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Max Kommerell – Jean Paul in Weimar

Jean Paul betritt Weimar: das ist mehr als eine Tatsache seiner Biographie. Er ist, wie kein anderer, dort ein Fremdkörper. Sokrates in Athen, so könnte eine antike Komödie heißen und sie wurde ja auch gedichtet; Jean Paul in Weimar, das ist eine ungedichtete deutsche Komödie, freilich mit tragischen Möglichkeiten. Soviel gehört zu dieser Vorstellung, daß sie mit keinem Wort zu umschreiben ist als mit dem Wort Konstellation; Sterne über dem Menschen. Zugleich aber sind die Sterne hier Menschen, Menschen von Sternenrang. Manche kommen und gehen. Zufälliges und Gesetzliches ist kaum zu unterscheiden. Konstellation, das drückt aus, wo jeder steht, wie zu jedem, und wie alle zu allem: das Ganze als der Umfang der deutschen Möglichkeiten, in wirklichen Personen ausgedrückt. Die Natur verschwendete damals. Darum ist die geistige Ordnung um das Jahr achtzehnhundert nicht monarchisch (obwohl Goethe für jeden Geist, sogar für Beethoven, unentrinnbar bleibt). Sondern vielleicht zwölf Schöpfernaturen erster Ordnung bewegen sich jede um ein eigenes Zentrum. Keiner ist freilich wie Goethe: zwischen Bürgertum und Aristokratie handelnder Minister, Führer eines Fürsten, zugleich der beherrschende Naturphilosoph, der die Institute eines kleinen Landes für seine persönliche Bildung verwendet, ein Künstler und eine Wirklichkeit. Er ist nicht mehr allein: mit Schiller zusammen stellt er einen Anspruch dar, den man nachher Klassik nannte. Ein Minimum, unter dem fernerhin die Dichter nicht mehr bleiben durften. Die Gattungen des Schrifttums sind praktisch und theoretisch festgestellt. Nicht nur dies. Schon mit Werther ist Goethe, ohne es zu wollen, der europäische Mensch. Man kann ihm nicht entrinnen.

Wer ihn übersehen, sich nicht wenigstens zu geistiger Begegnung ihm stellen würde, wäre überlebt. Er ist eine Bedrohung, und alles, was vorher literarisch war, hat durch ihn die Bedeutung des menschlichen Ereignisses, ist Gefahr und Kampf, wagt sich daran, weil es neben Goethe zu sein wagt. Beliebige Lebensläufe werden an diesem Probierstein zu Schicksalen. Man bewegt sich, man muß es, in der Lagenordnung, die durch ihn geschaffen ist, so wie man sich in einem Land, das genau auf der Karte steht, durch Breiten- und Längengrade bewegt. Ein Zeitmaß ist festgestellt: welchen Reifegrad der Geist erreicht hat. Ist dieser allgemein gültig? Wenn nicht, so muß einer, der einen andern Reifegrad für sich behauptet, auch die Kraft haben, sich gegen Goethe zu behaupten. Ja es gab Geister, in denen es anfänglich dämmerte, chaotisch gor, vielleicht auch vergehend schluchzte, damals, als in Goethe das offenbare Werden seinen Mittag erreicht hatte. Man kann die Norm, die der Freund Schillers zwischen Iphigenie und Divan vertrat, als eng empfinden: für andere und für ihn selber. Goethe und die Dämonen, so könnte eine Geschichte heißen, die mit der Abweisung Hölderlins begänne, mit der Beethovens schlösse, und Kleist, Napoleon, Lord Byron in ihrer Mitte hegte – in Ja und Nein nicht damit begründet, daß Goethe dem Dämonischen fremd war, sondern daß es ihm allzu gut bekannt war. Wir sprechen hier nur von Jean Paul, und wo dies unaussprechlich bleibt, helfen und Zeugnisse, die in dieser Zeit hoher Bewußtheit und schärfster Spiegelung für keinen bedeutenden Augenblick fehlen.

