologie nicht als naturhaft vorgegeben, sondern als künstlicher oder technischer Eingriff und damit als Konstrukt. Die selbstreferentielle Funktion dieser Passage liegt in der Infragestellung der Biographie als zeitliches Kontinuum und konterkariert gängige Rezeptionserwartungen.

Die erzähltechnische Seite wirkt im Leben Fibels an der Destruktion des Anspruches der Biographen ganz entscheidend mit. An den Vorarbeiten lässt sich nachverfolgen, mit welcher Energie Jean Paul nach der geeigneten Darstellungsweise suchte. Immer wieder stellte er sein Konzept um, denn oft war ihm die Verfremdung des Fibelschen Lebens noch nicht groß genug, schien ihm die Vermitteltheit dieses Lebenszusammenhangs noch nicht extrem genug. In der nun vorliegenden Form ist der historisch-kritische Anspruch der Biographen buchstäblich nur noch Makulatur.

Implizite Kritik an Historiographie und Biographik

Historiographie und Biographik um 1800

Natürlich stellt damit Jean Paul auch sein eigenes Schreiben unter ein fragwürdiges Licht, denn auch er versuchte immer wieder Biographien zu schreiben oder das eigene Leben in einen geschriebenen Text zu überführen. Doch ein großer Unterschied besteht zwischen Jean Paul und den meisten anderen Biographen seiner Zeit. Er war sich der Zweifelhaftigkeit dieses Unternehmens voll bewusst, er litt darunter, er rang mit sich, suchte nach dem geeigneten Verfahren und beschäftigte sich auf einer methodisch-philosophischen Ebene mit dem Problem der Darstellung eines Lebenszusammenhangs.

Anders als die zeitgenössische Biographik, die im 18. Jahrhundert besonders in England und Frankreich und kurze Zeit später auch in den deutschen Ländern einen ganz besonderen Stellenwert eingenommen hatte. Viele Autoren und Wissenschaftler entdeckten die Individualität und Einzigartigkeit des Menschen. Aus einer anti-aufklärerischen Strömung am Anfang des 19. Jahrhunderts heraus, wird die Welt nun nicht mehr als System, sondern vor allem als Organismus, der aus der Geschichte erwachsen ist, verstanden. Die Vertreter des neu aufkommenden Biographismus’ kamen vor allem aus dem Bürgertum und suchten in der Vergangenheit nach geeigneten Vorbildern, die das aufkeimende bürgerliche Selbstbewusstsein legitimieren konnten. Die Biographik war also interessegeleitet, häufig wurden „große Männer“ porträtiert, die sich nach Ansicht des jeweiligen Verfassers für das Vaterland verdient gemacht hatten. Als Teilströmung des ‘Historismus’ bediente man sich der damals „fortschrittlichen“ Methode der Quellenkritik, wie sie im 17. und 18. Jahrhundert entstanden war.

Einer dieser großen Männer war Immanuel Kant, über den kurz vor dem Arbeitsbeginn am Leben Fibels die Biographien von Borowski, Wasanski, Jachmann u. a. erschienen, worin selbst die Wolldecke Kants einer eingehenden biographischen Würdigung unterzogen wurde. Vielleicht verdankt Pelz diesem Umstand seinen Namen, denn er will seinem Helden ebenso nahe anliegen wie eine Pelz- oder Wolldecke. Bei Jean Paul, der diese drei Biographien zumindest zur Kenntnis genommen hat, entstand der Plan, das eigene Autorleben mit der Parodie der Gattung der Biographie zu verbinden: „Gib die Kleinigkeiten deines wahren Autorenlebens als eine biographische Parodie kantischer Lebensbeschreibungen“. (SW, II, 8.1, 354)

Nun war für die damalige biographische Mode die vermeintliche Quellentreue oberstes Ziel. Der Quellensammler formuliert im Leben Fibels ein dementsprechendes wissenschaftliches Bekenntnis:

Es sollte doch wahrlich (oder ich bin ein Narr) von einem großen Manne jeder Schritt und Tritt und jeder Zahn, der in seinem Gebiß und in seinem Frisierkamm fehlt, der Welt so bekannt sein als irgendeine Lücke in alten Handschriften.

SW, I, 13, 458

Die „Courieuse und sonderbare Lebens-Historie des berühmten Gotthelf Fibel“ (SW, I, 13, 354) aus der Feder des Magisters Pelz ist denn auch unter der Prämisse entstanden, „daß Plutarch das beste Beispiel gegeben, aus den kleinsten Punkten gleichsam in Punktiermanier den Kupferstich eines Mannes zu liefern […] (SW, I, 13, 487f.). Das biographische Verfahren dieses Lebensbeschreibers folgt damit den Spuren Plutarchs, der allerdings ganz und gar kein Historiker sein wollte, sondern in seinen Parallelbiograpien gutes und abschreckendes Verhalten beispielhaft nebeneinanderstellte. Von besonderer Bedeutung bei diesem methodischen Ansatz ist es, „aus der Kindheit oder Zwiebelwurzel des Helden die ganze künftige Tulpe vorzuschälen“. (SW, I, 13, 470) Das kritische Potential dieser Methode entfaltet sich vor allem in der Herstellung gewagter Analogien oder in der psychologischen Ausleuchtung und Interpretation der Kindheit des Helden. Aus der Dummheit Fibels im Kindesalter (es sei angemerkt, dass Fibel auch nach Eheschließung und beruflichem Erfolg wie ein Kind erscheint) wird auf seine spätere Geistesgröße geschlossen, weswegen in der „biographischen Akademie“ Anekdoten aus Fibels Kindheit zusammengetragen und „ans Licht gestellt“ werden.

