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Biographische Skizzen Literaturwissenschaft im Nationalsozialismus

Hermann Pongs

Geb. 23.3.1889 in Odenkirchen/Rheinland; gest. 3.3.1979 in Gerlingen (Baden-Württemberg). Pongs studierte die Fächer Deutsch, Geschichte und Philosophie in Heidelberg (1907-1908), Berlin (1908-1909, bei Gustav Roethe und Erich Schmidt), Marburg (1909-1911 und 1912, bei Friedrich Vogt), München (1911-1912, bei Friedrich von der Leyen und Heinrich Wölfflin). Die Promotion erfolgte 1912 in Marburg über Das Hildebrandslied. Überlieferung und Lautstand im Rahmen der althochdeutschen Literatur bei Friedrich Vogt (Druck: Marburg 1913). Ebenfalls in Marburg wurde Pongs habilitiert, und zwar zu Ursprung und Wesen der Metapher. 1927 wurde diese Schrift publiziert u.d.T. Das Bild in der Dichtung. Von 1922 bis 1927 war Pongs Privatdozent für Deutsche Sprache und Literatur an der Universität Marburg. 1927-1929 außerordentlicher Professor für Neuere Literaturwissenschaft an der Universität Groningen. Zwischen 1929 und 1942 dann ordentlicher Professor für Deutsche Literatur an der TH Stuttgart. 1942-1945 war er ordentlicher Professor für Deutsche Philologie, insbesondere Neuere deutsche Literaturgeschichte an der Universität Göttingen in der Nachfolge Rudolf Ungers.

Hermann Pongs gehörte zu den überzeugten Nationalsozialisten unter den Germanisten dieser Zeit. Allerdings hatte er sich schon in der Weimarer Republik einen Ruf als ein herausragender Germanist erworben – insbesondere durch seine Symbolforschung. Obwohl er durchaus mit den Leitbegriffen der NS-Zeit wie „Mutterliebe, Vatergeist, Familie, Stamm, Volk, Vaterland, Geist der Kultur“ (zit. n. Kaiser, S. 517) operierte, viele seiner Arbeiten eindeutig völkischen Charakter annahmen und er zumindest den Eindruck erweckte, mit den Machthabern weltanschaulich übereinzustimmen, versuchte er doch gleichzeitig, die wissenschaftlichen Standards der Germanistik hochzuhalten.

Dadurch geriet er ins Visier der platt völkisch argumentierenden „Eiferer“ unter den Germanisten wie Hellmuth Langenbucher, die ihm vorwarfen, zu esoterisch und nicht volksnah genug zu schreiben. Der Vorwurf seiner Gegner entzündete sich vor allem an Pongs’ existentialistisch ausgerichteter Lebenswissenschaft, mit der er sich von weniger elaborierten Herangehensweisen einiger seiner Kollegen fachintern abheben wollte. Ohne sie wirklich als Methode ausgebaut zu haben, diente diese auf der Existenzphilosophie Martin Heideggers aufbauende Methodologie eher der Profilierung gegenüber den Fachkollegen, deren Vorhalt, esoterisch zu sein, nicht völlig aus der Luft gegriffen war.

Dies war allerdings ein strategisches Manöver, denn mit seiner existentialistischen Lebenswissenschaft umschiffte er zwei Klippen: Zum einen konnte Pongs argumentieren, Germanistik im Sinne der nationalsozialistischen Weltanschauung zu betreiben, weil die oben genannten Leitbegriffe der NS-Germanistik leicht mit dem Heidegger’schen Begriffsinventar wie Sein, Existenz bzw. Extasis vereinbar zu sein schienen. Pongs lieferte also weiterhin das, was von ihm erwartet wurde. Zum anderen erschien er innerhalb der Gemeinschaft des Faches Germanistik weiterhin als reputabler Wissenschaftler mit hohem methodologischen Anspruch. Auch wenn er diesen letztlich mit seiner existentialistischen Lebenswissenschaft nicht einlösen konnte und niemand seine Methodik produktiv aufgriff, so reichten doch die zaghaften Ansätze, um ihn als vollwertiges Mitglied der scientific community weiterhin zu akzeptieren. Allzu marktschreierisch völkisch-rassistische Germanisten wie z.B. Franz Koch, Johannes Alt oder Karl Obenauer wurden nach einer Anfangszeit von ca. zwei Jahren nach 1933 nicht mehr auf ordentliche Professuren berufen, weil selbst die meisten NS-Funktionäre einsahen, dass dies der Germanistik als Fach nicht zuzumuten war.