Noch ein anderer war in Weimar, der zu Goethe den Bezug des sinkenden zum steigenden Eimer hatte: Herder. Ein Bezug, der sich nicht aus der Gegenwart erklärte. Schon die erste Begegnung Herders mit Goethe hatte ein tragisches Gesetz. Der Größere, vor allem der Glücklichere war der Schüler; es lag im Verhältnis ihrer Kräfte, daß dies sich furchtbar umkehren mußte. Dazu kam, daß die Verwandlung, die der junge Goethe durch Herder erlitt, beinahe gegen seine Natur ging. Goethes Natur war Ununterbrochenheit des Kulturbewußtseins. Herders Eingriff bedeutete: den Zeiger des Werdens titanisch zurückzudrehen, von einer reifen, ja welken Kultur die Gedichte und beinahe die Erlebnisse eines chaotischen, völkergebärenden Augenblicks zu fordern. Vor Herder ist Goethe der Leipziger Goethe, und nach ihm der Weimarer Goethe, der in einer Annäherung von Rokoko und Antike die Typen der europäischen Gesellschaft verewigt und in dem Maskenzug des Jahrhunderts den Begriff der Weltfrömmigkeit erraten läßt. Einmal war Herder der Herr der Zeit; obwohl er wußte, daß jetzt Goethe Herr war, hatte er doch keine Gebärde, als Entthronter neben ihm zu leben. Ingrimmig, scheltend, verneinend hatte er sein kurzes Erzieheramt an Goethe betätigt. Nun war er berufen worden durch Goethe, lebte, wie er sich auch stellte, weltlich und geistig unter ihm, und war nicht einmal der Zweite. Denn Schiller war neben Goethe, und damit etwas, das Goethe niemals gesucht hatte: die Macht. Der aus Italien Zurückkehrende galt seinen Freunden für erkaltet, weil ihm statt Sehnsucht Gegenwart angelegen war. Damit ist ein Deutscher unter Deutschen fremd, die Mitteilung erlischt. Goethe war sich Welt genug, um dies zu tragen. Da bewies ihm Schiller, daß das Erlebnis, das ihn zunächst vereinsamte, ein höchst geselliges war, ja die entscheidende Angelegenheit seines Volkes. Wie nie vorher und nachher gewann beiden das Dichten einen Zeitbezug, war es ein verantwortliches Formen am deutschen Geist. Herder hatte es in sich, jedem Schiff in jeder möglichen Lage Stern und Kompaß zu sein, hatte es aber nicht in sich, wie Schiller, dies eine zu steuern. Er wußte vieles besser; rettete das Geschichtliche, wo die Tat ungerecht wurde, war der Fürsprecher des Chaos, wo die Ordnung zu eben und zu trocken war. Man hörte ihn eine Weile nicht. Er stand falsch zur Zeit. Sein erster Erziehermoment war unwiederholbar – sein zweiter kam ihm, da ers nicht gedachte: in Jean Paul.

