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Biographische Skizzen

Hans von Müller

Geb. 30. März 1875 in Kiel; gest. 8. März 1944 in Berlin. Hans von Müller studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie in München, Leipzig, Berlin sowie Rechts- und Verwaltungswissenschaften in Marburg, Rostock und Berlin.

Hans von Müller
Hans von Müller. Quelle: https://books.google.de/books?id=-DOt1_h1AkgC

Er sammelte ab 1895 unablässig Quellen zum Werk E.T.A. Hoffmanns, so etwa Briefe, Tagebücher und Zeichnungen. Im Jahr darauf wurde er Mitarbeiter von Eduard Grisebach, mit dem er die E.T.A.-Hoffmann-Ausgabe edierte. Aufgrund von finanziellen Engpässen musste er 1911 die E.T.A.-Hoffmann-Autographe versteigern.

Von 1897 bis 1899 war er zeitweise Mitarbeiter an der Friedrich-Nietzsche-Werkausgabe am Nietzsche-Archiv in Weimar, danach betätigte er sich als freier Schriftsteller und Privatgelehrter in Berlin, wo er in Künstlerkreisen verkehrte. Nach einem kurzen Intermezzo als Verwalter der Redaktionsbibliothek des Berliner Tageblatts fungierte er ab 1915 bis zu seinem Tod als bibliothekarischer Mitarbeiter im Katalog und Auskunftsdienst der Staatsbibliothek zu Berlin.

Er pflegte Freundschaften mit Paul Ernst, Otto Erich Hartleben, Alfred Kubin, Max Osborn, Richard von Schaukal und Karl Scheffler. Obwohl er 1939 (sehr spät) Mitglied der NS-Volkswohlfahrt wurde, hielt er sich auf Distanz zum NS-Regime und wurde von der Gestapo wegen Kontakten zu jüdischen Kollegen überwacht.

1922 erhielt er die Ehrendoktorwürde der Universität Königsberg. Die Verleihung kam auf Betreiben des damaligen Dekans Rudolf Unger zustande. In der Begründung heißt es:

In dankbarer Anerkennung der Verdienste, die er sich in langjähriger scharfsinniger, opfermutiger und erfolgreicher Forschertätigkeit von vorbildlicher methodischer Strenge und gewissenhafter Gründlichkeit auf editorischem, genealogischem und bibliographischem Gebiete sowie durch glückliche archivalische und bibliothekarische Funde um die deutsche Literaturwissenschaft des 17., 18. und 19. Jahrhunderts, vor allem aber um die wissenschaftliche Neubegründung unserer Kenntnis und Erkenntnis E.T.A. Hoffmanns erworben hat.

Zit. n. Hans-Dieter Holzhausen: Aus den Papieren eines bekannten Hoffmannforschers. Hans von Müller zum 125. Geburtstag am 30. März 2000, in: E.T.A. Hoffmann-Jahrbuch 8 (2000), S. 81–105, hier: S. 101.

Lit.: Hans-Dieter Holzhausen: Aus den Papieren eines bekannten Hoffmannforschers. Hans von Müller zum 125. Geburtstag am 30. März 2000, in: E.T.A. Hoffmann-Jahrbuch 8 (2000), S. 81–105. (https://books.google.de/books?id=-DOt1_h1AkgC); Hans-Dieter Holzhausen: Müller, Hans von, in: Christoph König (Hrsg.), unter Mitarbeit von Birgit Wägenbaur u.a.: Internationales Germanistenlexikon 1800–1950. Bd. 2, Berlin/New York 2003, S. 1283–1285.

Dieser Blogbeitrag basiert auf dem Wikipedia-Artikel zu Hans von Müller, den ich unter dem Pseudonym „Cherämon“ bis auf wenige Änderungen selbst verfasste.

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Biographische Skizzen Literaturwissenschaft im Nationalsozialismus

Klemens Lugowski

Geb. 22.2.1904 in Berlin; gest. 26.10.1942 in Ropscha bei Leningrad. Lugowski studierte 1923-1925 zunächst Maschinenbau an der TH Berlin, 1925-1928 dann Germanistik, Geschichte und Philosophie in Berlin und schließlich 1928-1931 bei Friedrich Neumann und Rudolf Unger in Göttingen. Er finanzierte sich das Studium mit Tätigkeiten als Landarbeiter, Postaushelfer, Zeitungsreporter und Filmvorführer. Die Promotion erfolgte 1932 bei Rudolf Unger in Göttingen (s.u.), ebenso wie 1935 die Habilitation (s.u). Von 1933-1935 war Lugowski wissenschaftliche Hilfskraft am Seminar für Deutsche Philologie der Universität Göttingen, 1935-1936 dann Privatdozent für Deutsche Philologie an der Universität Göttingen. Im WS 1936/1937 folgte eine Lehrstuhlvertretung an der Universität Heidelberg, 1937 bis zum WS 1938/1939 eine Dozentur für Neuere deutsche Philologie an der Universität Königsberg. Zwischen 1939 und 1942 ist Lugowski dann Lehrbeauftragter, ab 1940 planmäßiger außerordentlicher Professor für Ältere deutsche Literatur an der Universität Kiel. Am 26.3.1942 wurde er schließlich als Nachfolger für Gerhard Fricke als ordentlicher Professor für Neuere deutsche Literaturgeschichte in Kiel berufen.  