Aber auch aus der Gegenwart soll sich allen nachkommenden Generationen die Größe Fibels offenbaren, weshalb Pelz den Abc-Buch-Autor – erfolglos – zur Zerstreutheit anstiftet, weil „die größten Gelehrten“ so Pelz „in ihrer Lebensgeschichte die größten Beispiele von Zerstreung“ (SW, I, 13, 492) lieferten. Dabei treten famose Enthüllungen zutage wie „Fibel gehe gern mit gebogenen Knien, so wie man mit ähnlichen reitet […]“. (SW, I, 13, 488) Dieser Enthüllungsjournalismus wird Fibel endlich zu viel, „da er nicht niesen konnte, ohne ins Lebensprotokoll hineinzuniesen […] (SW, I, 13, 489)

Aus dieser wenig kritischen Untersuchungshaltung erwachsen desto mehr literarische Erzeugnisse. Die Gründung der biographischen Akademie, deren einziges Ziel die panegyrische Beschreibung des Fibelschen Lebens ist, unterzieht auch die Institutionen des ausgehenden 18. Jahrhunderts einer Fundamentalkritik. Sie gilt dem um 1800 enorm forcierten Ausbau der wissenschaftlichen Disziplinen, der auch zu einer explosionsartigen Vermehrung der Publikationen führte. Die Wissenschaft als Selbstzweck erzeugte Texte, die wiederum zur Reaktion herausforderten. Mit der Rezension des Abc-Buches durch Schulmeister Flegler spielt Jean Paul auf diesen Sachverhalt an. Der unabschließbare Prozess der wissenschaftlichen Textproduktion wird im Leben Fibels durch die Fruchtbarkeits- und Wachstumsmetaphorik parodiert. Der Erzählerhistoriker schwärmt ob des unablässigen Stroms von Buchstaben:

Ohne die geistige und sauere Gärung gelehrter Streitigkeiten hätten wir schwerlich jene köstlichen Felsenkeller und Essigkammern voll März- und Oktober-Bier oder Oster- und Michaelismeßbücher, welche wir Bibliotheken nennen und aus welchen wir so schöpfen.

SW, I, 13, 475

Das Zustandekommen von Sinn: Jean Pauls offener Werkbegriff

Die Fibel ist gewissermaßen der Humus dieser Fruchtbarkeit, denn sie enthält das Material für alle anderen Bücher. Das Büchlein ist die notwendige Durchgangsstation für alle künftigen Leser, Schreiber und sogar für Wissenschaftler und Dichter. Obwohl Gotthelf Fibel „Millionen Leser nicht bloß gefunden, sondern vorher dazu gemacht“ (SW, I, 13, 349) hat, ist er dennoch unbekannt. Selbst „Der gelehrte Nicolai sagte, er wisse alles, ausgenommen dies.“ (SW, I, 13, 351) Der Biograph „Jean Paul“ begibt sich deshalb auf „gelehrte Reisen“, in der Hoffnung, bei „Literatoren und Nekrologen – z. B. Jöcher, Jördens, Meusel etc. etc.“ (SW, I, 13, 349) einen Hinweis auf Fibel zu finden – vergeblich. Erst auf einer illegalen Bücherversteigerung wird er fündig. In einer an Cervantes’ Don Quixote erinnernden Weise, gibt er vor, die Lebensgeschichte Fibels aus einem zuvor verschollenen und nun wiederaufgefundenen Werk zusammengestellt zu haben. Bruchstücke davon sind noch erhalten, wurden aber für Profanes zweckentfremdet, worauf die sprechenden Kapitelüberschriften hindeuten.

Der Lebensbeschreiber Jean Paul konstruiert Sinnzusammenhang aus sinnentleertem Material („Kaffeedüten“) und verfertigt daraus seine Biographie. Aus „sinnlosen“ zusammengesammelten Fetzen entsteht eine neue „sinnvolle“ Biographie, mithin ein neuen Lebenszusammenhang, ein neues Ich. Der Montage der neuen geht die Demontage, Destruktion und Materialisierung der alten Biographie voraus und der sich daran anknüpfende Entstehungsprozess durch Kompilation wird ironisch überhöht: „So wäre denn nun wieder durch Gesamt-Wirkung vieler das entstanden, was man ein Werk nennt.“ (SW, I, 13, 356)

Nun wäre es allerdings verfrüht, Jean Paul als emphatischen Anhänger des offenen Werkes zu feiern, vielmehr macht sich der Biograph mit seinem Sammelsurium von Quellenfetzen, die er sogar aus der Toilette aufklaubt, bis auf die Knochen lächerlich. Jean Paul spricht sich deshalb nicht grundsätzlich für die Idee des offenen Kunstwerks aus, er kritisiert und parodiert eher das Konzept des geschlossenen, autonomen Kunstwerks. Deswegen ist für ihn der humoristische Roman die geeignete literarische Form das Leben festzuhalten, denn sie lässt Raum für Vorworte, Nachworte, Ausschweifungen und Extrablätter. Trotzdem ist auch dieser Roman einmal abgeschlossen und erhält seine endgültige Form. Die Infragestellung der poetologischen Prämissen von Autor, Werk und Sinnproduktion ist das Ergebnis der extremen Überzeichnung der biographischen Subjektivität und der Abhängigkeit des Lebensbeschreibers von äußeren Umständen, aber dieses Ergebnis ist nicht das Ziel, denn es ist humoristisch überzeichnet und darf deshalb nicht nach seinem vordergründigen Aussagegehalt beurteilt werden.