Im Juni 1796 trat Jean Paul zu Goethe. Vielleicht nicht weniger Rebell wie Schiller, der einige Jahre vorher Brutusgefühle gegen diesen Cäsar hatte[,] mit der Lust, dessen freilich geliebten Geist umzubringen, und der ihn einer stolzen Prüden verglich, der man ein Kind machen müßte, um sie zu demütigen. Aber für Jean Paul war der dienende Werkanteil, zu dem sich dieser Brutus bekehrte, nicht einmal denkbar. Unbändig frei, verehrungswillig[,] aber von toller Selbstsicherheit, argwöhnisch wie ein Spion, so schreibt er über Goethe. Nicht immer schön. Manchmal wie ein aufbegehrender Kleinbürger über den Aristokraten, manchmal wie ein Apostel über einen Weltfürsten, und manchmal wie ein unerkannter Zauberer, der reizt und aufbringt nach Herzenslust, weil er diesen Händen nicht greifbar ist. Schließlich auch wie ein Entzauberer, nämlich ein Humorist, dem es komisch vorkommt, wenn ein Mensch vollkommen sein will. Aber was sah er hier! Große Frauen, Heilige und Verführerinnen und Fürsten zwischen Dichtern und Weltweisen, er[,] der auf Spaziergängen im Fichtelberg oder in engem Hause mit der Mutter seine Sachen ausdachte oder in schöngeistigem Verkehr mit den Honoratiorentöchtern der Stadt Hof … er[,] der in Leipzig seinen Ehrgeiz darein gesetzt hatte, mit offenem Hals zu gehen. Man kann im Siebenkäs nachlesen, wie der Anblick einer großen Frau sein Leben verwandelte. Hören wir ihn selbst, hören wir ihn vor allem über Goethe. „Gleichwohl kam ich mit Scheu zu Goethe. Die Ostheim und jeder malte ihn ganz kalt für alle Menschen und Sachen auf der Erde – Ostheim sagte, er bewundert nichts mehr, nicht einmal sich – jedes Wort sei Eis, zumal gegen Fremde, die er selten vorlasse – er habe etwas steifes reichsstädtisch Stolzes – bloß Kunstsachen wärmen noch seine Herznerven an (daher ich Knebel bat, mich vorher durch einen Mineralbrunnen zu petrifizieren und zu inkrustieren, damit ich mich ihm etwan im vorteilhaften Lichte einer Statue zeigen konnte) … Ich ging, ohne Wärme, bloß aus Neugierde. Sein Haus (Palast) frappiert, es ist das einzige in Weimar in italienischem Geschmack, mit solchen Treppen, ein Pantheon voll Bilder und Statuen, eine Kühle der Angst presset die Brust – endlich tritt der Gott her, kalt einsilbig, ohne Akzent. Sagt Knebel, die Franzosen ziehen in Rom ein. „Hm!“ sagt der Gott. Seine Gestalt ist markig und feurig, sein Auge ein Licht (aber ohne eine angenehme Farbe). Aber endlich schürete ihn nicht bloß der Champagner[,] sondern die Gespräche über die Kunst, Publikum usw. sofort an, und – man war bei Goethe. Er spricht nicht so blühend und strömend wie Herder, aber scharfbestimmt und ruhig. Zuletzt las er uns – das heißt spielte er uns (sein Vorlesen ist nichts als ein tieferes Donnern vermischt mit dem leisen Redegelispel: es gibt nichts Ähnliches) – ein ungedrucktes herrliches Gedicht vor, wo sein Herz durch die Eiskruste die Flammen trieb, so daß er dem enthusiastischen Jean Paul die Hand drückte. Beim Abschied tat ers wieder und hieß mich wiederkommen. Er hält seine dichterische Laufbahn für beschlossen. Beim Himmel wir wollen uns doch lieben. Ostheim sagt, er gibt nie ein Zeichen der Liebe. Eine Million Sachen habe ich Dir von ihm zu sagen. – Auch frisset er entsetzlich. Er ist mit dem feinsten Geschmack gekleidet.“

Und Schiller hat er in seiner Phantasie schon vollkommen fertig, bloß weil er einmal ein Portrait von ihm gesehen hat. Wie ein Blitz habe es in ihn eingeschlagen: „Es stellet einen Cherubim mit dem Keime des Abfalls vor, und er scheint sich über alles zu erheben, über die Menschen, über das Unglück und über die – Moral. Ich konnte das erhabene Angesicht, dem es einerlei zu sein schien, welches Blut fließe, fremdes oder eignes, gar nicht satt bekommen.“ Und wie war Schiller nun wirklich? „Ich trat gestern vor den felsigten Schiller, an dem wie an einer Klippe alle Fremden zurückspringen … Seine Gestalt ist verworren, hart-kräftig, voll Ecksteine, voll scharfer schneidender Kräfte, – aber ohne Liebe.“

Die Begegnungen mit Herder halten sich in einem völlig anderen Ton. Ihm ist in Jean Pauls Seele ein Empfangsfest vorbereitet. Nicht nur daß dieses immer für den tragisch Erliegenden parteiisch war. Herder hieß eine geistige Notwendigkeit Jean Pauls – auch wenn es ihn nicht gab, mußte Jean Paul ihn erdichten als ein Hochbild seiner selbst. Und er hat es getan, eh er ihn kannte: im Hesperus. Jean Paul selbst wie er im Weltall stand, wie er betete und zu wem, sein kosmisches Ich, das nichts mehr wußte von seinem Lebenslauf, das war einmal aus ihm getreten, wurde zum indischen Sternenseher und nannte sich Emanuel Dahore. Und diese Gestalt deckt sich aufs genaueste mit dem Begriff Herders, wie Jean Paul ihn später faßte. Ein siderisches Menschengefühl, die Erde ein Übergang, ein Orient, der doch in der deutschen Seele lag, und der Antrieb zu einer Geselligkeit, die selige Geister nachzuahmen schien: ist dies Emanuel oder ist es das Herderbild Jean Pauls?