Lugowski rekonstruiert in seinen Studien eine Verfallsgeschichte der Wirklichkeitsauffassung des Menschen, einerseits ablesbar im Medium der Literatur, andererseits nach Auffassung Lugowskis ablesbar in der Lebenswirklichkeit der Neuzeit. Das Schicksal des modernen Menschen sei die Herausgelöstheit aus einem überindividuellen Deutungszusammenhang, einem Deutungszusammenhang, wie ihn noch die antiken Menschen mit dem Mythos besessen hätten. Im Ergebnis führe das zur Vereinzelung und damit auch zur Entwertung des Menschen, die allenfalls „künstlich“ und zeitweise, vor allem durch die Tat, zuallererst im Krieg, aufgehoben werden kann, sonst aber bestehen bleibt.

Im Kern handelt es sich dabei um eine durchaus mit dem Zeitgeist übereinstimmende Kritik an Individualismus und Liberalismus, die bereits die Dissertation Dichterische Ganzheit und Einzelmensch. Studien zum Problem der Individualität in der deutschen Erzählung des 16. Jahrhunderts bestimmt und dann in der Habilitationsschrift Mensch und Wirklichkeit. Betrachtungen über das Wirklichkeitsgefühl in französischer und germanischer Dichtung wesentlich akzentuiert wird. Vor allem in letzterer wird die polemische Stoßrichtung deutlich, die sich nun explizit gegen die französische Kultur und Gesellschaft richtet und demgegenüber die Vorzüge der deutschen Volksgemeinschaft und des deutschen Volkstums herausstellt. Auch die Wahl des Untersuchungsgegenstandes – das Werk Heinrich von Kleists – erwies sich für die nationalsozialistische Germanistik als überaus anschlussfähig. Er gehörte zweifellos zu den Hardlinern der Germanistik während der Zeit des Nationalsozialismus.

Das seiner Herangehensweise zugrundeliegende Dekadenznarrativ erinnert an die Geschichtsphilosophie Oswald Spenglers, die positive Konnotation des Krieges als befreiender und geradezu beglückender Macht an Ernst Jüngers aus Kriegstagebüchern hervorgegangenem Roman In Stahlgewittern. Bezeichnenderweise meldete sich Lugowski, nachdem er gerade ordentlicher Professor geworden war, freiwillig für den Kriegsdienst an der Ostfront, wo er 1942 als Leutnant gefallen ist. Den philosophischen Unterbau seiner Arbeiten bilden die Forschungen Ernst Cassirers zum Nachleben des Mythos in der Moderne sowie die Modernekritik Friedrich Nietzsches.  

Die literaturwissenschaftliche Grundlage von Lugowskis Arbeiten ist die literaturhistorische Lebenswissenschaft vor allem Rudolf Ungers, dessen Schüler Lugowski war. Kombiniert wird dies – für diese Zeit durchaus ungewöhnlich – mit einer streng formanalytischen Untersuchungsmethodik literarischer Texte der Frühen Neuzeit (Dissertation) bzw. der Klassik/Romantik (Habilitationsschrift). Einige dabei entwickelte Begrifflichkeiten wie „Gehabtsein“, „Ob- vs. Wie-Spannung“ oder Motivierung „von hinten“ (finale Motivierung) besitzen noch heute Gültigkeit. Produktiv weitergeführt wurde Lugowskis Methodik beispielsweise in der Barockforschung seit den 1960er Jahren, um die komplexen Strukturen der höfischen Staatsromane eines Herzog Anton Ulrich oder Daniel Casper von Lohenstein zu untersuchen (Adolf Haslinger: Epische Formen im höfischen Barockroman). Seit einigen Jahren nutzt auch die Mediävistik dieses Instrumentarium zur Analyse von Romanen und Erzählungen der mittelalterlichen Literatur.

Werk/Monographien: Dichterische Ganzheit und Einzelmensch. Studien zum Problem der Individualität in der deutschen Erzählung des 16. Jahrhunderts, Druck u.d.T. Die Form der Individualität im Roman. Studien zur inneren Struktur der frühen deutschen Prosaerzählung, Berlin 1932 (2. Aufl. der Neuausgabe mit einer Einleitung von Heinz Schlaffer, Frankfurt am Main 1976: 1994. – englische Übersetzung: Form, Individuality and the Novel. Analysis of narrative structure in early German prose, Cambridge 1990); Wirklichkeit und Dichtung. Untersuchungen zur Wirklichkeitsauffassung Heinrich von Kleists, Frankfurt am Main 1936.

Lit.: Dorothee Kimmich: Lugowski, Clemens, in: Christoph König (Hrsg.), unter Mitarbeit von Birgit Wägenbaur u. a.: Internationales Germanistenlexikon 1800–1950, Bd. 2, De Gruyter, Berlin/New York 2003, S. 1124-1126; Heinz Schlaffer: Lugowski, Clemens, in: NDB online; Gerhard Kaiser: Grenzverwirrungen. Literaturwissenschaft im Nationalsozialismus, Berlin 2008 (insb. S. 484 ff.); Herwig Gottwald: Spuren des Mythos in moderner deutschsprachiger Literatur: theoretische Modelle und Fallstudien, Würzburg 2007; Martin Jesinghausen: Der Roman zwischen Mythos und Post-histoire – Clemens Lugowskis Romantheorie am Scheideweg. In: Matías Martínez (Hrsg.): Formaler Mythos. Beiträge zu einer Theorie ästhetischer Formen. Paderborn, München, Wien und Zürich 1996, S. 183–218.