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Biographische Skizzen Literaturwissenschaft im Nationalsozialismus

Walther Rehm

Geb. 13.11.1901 in Erlangen; gest. 6.12.1963 in Freiburg/Breisgau. Rehm studierte 1919-1923 Deutsche Philologie, Geschichte und Kunstgeschichte in München, u.a. bei Hans Heinrich Borcherdt, Paul Joachimsen, Max Weber, Heinrich Wölfflin, das Sommersemester 1920 auch in Greifswald bei Gustav Ehrismann. Die Promotion zum Thema Das Werden des Renaissancebildes in der deutschen Dichtung vom Rationalismus bis zum Realismus erfolgte 1923 in München bei Hans Heinrich Borcherdt. Ebenda wurde Rehm 1928 bei Franz Muncker habilitiert. Die Habilitationsschrift Der Todesgedanke in der deutschen Dichtung vom Mittelalter bis zur Romantik wurde 1928 in Halle an der Saale publiziert, eine zweite Auflage folgte in Tübingen 1967. Allerdings gestaltete sich die Habilitation durchaus schwierig, denn das Kolloquium im Juni 1926 scheiterte, der Wiederholungstermin im November 1926 kam ebenfalls nicht zustande, weil Franz Muncker in der Zwischenzeit verstorben war. So konnte Rehm erst 1928 auf Befürwortung von Walther Brecht sein Kolloquium erfolgreich absolvieren.

Von 1929 bis 1937 ist Rehm dann Privatdozent für Neuere deutsche Literaturgeschichte an der Universität München. Nach einer Lehrstuhlvertretung in Gießen ist er von Mai 1937 bis 1938 außerordentlicher Professor für Neuere deutsche Literaturgeschichte in München. Von 1938 bis 1943 bekleidet er eine außerordentliche Professur in Gießen, nun aber mit Beamtenbesoldung. Eine Gastprofessur an der Columbia-University in New York (USA) kommt aufgrund des Krieges nicht zustande. Als Nachfolger von Karl Viëtor wird er 1940 Ordinarius in Gießen. Von 1943 bis 1963 ist Rehm dann ordentlicher Professor für Neuere deutsche Literaturgeschichte und Direktor des Deutschen Seminars, Neue Abteilung, an der Universität Freiburg im Breisgau.  

Gegen Walter Rehm bestanden in der Frühphase des Dritten Reiches weltanschauliche Bedenken. Erst nachdem sich das Regime aufgrund schlechter Erfahrungen mit NS-Eigengewächsen entschieden hatte, wieder ausgewiesene Koryphäen auf Lehrstühle für Neuere deutsche Literaturgeschichte zu berufen, konnte Rehm Ordinarius werden. Auch nach der Anfangszeit des Dritten Reiches wurden in den entsprechenden Gutachten bei den Berufungsverfahren zwar Bedenken gegen Wissenschaftler wie Rehm geäußert, diese wurden fortan aber nicht weiter beachtet. Walter Rehm insistierte auch während seiner Tätigkeit in der NS-Zeit auf „auf einem eigensinnigen Wissenschaftsethos“ (Kaiser) und kann daher als Muster gelten, wie man angesichts widriger äußerer Umstände Haltung bewahrt und sich niemandem anbiedert. Zur Karriere eines typischen Opportunisten im NS-Regime vergleiche man den Beitrag zum Germanisten Fritz Martini.

Wie wenig die bloße NSDAP-Parteimitgliedschaft zählt, zeigt das Beispiel Rehms. Er wurde selbiges 1942 (außerordentlich spät) sowie erzwungenermaßen in den NS-Lehrerbund und die NS-Volkswohlfahrt aufgenommen.

Lit.: Hans Peter Herrmann: Rehm, Walter, in: Christoph König (Hrsg.), unter Mitarbeit von Birgit Wägenbaur u. a.: Internationales Germanistenlexikon 1800–1950, Bd. 3, De Gruyter, Berlin/New York 2003, S. 1473-1475; Gerhard Kaiser: Grenzverwirrungen. Literaturwissenschaft im Nationalsozialismus, Berlin 2008 (insb. S. 103 f.; Zitat: S. 645, Anm. 716).