Aber wenn schon die Berichte Jean Pauls über Goethe und Schiller im Tone heftig fremdeln, so ist der Blick doch scharf und erratend. Das Gleiches läßt sich von den Briefen, die Goethe und Schiller wechseln über ihn, nicht behaupten. Man liest sie mit ähnlichem Gefühl wie ihre Bemerkungen über Hölderlin. Der hatte sich ehemals an Schiller, an den Helden in Schüller geklammert und wollte nicht sehen, daß sein Schiller jetzt Goethes Schiller war. Mit Goethe verband ihn nichts, er übersah den größten Menschen Deutschlands. Und wußte, daß er, dem hier nicht Heimat ward, ohne Heimat ist. So floh er aus der Sphäre Weimars und mochte sich trösten, daß auch für sein empedokleisches Exil irgendwo ein Ätna rauche. Und über ihn, für den die Natur kein Geheimnis hatte, hat Goethe geurteilt, seine Gedichte verrieten ein sanftes, sich in Genügsamkeit auflösendes Streben. Jean Paul sehen die beiden Führer schon etwas deutlicher. Der Hesperus war damals berühmter als der Wilhelm Meister. Einen Tragelaphen von der ersten Sorte nennt ihn Goethe – zu deutsch: einen Bockshirsch, was nicht schlecht auf die Doppelnatur des Humoristen paßt. Dann kommt Jean Paul selber. „Fremd wie einer, der aus dem Mond gefallen ist, voll guten Willens und herzlich geneigt, die Dinge außer sich zu sehen, nur nicht mit dem Organ, womit man sieht“ – findet ihn Schiller, und dachte nicht, daß Jean Paul in diesem Fall nur allzu scharf und allzuviel sah. Beiläufig: es hat sehr viele Jahre gedauert, bis Schillers Profil, von der bürgerlichen Verehrung übermalt, wieder die Raubvogelschärfe gewann, die es für Jean Pauls Auge schon gehabt hat. Noch lang grübelt Schiller, ob diese Richter, diese Hölderlins, unter allen Umständen so subjektivisch, so überspannt geblieben wären, oder ob nur der Mangel einer ästhetischen Nahrung und die Opposition der empirischen Welt ihnen diese unglückliche Wendung gegeben habe. Da Goethe mit vieler Mühe einen Raum abgegrenzt und darin eine geistige Schicklichkeit gestiftet hatte, und Jean Paul nun gekommen schien, um zu jeder Art die Unart zu erfinden, voll Behagens, diesen Raum aufzuheben, bedurfte es keiner Anlässe, um Goethe zu verstimmen. Goethe kommt es zu Ohren, daß Jean Paul an Knebel, den Properz-Übersetzer, geschrieben hatte, die Zeit bedürfe jetzt eher eines Tyrtaeus. Eine für Weimarer Ohren unbequeme Forderung. Goethe schickt an Schiller ein Gedicht: Der Chinese in Rom, zu sofortigem Druck. Eine arrogante Äußerung des Herrn Richter habe ihn in diese Disposition gesetzt. Etwas ungerecht! Dem Chinesen wird es in Rom nicht wohl, weil er da sein heimatliches Geschnörkel vermißt, weil die Großheit ihm widersteht – aber einen Tyrtaeus zu fordern, war dies ein Schrei nach dem Schnörkel? Und Jean Paul mochte seinerseits die Antiken-Verehrung dieser Rokokomenschen etwas chinesisch finden! Der große Feldzug der Xenien bringt auch einige Einfälle in Jean Pauls Revier. Beherrschend ist der Vorwurf, daß Jean Paul, an sich eine chaotische Natur, im damaligen Deutschland die Möglichkeit, sich zu Ende zu bilden, nicht gefunden oder verpaßt hat.

Hieltest Du Deinen Reichtum nur halb so zu Rate wie
Jener Seine Armut, Du wärst unsrer Bewunderung wert.

Richter in London! Was wär er geworden! Doch Richter in Hof ist
Halb nur gebildet, ein Mann, dessen Talent Euch ergötzt.