Der Ansatz Jean Pauls ist vielmehr kritischer Art, er möchte, dass sich ein Autor der Vermittelheit seines Wissens und seiner Abhängig von der Überlieferungskette bewusst ist. Er weist auf die Bedeutung der Produktionsbedingungen von Texten hin und stellt das Zustandekommen von Sinn in doppelter Weise infrage: Nicht nur des Erzählers, sondern auch Fibels Wissen konstituiert sich extrem selektiv und wird aus äußerst fragwürdigen Quellen gespeist. Er liest Makulaturblätter und Staatskalender immer und immer wieder. Infolgedessen entwickelt er eine kaum zu überbietende Systemliebe, die sich in einer völlig unkritischen Liebe zum Staat bahnbricht.

Dieses „Wissen“ fließt in die Fibel ein, die nicht nur „dumme“ Verse enthält, sondern auch eine Ansammlung von Vorurteilen, Binsenweisheiten und Widersprüchen ist. Statt nun als Biograph diese Lyrik sachlich zu kommentieren und einzuordnen, weist der Erzähler die Angriffe der Rezensenten entrüstet zurück und lobt die „verschiedenen Dichtungsarten“ (SW, I, 13, 465) dieses Werkes, die mal „ins Didaktische“, „bald in T ins elegische“ übergingen, meist „jedoch bloß episch“ seien. Er spielt als Bruder im Geiste das Fibelsche Spiel mit, der in seiner eigenen Zeichenwelt gefangen ist. Dessen Abc-Verse verweisen nicht auf Dinge, sondern haben sich von der Realität gelöst und spielen mit sich selbst:

Z z Ziegenbock – Z z Zählbret.
Die Ziege Käse giebt zwei Schock
Das Zähl-Bret hält der Ziegen-Bock.

SW, I, 13, 482

Diese „sieben letzten Worte, die der Verfasser der gelehrten Welt zurief“ (SW, I, 13, 349) funktionieren nicht etwa nach dem Prinzip ut pictora poesis, Literatur als Nachahmung oder Abbildung der Natur, sondern ut musica poesis, Literatur als das Spiel der Zeichen miteinander ohne Referenz auf die Außenwelt. Wie in Don Quixote verweisen die Worte Fibels nicht auf die Welt, sondern funktionieren nur im Spiel untereinander. Fibel wird zum Narren, weil die Ähnlichkeit und die Zeichen losgeknüpft sind: „Er nimmt die Dinge für das, was sie nicht sind, und die Leute verwechselt er miteinander. […] Er sieht überall nur Ähnlichkeiten und Zeichen der Ähnlichkeit.“ (Foucault, Ordnung der Dinge, S. 80)

Jean Paul: Leben Fibels, S. 358.

Im Leben Fibels endet der Prozess des Sammelns und Zusammenstellens und somit der Sinnkonstruktion und Produktion nie, denn Fibel lebt in den Nachkapiteln unendlich weiter. Immer wieder tauchen neue Blätter auf, die Fibels Leben fortschreiben und die ausgewertet sein wollen. Das Werk kann also nie geschlossen werden, es bleibt offen, solange der Held nicht gestorben ist. Fibel ist jetzt geläutert und hat seinen übersteigerten Ehrgeiz abgelegt, er dreht beständig an seiner Drehorgel, und der Erzähler kann seine Biographie nur dadurch abschließen, dass er den Lebensweg des Helden verlässt und seinen eigenen Weg weitergeht.

Fazit

Die frühen Entwürfe Jean Pauls, in denen die Suche nach einem geeigneten Weg zur satirischen Kritik der zeitgenössischen Biographen breiten Raum einnimmt, zeigen, dass die Parodie der Biographen die thematische Klammer dieses Romans bildet. Jean Paul begnügt sich freilich nicht mit einer oberflächlichen Satire, sondern holt weit aus, indem er Autoren und Leser, Literatur, Kunst und Wissenschaft, den Prozess des Entstehens und des Weiterlebens von Büchern (Rezensionen) in seine parodistische Kritik miteinbezieht. Dadurch erreicht er ein Reflexionsniveau, das heutigen Paradigmen der modernen Literaturwissenschaft erstaunlich nahekommt.

Allerdings erscheinen diese Erkenntnisse eher aus dem Geist der Abwehr entstanden zu sein, denn aus einem wie auch immer gearteten literaturtheoretischen Sendungsbewusstsein. Ob es die stupiden Biographien der Kant und Schiller-Biographien waren, oder das formale Korsett des Weimarer Klassizismus oder zweitklassige Rezensenten; alles Formale, Starre und Dumme hat Jean Paul zum Widerspruch gereizt. Deswegen wählte er die Form des Romans, deswegen ließ er sich seine Digressionen nicht austreiben und deswegen erhob er Fibel zum Herold der deutschen Gelehrtenlandschaft.

Dieser Roman ist so komplex und vielschichtig angelegt, dass allein die erzähltechnische Machart enormes kritisches Potential entfalten kann. Die Quellensammlerfiktion, die in Reihe geschalteten unzuverlässigen Erzähler, die verdoppelte Kommunikation lassen auch den letzten Rest von Objektivität verpuffen. Vom Konzept des geschlossenen Werkes als genialer Entwurf eines genialen Autors bleibt nach der Lektüre des Fibel nicht viel übrig, aber man sollte nicht vergessen, dass auch Jean Paul einen Roman schreiben wollte, einen Roman, der trotz Vorwort und Nachkapiteln zwischen zwei Buchdeckeln Platz findet, der „angefangen“ und „geendigt“ wurde und auf dessen Titelblatt in Großbuchstaben der Name des Verfassers steht.

Dieser Blogbeitrag entstand auf der Grundlage einer Hausarbeit an der Universität Würzburg im Jahr 2008. Zuvor durfte ich an einem sehr erhellenden und lehrreichen Hauptseminar bei Herrn Prof. Pfotenhauer über „Literarische Biographik“ teilnehmen.