Der Eintritt in die NSDAP erfolgte zwar erst 1940, was für einen Mann seines Alters eher spät war, 1942 verfasste er aber militärische Tornisterschriften für das Oberkommando der Wehrmacht. Wegen seiner NS-Vergangenheit wurde Hermann Pongs (1945?) denn auch seines Amtes als ordentlicher Professor für Deutsche Philologie in Göttingen enthoben. 1949 wurde er entnazifiziert, aber nicht wieder eingestellt. Ab 1950 befand er sich im Wartestand, wurde aber bei vollen Bezügen emeritiert. Eine Anfrage aus dem Jahr 1968 der Staatsanwaltschaft München, ein Gutachten über den literarischen Wert von John Clelands Memoirs of Fanny Hill zu erstellen, wurde widerrufen, nachdem seine Tätigkeit als Professor im Dritten Reich bekannt wurde.

Lit.: Hartmut Ferenschild: Pongs, Hermann, in: Christoph König (Hrsg.), unter Mitarbeit von Birgit Wägenbaur u. a.: Internationales Germanistenlexikon 1800–1950, Bd. 2, De Gruyter, Berlin/New York 2003, S. 1421-1422; Gerhard Kaiser: Grenzverwirrungen. Literaturwissenschaft im Nationalsozialismus, Berlin 2008 (insb. S. 508 ff.); Ferenschild, Hartmut: Pongs, Hermann, in: NDB online.

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Biographische Skizzen Literaturwissenschaft im Nationalsozialismus

Fritz Brüggemann

Geb. 18.12.1876 in Aachen; gest. 5.8.1945 in Berlin. Brüggemann studierte ab 1899 Philologie und Rechtswissenschaften in Bonn, Berlin und München, ab WS 1903/04 auch Philosophie in Leipzig, u.a. bei Karl Lamprecht. Die Promotion erfolgte 1909 bei Albert Köster ebenfalls in Leipzig. Titel: Die Ironie in Tiecks William Lovell und seinen Vorläufern. Nach der Habilitation an der TH Aachen im Jahr 1918 wird Brüggemann Privatdozent für Deutsche Literatur- und Kulturgeschichte an der TH Aachen. 1923-1928 ist er außerplanmäßiger Professor, 1928 erfolgt eine Umhabilitation an die Universität Kiel, und dort wird er als außerplanmäßiger Professor für Neuere Deutsche Literaturgeschichte bestellt. Am 16.10.1935 wird ihm die Lehrbefugnis aufgrund § 18 der Reichshabilitationsordnung entzogen. Dort heißt es: „Der Reichswissenschaftsminister kann die Lehrbefugnis entziehen oder einschränken, wenn es im Universitätsinteresse geboten ist.“ Es kommt allerdings am 20.11.1935 zum Freispruch durch das Kreisgericht Kiel der NSDAP, weshalb eine Fortsetzung seiner Bezahlung verfügt wird. Er wird aber wohl nicht mehr eingestellt. Fortan betätigt sich Brüggemann als Privatgelehrter, veröffentlicht aber nichts mehr.

Brüggemanns Forschungsschwerpunkte lagen auf der Literatursoziologie und auf der kulturwissenschaftlichen Literaturgeschichte, vor allem bezogen auf die Epoche der Aufklärung. Brüggemanns Methodik wurde von völkischen Wissenschaftlern der NS-Zeit als „unmodern“ kritisiert, da sie noch zu sehr der Geistesgeschichte der Vorkriegszeit verhaftet gewesen sei.

Lit.: Siegfried Gröf: Brüggemann, Fritz, in: Christoph König (Hrsg.), unter Mitarbeit von Birgit Wägenbaur u. a.: Internationales Germanistenlexikon 1800–1950, Bd. 1, De Gruyter, Berlin/New York 2003, S. 280-290; Gerhard Kaiser: Grenzverwirrungen. Literaturwissenschaft im Nationalsozialismus, Berlin 2008 (insb. S. 431); Brüggemann, Fritz, in: NDB online.