Deutlich waren zwar diese Ausfälle im Gegensatz zu denen Jean Pauls, aber sie saßen doch nicht so recht. Und welche Möglichkeiten des tödlichen Treffens hatte Jean Paul in seiner viel schärfer geschliffenen Ironie. Er brauchte sie nicht, gab nur eine kleine, unblutige Probe dessen, was er allenfalls könnte! Sein Vorwurf gilt einem Begriff der Poesie als vollendeter Form des noch so geringfügigen, ja sogar keines Gegenstandes – einer Kunst, aus der das schlagende Menschenherz entfernt und der dafür ein steinernes eingesetzt wurde. Die Weimarer werden in einem kleinen Werk, den Palingenesien, mit den Meistersängern verglichen. Da trifft Jean Paul in Nürnberg einen noch singenden Meister, und fragt, ob seine „so kühlen, bilderfreien und stofflosen Gedichte nicht jene reinen Darstellungen ohne allen Inhalt (den wenigen Sinn ausgenommen, der von Worten nicht zu trennen ist) kurz, ob sie nicht jene Vollendung in sich tragen, nach der wir ringen, und die viele Griechen wirklich erreichten.“ Dann zitiert er ein Gedicht in der Elius-Posaunen-Weis’, auf den Tod eines Werkers. Da heißt es:

Als er nun dreiundzwanzig Jahr wurd alt
Da begab er sich in den Ehstand bald
Zeigt darinnen ailf Kinderlein
Mit zweien Weibern, davon ihr noch zwei leben.
Ein Sohn und eine Tochter sein
Tät sich auch in die dritte Eh begeben
Lebet friedlich mit sein Ehgatten zwar.

Und der böse Jean Paul fügt hinzu: „Wo ist hier Schwulst oder nordischer Bilderschwall? Wo spricht hier der Dichter selber? Mit reiner Griechheit und mit völlig besonnener Herrschaft über sein Feuer stellt er bloß das Objektive dar.“

Es ist bald entschieden: Jean Pauls Stand ist bei Herder. Eine Begegnung wie die von Plato mit Sokrates. Hören wir, wie er davon Zeugnis gibt. An Herders Frau: „Ach der Geist, den das Schicksal Ihrem auf ewig zugesellt, wird nicht genug erraten und geehrt – kaum von sich: dieser durchgötterte Mensch, dessen Brust im Äther steht, und nur dessen Fuß in der Erdenluft und der nicht die Blätter des Erkenntnisbaums, nicht die Zweige, sondern den ganzen Baum ergreift und nicht diesen, sondern wie ein Erdbeben den Boden des Baumes schüttelt – dieser verhüllt sich hinter Scherz seine höheren Wünsche und seine Überlegenheit über das Jahrhundert; und eine höhere Stimme muß ewig in ihm rufen: ‚Ich bin nicht an einem Ort, nicht in meiner Zeit, und meine Wünsche sind nicht nur versagt, sondern auch verhüllt.‘“ Vor ihm öffnet Jean Paul sein ganzes Herz, geht abends nach der Arbeit zur Frau, dann hinauf zu ihm und bis zum Essen glüht Auge und Mund. Schon Herders körperliche Stimme geht in sein Herz wie ein Harmonienecho. „O lieber Otto (so schreibt er dem Hofer Freund), wie soll ich Dir diesen großen Geist auf der rechten Anhöhe zeigen, vor dem mein kleiner sich spanisch und türkisch beugt – diesen durchgötterten Menschen, der den Fuß auf dieser Welt, und Kopf und Brust in der andern hat – sein Wiegen der Arme, wenn ihn Gesang und Musik auslösen, und sein trunkenes, schwimmendes Auge.“ Welchen Umfang Herders Geist hat, ermißt sich daraus, daß der Erzieher des jungen Goethe nun noch der Erzieher des gereiften Jean Paul wird. Jean Paul aber und Goethe sind solche Gegensätze, daß sie die äußerste Spannweite der damaligen Bildung ausdrücken. Herder reichte für beide zu.