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Klaus Hildebrand – Das vergangene Reich

In letzter Zeit erfährt die These wieder großen Zuspruch, wonach das Deutsche Reich von einer Koalition böswilliger Mächte in den Ersten Weltkrieg getrieben worden sei. Machteliten des Britischen Empires sowie der USA hätten danach getrachtet, ein Zusammengehen russischer Bodenschätze und deutscher Technik unter allen Umständen zu verhindern. Wilhelm II. und seine Regierung seien Opfer einer von langer Hand geplanten Verschwörung geworden. Unter diesen Auspizien wird dann die deutsche Geschichte der letzten 120 Jahre gedeutet, die Deutschland gewissermaßen am Gängelband der USA gefristet habe. 

Eine Studie, die dies glänzend widerlegt, ist Klaus Hildebrands Das vergangene Reich, Deutsche Außenpolitik von Bismarck bis Hitler. 1871-1945 (Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt 1995). Sie folgt einem diplomatiegeschichtlichen Ansatz und rekonstruiert in stupender Gelehrsamkeit die in vielerlei Hinsicht fatale Außenpolitik des Zweiten und Dritten Reiches. Im Gegensatz zur These der „Einkreisung“ Deutschlands vor dem Ersten Weltkrieg spricht Hildebrand von der „Auskreisung“, also von einer im Wesentlichen selbst verursachten Ausgrenzung der deutschen Diplomatie aus der internationalen Politik. Am Ende hatten Wilhelm II. und seine Regierung kaum mehr als die Wahl zwischen einem schmählichen Rückzug oder aber dem Eintritt in den Krieg – wie sie sich entschieden, ist wohlbekannt.

Statt unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg einzusetzen, stellt Hildebrand überzeugenderweise das Jahr 1871 an den Anfang seiner Darstellung. Ohne die Reichsgründung auf Frankreichs Kosten hätte für den Reichskanzler Bismarck nicht die Notwendigkeit bestanden, ein ausgeklügeltes Bündnissystem zu ersinnen, das Deutschland vor französischen Revanchegedanken sichern sollte. Und ohne die allmähliche Aufgabe des Bündnissystems unter Wilhelm II. wäre es wiederum nicht zur fatalen Selbstisolierung Deutschland aus den Reihen der europäischen Großmächte gekommen, die letztlich in die „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts mündete.  

Ich werde daher Klaus Hildebrands Argumentationsfaden ausgehend von den 1870er Jahren bis zur Julikrise 1914 folgen, um ein Fundament zu schaffen, von dem aus die Politik der Jahre um 1900 besser beurteilt werden kann.

Bismarcks Bündnissystem

Anlässlich der Balkankrise verfasste Bismarck am 15. Juni 1877 das sogenannte „Kissinger Diktat“, in dem er die Grundkonzeption des Bündnissystems in klaren Worten umriss:

Wenn ich arbeitsfähig wäre, könnte ich das Bild vervollständigen und feiner ausarbeiten, welches mir vorschwebt: nicht das irgend eines Ländererwerbes, sondern das einer politischen Gesamtsituation, in welcher alle Mächte außer Frankreich unser bedürfen, und von Koalitionen gegen uns durch ihre Beziehungen zueinander nach Möglichkeit abgehalten werden.

Die Große Politik der Europäischen Kabinette 1871-1914, Bd. 2, S. 153 f.: Diktat Bismarcks, „z. Z. in Kissingen“, vom 15. Juni 1877, vgl. Hildebrand, Vergangenes Reich, S. 47

Bismarck machte sich umgehend ans Werk, eine solche „politische Gesamtsituation“ zu schaffen, und knüpfte zu allen wichtigen europäischen Mächten Verbindungen, außer zu Frankreich, denn die Feindschaft des westlichen Nachbarn dem Deutschen Reich gegenüber schien unüberwindlich zu sein. So wurde Frankreich vorläufig die Chance auf Revanche genommen, da die verschiedenen Bündnisse zumindest vermieden, dass sich eine umfassende Koalition gegen das Deutsche Reich bilden konnte. Wie schon das „Kissinger Diktat“ andeutet, konnte Bismarck in den Konflikten und Krisen dieser Zeit glaubhaft vermitteln, keine weiteren Eroberungen anzustreben und stattdessen eine „Gleichgewichtspolitik der uninteressierten Macht der Mitte“ zu verfolgen.

Doch wie kam dieses Bündnissystem zustande und wie war es beschaffen? Nach dem sog. „Ohrfeigenbrief“ des Zaren, in dem er das Reich zu einem klaren prorussischen Kurs in territorialen Fragen aufrief und in dem Bismarck mit Vorwürfen überhäuft wurde, riet der Kanzler von Verhandlungen mit dem Zarenreich ab. Stattdessen begann Bismarck, die Beziehungen zu Österreich-Ungarn zu verbessern. Das Ergebnis war der „Zweibundvertrag“ des Reiches mit Österreich-Ungarn, der am 7. Oktober 1879 in Wien unterzeichnet wurde. Dieser Vertrag sicherte für den Fall eines russischen Angriffs gegenseitige Unterstützung zu und garantierte bei einem Angriff einer vierten Macht wohlwollende Neutralität – was eindeutig gegen Frankreich zielte. Der Zweibund war eine klassische Defensivallianz, auf fünf Jahre geschlossen. Das Verhältnis zu Russland war dadurch fraglos gestört, aber Bismarck hoffte, dass sich Österreich-Ungarn, Deutschland und Russland wieder annäherten.