So hat, über die Liebe und den Beifall Jean Pauls hinaus, sein Leben einen neuen Beruf, setzt sich kurz vor dem Untergang noch einmal in eine versöhnliche Beziehung zu Welt und Stunde. Sein Briefwechsel mit Gleim, in dem sich die ganzen Kränkungsgefühle des übermächtigen Mannes ausschwingen, spricht zugleich von diesem neuen Fund und neuen Glück, allerdings nicht so rein und nicht so wissend wie Jean Paul selber. Hart stehen die Worte über Goethe dagegen, den er früher in Geschäften so groß fand wie in der Kunst, den reinsten Menschen, allen Machenschaften fremd, nach Ausweis alter Münzen einmal in Rom dictator perpetuus: „Ein einziger paradiert auf Erden, Apolls Stellvertreter, der Eindichter. Wir wollen hinunter, hinunter“, heißt es jetzt. Über Jean Paul aber: „Der beste Mensch, sanft, voll Geist, Witz, Einfällen, das beste Gemüt, ganz in der reinen Welt lebend, wovon seine Bücher Ausdruck sind. Milde wie ein Kind und immer heiter … Wenn er von dem Inhalt des Buches spricht, das er soeben schreibt (es ist der Titan), so wird sein Auge so glänzend. Eine himmlische moralische Sendung ist in ihm und dazu wendet er sein Talent an.“ (Karoline Herder an Gleim.) Und wie ehedem nach beschlossener Schülerschaft Goethes Herder mit dem Götz sein Amt erfüllt sah, so genießt er jetzt im Titan die Reife des andern Schülers. „Sie werden finden, daß er sich in vielem, vielem sehr fortgebildet hat, welches er auch ferner tun wird, das seine Erfindungswerkzeuge so fein und gespannt sind.“ Und die Freiheit, die Herder durch sich selbst nicht bekam, gewann er durch diese Aufgabe: nämlich von sich und seinem Leid eine Weile abzusehen. Nicht als der Gegner Goethes erzieht er Jean Paul, sondern beinahe in dessen Sinne: den Begriff Süden und Antike so verseelend, daß er Jean Paul zugänglich wurde, daß Jean Paul in der Zucht Herders die ihm mögliche, ihm beschiedene Art von Klassik erreichte. Von Herder berührt, öffnete sich sein Geist, der allein von allen großen Deutschen Schöpfer geworden war ohne die Schule der Griechen, sogar der antiken Plastik. Auch darüber besitzen wird die schönsten Zeugnisse. Er sieht die Abgüsse in Dresden. „Zwischen den Säulen ruhen die alten Götter, die ihre Grabesrede oder ihre Himmelswolken abgeworfen haben und die uns eine heilige selige stille Welt in ihrer Gestalt und in unserer Brust aufdecken. Du findest da den Unterschied zwischen der Schönheit eines Menschen und der Schönheit eines Gottes; jene bewegt, obwohl sanft, noch der Wunsch und die Scheu, aber diese ruhet fest und einfach wie der blaue Äther vor der Welt und der Zeit, und die Ruhe der Vollendung, nicht der Ermüdung blickt im Auge und öffnet die Lippen. So oft ich künftig große oder schöne Gegenstände schreibe, werden diese Götter vor mich treten und mir die Gesetze der Schönheit geben.“ Und auch die griechischen Dichter finden jetzt den durch Herder Vorbereiteten, der so dem Goetheschen Vermächtnis fast wider Willen zum Mittler dient. „In diesem nordischen Winter wurde mein Geist in Jonien und Attika erquickt. Ich meine, ich las mit einer Wonne, wovon Ihnen Herder erzählen könnte, die Odyssee, die Ilias, den Sophokles, etwas in Euripides und Aeschylus. Die Unterstrichenen ergriffen mich fast bei den Nerven, nach den letzten Gesängen der Ilias und dem Oedip zu Colonos kann man nichts mehr lesen als Shakespeare oder Goethe. Sie wirken schön auf meinen Titan, aber nicht als Väter, sondern als Lehrer, nicht als plastische Formen dieser Pflanze, sondern als reifende Sonnen.“ Und Herder habe ihm, erfreut über sein Griechenlob, mit der Hand die Stirn berührt aus Liebe. Als er den dritten Teil des Titan vollendet, bezeugt er, was Herder an ihm tat: „Mein ewiger großer Herder empfange hier einen Gruß und Dank! Sein lebendiges Seelenwort hat mich mehr als er weiß auf den rechten Fußpfad am Musenberg emporgeleitet.“