Nachdem sich wegen einer Krise im Orient kurzzeitig die Beziehungen zu Russland verschlechtert hatten, suchte der Zar ab Ende 1879 wieder eine Annäherung an das Deutsche Reich. Im Juni 1881 konnte Bismarck dann den Drei-Kaiser-Vertrag zwischen Russland, dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn abschließen, der alle Vertragspartner zu einer wohlwollenden Neutralität für den Fall des Krieges mit einer vierten Macht verpflichtete. Mehr noch: Die drei Mächte versprachen, ihre Interessen auf dem Balkan gegenseitig abzustimmen. So sollte die Rivalität zwischen und Österreich und Russland entschärft und letztlich ein russisches Bündnis mit Frankreich verhindert werden. „Außerdem wird aber für Deutschland“, so Bismarck dem Kaiser gegenüber, „die Gefahr einer französisch-russischen Koalition vollständig beseitigt.“ Mit den Abschlüssen des Zweibundes und des Dreikaiservertrages, die die Nachteile der deutschen Mittellage nicht grundsätzlich zu beheben vermochten, war dennoch der Ausgangspunkt für den Aufbau des Bismarck‘schen Bündnissystems der achtziger Jahre geschaffen, das Europa und dem Reich den Frieden erhielt.

Schematisierte Darstellung des Bündnissystems. Grün: Zweibund; blau: Drei-Kaiser-Abkommen; rot: Dreibund; violett: Mittelmeerabkommen; gelb: Rückversicherungsvertrag. (Quelle: Alexander Döll.)

Im Mai 1882 gelang es Bismarck, mit Österreich-Ungarn und Italien den sogenannten „Dreibund“ abzuschließen. Dadurch schien die Gefahr einer Auseinandersetzung zwischen den alten Rivalen Italien und Österreich erst einmal gebannt zu sein, da Italien unter Vermittlung Bismarcks auf seine Ansprüche an Südtirol und Triest verzichtete. Im Gegenzug durfte es auf die Hilfe der anderen Vertragspartner rechnen, wenn es ohne Verschulden von Frankreich angegriffen werden sollte, und umgekehrt war es verpflichtet, im Falle eines Angriffs den attackierten Bündnispartnern gleichfalls mit allen Kräften zu Hilfe zu kommen. Endlich konnte Bismarck nach eigenen Bekundungen wieder ruhig schlafen, keinesfalls wegen der kaum vorhandenen militärischen Schlagkraft Italiens, sondern weil dieses Abkommen den vorher geschlossenen Drei-Kaiser-Vertrag zwischen Deutschland, Russland und Österreich weiter stärkte.

Nach schweren Krisen in der europäischen Diplomatie, die beinahe zu einem Bündnis zwischen Frankreich und Russland und einem gemeinsamen Vorgehen gegen Deutschland geführt hätten, forderte Bismarck 1887 den Abschluss eines Abkommens zwischen Großbritannien, Italien und Österreich-Ungarn. Das Ziel dieses Vertrages war rein defensiv, denn es sollte Italien, mit dem das Deutsche Reich verbündet war, gegen Frankreich schützen. Der Weltmacht England wurde von Bismarck in Aussicht gestellt, dass Österreich und Italien künftig Englands Position in Ägypten stützten. Der Name des Bündnisses rührt daher, dass das Mächtegleichgewicht im Mittelmeerraum erhalten bleiben sollte, für Bismarck stand aber im Vordergrund, England an den Dreibund heranzuführen und damit dieses für Deutschland so wichtige Bündnis zu stärken.

Den Abschluss von Bismarcks Bündnissystem bildete der Rückversicherungsvertrag mit Russland, der geschlossen wurde, nachdem es erneut zu großen Spannungen mit dem Riesenreich gekommen war. Seit 1885 hatte Bismarck es vermieden, Russland an die Wand zu drängen, in der Hoffnung, die Friedenspartei in Russland könnte sich durchsetzen. Wenig später normalisierten sich die diplomatischen Beziehungen, wodurch der Weg für den Rückversicherungsvertrag frei wurde. Formal garantierte der Vertrag Neutralität bei einem unprovozierten französischen oder österreichischen Angriff auf den jeweiligen Partner; in einem geheimen Zusatzprotokoll erkannte das Deutsche Reich Bulgarien als russische Einflusszone an, was gegen Österreich gerichtet war und die Donaumonarchie deshalb nicht erfahren durfte, und es sicherte auch diplomatische Unterstützung zu, falls „die Lage“ eine russische Besetzung der Meerengen am Schwarzen Meer erforderlich mache – dies war gegen England gerichtet. Damit – so glaubte Bismarck – war der russische Zar gegen eine französisch-russische Allianz festgelegt.

Das war das „Spiel mit den fünf Kugeln“ (79), durch das die europäischen Großmächte an das Deutsche Reich gebunden werden sollten, „ohne doch an eine von ihnen angebunden zu sein.“ Die verschiedenen Verträge bildeten ein kompliziertes System mit Berlin im Zentrum, das die Fäden in der Hand behielt, um „Europa in der Balance und Frankreich in der Isolierung zu halten.“ (82) Bismarck spielte die europäischen Großmächte insgeheim gegeneinander aus, schaffte durch seine Friedenspolitik aber auch Vertrauen und sicherte damit die prekäre Existenz des Reiches nach den Eroberungen von 1871.

Karikatur The European Equilibrist
Bismarck jongliert mit den europäischen Mächten. Karikatur The European Equilibrist von Joseph Ferdinand Keppler, Zeitschrift „Puck“ 1887. (Quelle: https://www.ebay.com/itm/THE-EUROPEAN-EQUILIBRIST-JUGGLING-WAR-AND-PEACE-CHERUB-POLITICS-CANON-GUNPOWDER-/400888794249)(beschriftet).