Während Goethe und Schiller die Schiedsrichter und zugleich Preisträger der künstlerischen Wettkämpfe sind, und Jean Paul sich bereits anschickt, auf einer höheren Stufe die Kämpfe der Philosophie, Kunst und Moral zugleich zu entscheiden, versucht Herder in die philosophische Auseinandersetzung des Zeitalters einzugreifen, gestützt von Jacobi, beraten von Jean Paul. Wenn Herder in seiner „Metakritik“ gegen Kant aufstand, so hatte er weder Goethe noch Schiller zum Bundesgenossen. Indem Schiller sich von Kant befreite, hat er zugleich das ihm Annehmbare: ein freies Spiel von Kräften als Wirkung des Schönen aufs Gemüt, in seine Ästhetik aufgenommen, und wenigstens für den im Ganzen urteilenden Gegner gehörte Kant und die neue Ästhetik einschließlich Friedrich Schlegels zusammen und war durch Schillers Schriften wiederum mit der Goetheschen Praxis verknüpft. Jacobis Scharfsinn hatte aus Kants System die Entwicklung zum Fichteschen schon gefolgert, ehe dieser auftrat, und wählte daher ihn als den Mann der Zukunft zum Gegner. Auch Jean Paul hatte wenig gegen Kant und mehr gegen Fichte einzuwenden, zumal sein humoristisches Ich-Bewußtsein eine verdächtige Verwandtschaft mit Fichtes absolutem Ich hatte. Man beschloß die gemeinsame Herausgabe einer Zeitschrift. Was ausgeführt wurde, waren drei Kampfschriften: Herders Metakritik, Jacobis Sendschreiben an Fichte, Jean Pauls Clavis Fichtiana. Herders Kampf war aussichtslos, erst heute kann sein heimliches Recht erraten werden. Hamann, von dem Herder tatsächlich eine Denkschrift über Kant besaß, lieferte ihm die Mittel, wie denn die Drei sich immer auf Hamann beriefen, und sich dessen Kampf, ein Kampf der ungeschiedenen Menschenkräfte gegen die getrennte Arbeit einzelner Vermögen, sich nun auf breiterem Kampffeld zu wiederholen schien. Herder, der Sprachphilosoph, dem die Vernunft ein Werdendes, am Wort Werdendes war, stand da gegen den Lehrer der apriorischen Urteile, seine Leidenschaft zum geschichtlich Konkreten gegen die mathematische Denkform, die Volksgemeinschaft gegen die intelligible, die geschichtlich bedingte, aber lebensvolle Sittlichkeit gegen eine formale und unbedingte, schließlich der kosmische Mensch gegen die isolierte, sich selbst kritisierende Vernunft. – Was Jean Paul und Jacobi gegen Fichte aufreizt, ist ähnlich, doch nicht dasselbe. Denn Jacobi wehrte sich gegen eine ihm wirklich gegensätzliche Gesinnung, als Dualist, der Gott und Welt scheiden muß, gegen den Monismus Fichtes, der ihm nur ein umgekehrter Spinoza war. Jean Paul wehrte sich ein wenig gegen sich selber. Er war freilich nicht nur Humorist, aber sofern er Humorist war, war er Fichtes Bruder und sein eigener Feind. So etwas stiftet die schärfste Feindschaft. Der Humorist, wie Jean Paul ihn etwa in Schoppe gestaltet hat, verflüchtigt mit der Welt auch sein persönliches Ich vor einer zwar in ihm wirkenden, aber nicht mehr persönlichen geistigen Kraft. Der Körper wird Schein, das Ich wird Schein, wahr bleibt nur das Bewußtsein, das, als Zusammenfluß aller lebendigen Geistigkeiten, sich vergeblich bemüht, zu sich selber Du zu sagen. Das absolute Ich Fichtes ist eigentlich die Urwillenshandlung ohne Urheber. Jean Paul kann nicht anders, als sich einen Urheber dazu denken; der ist einsam – so einsam wie das höhere Ich des Humoristen. Jean Paul kämpft, gegen sich selbst und gegen Fichte, um die Wirklichkeit des Du. Die letzte Folgerung, die der Willensnatur Fichtes den Sieg bedeutet, bedeutet seiner Liebesnatur Wahnsinn. Seine Clavis Fichtiana schließt mit den Worten: „Rund um mich eine weite versteinerte Menschheit – in der finstern unbewohnten Stille glüht keine Liebe, keine Bewunderung, kein Gebet, keine Hoffnung, kein Ziel. – Ich so ganz allein, nirgends ein Pulsschlag, kein Leben, nichts um mich und ohne mich. Nichts als nichts – mir nur bewußt meines höheren Nichtsbewußtseins – in mir den stumm, blind, verhüllt fortarbeitenden Dämogorgon, und ich bin er selber – so komm’ ich aus der Ewigkeit, so geh’ ich in die Ewigkeit – und wer hört die Klage und kennt mich jetzt? – Ich. – Wer hört sie und wer kennt mich nach der Ewigkeit? – Ich. –“