Zuallererst vermochte er aber das, was nach der Ära Bismarcks nicht mehr gelingen sollte – einen anti-deutschen Kurs der Weltmacht Großbritannien zu verhindern. Die Bande zu Russland waren immer prekär und auch innenpolitisch äußerst unbeliebt, die Tuchfühlung zu Frankreich, die Bismarck während eines kurzen kolonialen Abenteuers aufnahm (S. 86 ff.), war realpolitisch nahezu bedeutungslos – Frankreich war und blieb der erklärte Gegner des Reiches. Großbritannien aber wurde über zwei Jahrzehnte hinweg erfolgreich davon abgehalten, Bündnisse gegen das Deutsche Reich zu schmieden. So konnte der schon Bismarck so gefürchtete „cauchemar des coalitions“, der Alptraum der gegen Deutschland gerichteten Koalitionen vermieden werden.

„Politik der freien Hand“

Nach Bismarcks Rücktritt im September 1890 gab Wilhelm II. den Ton an, der mit seinem „persönlichen Regiment“ nun selbst die Fäden in der Hand halten und von der Bismarck’schen Verständigungspolitik nichts mehr wissen wollte. Die Kanzler unter Wilhelm II. hatten in dieser Hinsicht wesentlich weniger Beinfreiheit als Bismarck unter dem alten Kaiser Wilhelm I. Damit geriet nach und nach auch das überragende Ziel Bismarcks aus dem Blick, möglichst gute Beziehungen zu England zu unterhalten. Vielmehr griff jetzt eine aggressive, zuweilen auch tollpatschige Großmachtspolitik Raum, die dem Reich einen ebenbürtigen Rang neben der Weltmacht England sichern zu müssen glaubte: „Großbritanniens weltweite Suprematie und seine traditionelle Politik des europäischen Gleichgewichts gerieten ins Fadenkreuz der wilhelminischen Politik.“ (192) Verlangt wurde jetzt ganz unverblümt ein „Platz an der Sonne“ (Bernhard von Bülow), mithin der Besitz von überseeischen Kolonien.

Karikatur Der Lotse geht von Bord
Der Lotse geht von Bord. Karikatur von Sir John Tenniel, abgedruckt im englischen Magazin Punch (1890). Oben ist Kaiser Wilhelm II. abgebildet. Unten muss Kanzler Bismarck das Schiff verlassen. (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Lotse_geht_von_Bord#/media/Datei:1890_Bismarcks_Ruecktritt.jpg)

Angestrebt wurde bei alledem die Überwindung der als zu klein empfundenen deutschen geographischen Verhältnisse, die Bismarck noch als unhintergehbare Tatsache betrachtet hatte. Bis auf Togo brachten die von den Deutschen besetzten Reste der auf der Welt noch verbliebenen Kolonien kaum etwas ein. Ganz im Gegenteil gestaltete sich ihr Schutz als ein kostspieliges Unterfangen, und politisch erreichte die Kolonialpolitik genau das Gegenteil von dem, was sie erreichen sollte, nämlich dem im europäischen Mächtekonzert „zu spät“ gekommen Reich wieder zu neuer Größe zu verhelfen.

Neben der Jagd nach Kolonien war es der Flottenbau, der das Verhältnis zu Großbritannien schnell eintrüben sollte. Das Flottenbauprogramm, das sich über zwei Jahrzehnte hinzog und das in mehreren Novellen modifiziert wurde, folgte dem nach einem Admiral benannten „Tirpitz-Plan“ (200). Während der Bauphase sollte nach den Plänen des Kanzlers von Bülow außenpolitische Ruhe gehalten werden, um möglichst unbemerkt die Waffe schmieden zu können, mit der man die Welt in Angst und Schrecken versetzen wollte. Von den beiden ins Auge gefassten Alternativen – entweder eine Kreuzerflotte zum Schutze von Kolonien oder eine Schlachtschiffflotte zu bauen, die England in der Nordsee Paroli bieten sollte – entschied sich Wilhelm II. für letztere. Sie war in politischer Hinsicht weit gefährlicher, da sie die Briten gewissermaßen vor ihrer eigenen Haustür bedrohte. „Ein hasardeurhafter Zug des alles oder nichts“, so Hildebrand, „haftete der Entscheidung zum Flottenbau an.“ (193) Durch den Flottenbau und die Jagd nach Kolonien wurde sehr schnell jenes Vertrauen verspielt, das Bismarcks Außenpolitik in den 20 Jahren zuvor mühsam aufgebaut hatte.

„Auskreisung“ statt „Einkreisung“

Die Ursache des aggressiven Auftretens der deutschen Politik war keine innere Krisenhaftigkeit des Reiches, die man außenpolitisch zu überspielen versucht hätte, vielmehr war es ein übersteigerter Zukunftsoptimismus, der in einer aufstrebenden Wirtschaft und in einem demographischen Boom seine wesentlichen Triebfedern hatte. Die Geltungssucht des Kaisers, der Militärisches über alles liebte, kam hinzu, und auch im Alltag des Kaiserreiches waren Flottenvereine und militärische Veranstaltungen aller Art überaus präsent. Beliebt war die martialische Politik des Kaisers bei den meisten Untertanen zweifellos. Dennoch war es nicht das Hauptziel, die Massen hinter sich zu bringen, sondern die imperialistische Außenpolitik hatte längst eine Eigendynamik entfaltet. Erst um 1905 wurden die Umrisse der Gefahren deutlicher, in die sich der Kaiser und sein Kanzler Bülow mit ihren Entscheidungen zur Jahrhundertwende hineinmanövriert hatten.

Zunächst machte sich das Scheitern des Tirpitz-Plans unangenehm bemerkbar, als die Briten die „Dreadnoughts“, eine den deutschen Schiffen überlegene Schlachtschiffklasse einführten. Rückblickend sah von Bülow ein, dass das Flottenbauprogramm aber vor allem ein außenpolitischer Fehler war, denn es war schon zuvor zu einem Bündnis zwischen Russland und Frankreich gekommen, und wenn jetzt noch England hinzutreten sollte, konnte das für das Deutsche Reich überaus gefährlich werden (205). Dennoch rückte von Bülow von Bismarcks Friedenspolitik immer mehr ab. Für ihn lag „die höchste Aufgabe der Diplomatie [darin], den Staat so zu führen, daß er eventuell unter möglichst guten Vorbedingungen in einen Krieg eintreten“ konnte (zit. n. ebd., 212). 

HMS Dreadnought
Abbildung des britischen Schlachtschiffs HMS Dreadnought, 1906 (Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:HMS_Dreadnought_1906.jpg)

Vor der dramatischen Zuspitzung der Lage vor dem Ersten Weltkrieg kam es zwischen England und Deutschland allerdings noch einmal zu einer Periode zaghafter Annäherungsversuche. Die Schwierigkeit für die deutsche Diplomatie lag hierbei in der Tatsache begründet, dass man zwischen Russland und England die Position der Neutralität wahren wollte. England verlangte aber Unterstützung gegen das russische Vorgehen in Ostasien. Die deutsche Diplomatie versuchte zwischen diesen unvereinbaren Zielen zu lavieren; lösen konnte sie das Dilemma nicht. Die Versuche, aus der Sache sogar noch Kapital zu schlagen, schlugen fehl. Ganz im Gegenteil dachte man in Moskau jetzt sogar darüber nach, sich mit London ins Benehmen zu setzen. Und im Zuge einer von Deutschland geforderten Teilung des portugiesischen Kolonialerbes fühlte sich England geradezu erpresst.

1901 zeichnete sich bereits ein für Deutschland äußerst bedrohliches Bündnis zwischen Russland und England ab. Das Reich geriet nun zusehends in die selbst verschuldete Isolation. Zwar strebte die deutsche Diplomatie immer noch eine Vereinbarung mit England an, aber es sollte ein umfassendes Bündnis sein, was die Briten angesichts der Unzuverlässigkeit der Deutschen längst nicht mehr zuzugestehen bereit waren. Von Bülow spielte wieder einmal „um alles oder nichts.“ (219) Die Deutschen wollten die Engländer mit dem Flottenbau unter Druck setzen und sie als die beherrschende internationale Macht ablösen; gleichzeitig wollten sie mit England ein umfassendes Bündnis eingehen. Beides war schlechterdings nicht vereinbar und so konnte die Sache nicht gutgehen.

Geschürzt wurde dann der Knoten durch die „Entente cordiale“ zwischen England und Frankreich, die trotz der Tatsache geschlossen wurde, dass sich beide Mächte zuvor immer wieder am Rande eines Krieges bewegten. Frankreich sollte laut dieses „herzlichen Einvernehmens“ freie Hand in Nordwestafrika haben, während England die unumschränkte Herrschaft über Ägypten zugestanden wurde. Auch ein danach anvisiertes Defensivbündnis Deutschlands mit Russland verlief im Sande. 1905 standen die Deutschen ohne Bundesgenossen da, pflegten trotzige Neutralität und legten all ihre Hoffnungen auf die Flotte, die den gordischen Knoten dereinst durchtrennen sollte.

Nach den ersten Verwicklungen in Marokko wurde Deutschland dann noch mehr in die Ecke gedrängt. Allerdings ist dies nicht auf eine Koalition finsterer Mächte zurückzuführen, sondern auf eine Kaskade eigener außenpolitischer Fehlentscheidungen, die zum Schluss darauf hinausliefen „va banque zu spielen, alles oder nichts zu riskieren.“ (237) Die vom Kaiser selbst so genannte „Einkreisungspolitik“ (240) bezeichnet Hildebrand viel treffender als „Auskreisung“ (236 ff.) aus dem internationalen Mächtekonzert, da Wilhelm II. viel eher auf die diplomatischen Scharfmacher und auf seine Militärs hörte als auf die zur Vorsicht mahnenden Stimmen. 

Auch der neue Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg konnte den immer schneller sich schließenden Ring nicht mehr sprengen. Dafür waren seine außenpolitischen Entscheidungsspielräume schon viel zu eng (249 ff.). „In nicht unerheblichem Maße hatten sich die Deutschen die arg unbekömmliche Suppe selbst eingebrockt, die sie nun auslöffeln mußten.“ (249) Dennoch setzte Bethmann Hollweg ab 1909 alles daran, den sich schon abzeichnenden Krieg durch eine Détente mit England noch zu verhindern. Russland wurde von Bethmann Hollweg ohnehin als Feind angesehen, deshalb optierte er für ein Bündnis mit der westlichen Weltmacht – allein die Optionen lagen längst nicht mehr beim Reich.

Statt wie unter Bismarck mit allen europäischen Großmächten außer Frankreich Verbindungen zu unterhalten, war Deutschland nun mit keiner Macht außer Österreich mehr verbündet, wenn man einmal vom nur noch widerwillig im Dreibund mittrabenden Italien absieht. Im Gegenteil hatten sich die ehemaligen Bundesgenossen nunmehr untereinander verbündet oder waren im Begriff dazu. Der Kanzler versuchte dennoch sein Glück und wollte den Engländern bei der drängenden Flottenfrage entgegenkommen. Statt aber den Briten kleine außenpolitische Zugeständnisse abzuringen, sollten sie in ein umfassendes Abkommen mit Deutschland einwilligen. England sollte bei einem französisch-russischen Angriff auf Deutschland Neutralität wahren, was zu diesem Zeitpunkt viel verlangt war und den Briten überhaupt keine Vorteile versprach. Im Gegenteil bestand dadurch die Gefahr, die Ententen mit Russland und Frankreich aufs Spiel zu setzen. Auf diejenigen britischen Stimmen, die dem Reich gegenüber zur Nachsicht drängten, geht Hildebrand auch ein, fügt aber hinzu: „Es war viel zuviel verlangt, sich gegenüber demjenigen generös zu verhalten, der einem selbst immer wieder barsch begegnete, und gerade denjenigen am Entwurf neuer Spielregeln für die internationale Politik zu beteiligen, der die bestehenden fortwährend verletzte.“ (255)

Den letzten großen Schlag erhielt der Versuch, eine englisch-deutsche Détente herzustellen, durch das Abenteuer in Marokko 1911. Angesichts einer französischen Intervention in dem nordafrikanischen Land erwog man den französischen Kongo als Faustpfand zu besetzen, um Paris von der Besetzung der Stadt Fez in Marokko, die ein klarer Rechtsbruch war, wieder abzubringen. Für den Fall, dass das nicht gelingen sollte, wollte man sich Gebiete in Südmarokko aneignen. Dem verantwortlichen Staatssekretär Kiderlen-Wächter ging es vor allem darum, innenpolitisches Prestige einzuheimsen und „zunächst einmal mit der Faust auf den Tisch zu schlagen“ (262).

Am 1. Juli 1911 erfolgte dann der „Panthersprung von Agadir“; ein deutsches Kanonenboot landete in der marokkanischen Stadt, vorgeblich um deutsche Staatsbürger zu schützen. Damit verfolgte Berlin eine „Politik des Bluffs und der Widersprüche“ (263), da man keinen Krieg wollte, aber groß aufzutrumpfen gedachte. Von entscheidender Bedeutung war allerdings, dass man in England fürchtete, dass Frankreich unter dem deutschen Druck einlenken und dass dadurch die Entente cordial geschwächt werden würde (265). In seiner Mansion-House-Rede ergriff der Schatzkanzler Lloyd George daher dezidiert für Frankreich Partei und versprach umgehend englische Hilfe.

In Deutschland griff jetzt Kriegsstimmung um sich. Hohe Militärs wie Moltke, aber auch weite Teile der Öffentlichkeit forderten, den ohnehin nicht mehr vermeidbaren Krieg nun endlich zu beginnen. Der Kaiser und sein Kanzler ließen allerdings Zurückhaltung walten. Dennoch nahmen die Spannungen unaufhörlich zu. Als Russland Frankreich zu erkennen gab, dass Agidir nicht den Bündnisfall auslöse, nahmen auf beiden Seiten die Bemühungen zu, die Bündnisse weiter zu festigen. Der Ring um das Reich begann sich immer fester zuzuziehen.

Fazit

Man sieht, woran solche Thesen wie die von der „Einkreisung“ Deutschlands vor dem Ersten Weltkrieg kranken. Sie setzen meist am unmittelbaren Vorkriegsgeschehen ein und blenden die Ereignisse in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus. Ohne das Bündnissystem Bismarcks, das die Eroberungen vor der Reichsgründung absichern sollte, und dessen allmähliches Auseinanderbrechen unter Wilhelm II., ist der Ring der sich gegen das Reich schließenden Bündnisse vor dem Ersten Weltkrieg nicht zu verstehen. Dieser Vorgang mag sich wie das Ergebnis einer Weltverschwörung ausnehmen, er resultierte aber aus der Umkehrung der Bündnisse mit der neuen Stoßrichtung gegen Deutschland, was vor allen Dingen auf viele Fehlentscheidungen von deutscher Seite zurückging.

Gewiss, man wird manches Wort der Friedensliebe aus dem Mund des Kaisers oder seiner Umgebung finden. Neben der Tatsache, dass es auch oft viel schrillere Töne gab, ist aber vor allem entscheidend, dass weder der Kaiser noch seine Berater wirklich verstanden, auf welch tönernen Füßen das neue deutsche Reich stand und welch umsichtige Absicherungsmaßnahmen nötig waren, um überhaupt nur seinen Bestand zu sichern. Die Absicht der handelnden Politiker ging aber dahin, weit über das Erreichte hinauszugreifen, um Deutschland den Status einer Weltmacht zu verschaffen – einem Ansinnen, für das es weder die realpolitischen noch die wirtschaftlichen Voraussetzungen gab.

Darum setzten sie das Bündnissystem so leichtfertig aufs Spiel und wunderten sich dann, als sich das Kräftegleichgewicht allmählich zu ihren Ungunsten zu verschieben begann. Schon 1887 – also noch vor Bismarcks Rücktritt – zeichnete Joseph Keppler Bismarck als einen Jongleur, der die wichtigsten Mächte Europas wie Bälle durch die Luft wirft, um sie danach wieder aufzufangen (siehe oben). Er steht dabei auf einer Wippe, die wiederum auf einem Pulverfass befestigt ist. Auf der einen Seite sitzt ein Friedensengel, auf der anderen Seite ein Söldner. Die Wippe senkt sich bereits zu letzterem, um damit anzudeuten, dass der Krieg Teil des Spiels ist. Daraus kann man nur schlussfolgern, dass schon weitsichtigen Zeitgenossen klar gewesen sein muss, auf wie dünnem Eis sich das neu gegründete Reich bewegte. Wenn die Bälle, die das Bündnissystem symbolisieren, herunterfallen und der Jongleur das Gleichgewicht verliert, ist mit dem Schlimmsten zu rechnen. Dass es so schlimm kommen sollte, war freilich selbst Weitsichtigsten unter ihnen nicht bewusst – wer mag es ihnen verdenken!