Für Jean Paul konnte der Abstand der Schlegelschen Meinungen von denen Schillers nicht so gleich sichtbar sein, er tat beides zusammen und es ist kaum zu entscheiden, ob in dem Kunstrat Fraischdörfer, mit dem er in der langen Geschichte seiner Vorrede zum Fixlein so grimmig zusammengerät, mehr die ästhetische Erziehung Schillers oder mehr der Studiumsaufsatz Schlegels mitgenommen ist. Diesem zuerst argwöhnisch auf seine späteren Freunde gerichteten Blick verdanken wir wieder einige reizvolle persönliche Schilderungen. Er beklagt sich über die ästhetischen Gaukler, über den ästhetischen Kopfabschneider Schlegel, der wütend an seinem Kopf die Beinsäge ansetze, er erzählt, wie er mit Karoline in Dresden ein ganzes Souper verstritt, er findet Fichte klein und bescheiden, und ohne genialische Auszeichnung, rühmt aber später seine herkulische Stirn und Nase, die wie eine Granitalpe anzusehen sei. Viel schneller als Jean Paul errät Friedrich Schlegel die innere Verwandtschaft der romantischen Ironie mit dem Humor Jean Pauls. Zeugnis dafür das große Athenäumsfragment, das Jean Paul so übel nahm und das doch die erhellteste Äußerung der Mitlebenden über ihn ist. Da heißt es: „Während der strenge Künstler ihn als das blutrote Himmelszeichen der vollendeten Unpoesie der Nation und des Zeitalters haßt, kann sich der Mensch von universaler Tendenz an den grotesken Porzellanfiguren seines wie Reichstruppen zusammengetrommelten Bilderwitzes ergötzen.“ Oder: „Je moralischer seine poetischen Rembrandts sind, desto mittelmäßiger und gemeiner; je komischer, je näher dem Bessern; je dithyrambischer und je kleinstädtischer, desto göttlicher: denn seine Ansicht des Kleinstädtischen ist vorzüglich gottesstädtisch.“ Mit Tadel ist nicht gespart: er habe die Anfangsgründe der Kunst nicht in der Gewalt, könne kein Bonmot rein ausdrücken, keine Geschichte gut erzählen; alles Sentimentale, zumal Engländer und Frauen, seien ein Fehlgriff. Dergleichen pariert Jean Paul gelegentlich damit, daß er seine gedachten Gegner ihm selber so zweideutige Materien wie Gott und Unsterblichkeit vorwerfen läßt. Schlegel prägt für ihn bereits des Ausdruck: „Humoristischer Dityhrambos“ und unterscheidet die aktiven und die passiven Humoristen, zugunsten der ersten, die freilich im Grund eine geistige Person seien. Jean Paul merkt nicht, daß er zu danken hätte, statt sich zu rächen. Die Clavis bringt eine böse Anmerkung; welche die Gebrüder Schlegel für alle ihr Tadelnswertes entschuldigt, da sie ja damit bloß wiederholen, was Kant und Goethe schon gesagte habe[n]: freilich sind diese tadelnswerten Sachen gerade ihre geliebten philosophischen und ästhetischen Entdeckungen. Ihn graust, wie sie sich und einander um den Kopf reden: hemmungslos, stofflos, ruchlos. „In der neuesten Schule frisset, weil sie geistig und leiblich nichts zu leben haben, jeder den andern, wie jetzt Schelling Fichten, der Neueste den Neuen, jedes Geschöpf seinen Schöpfer.“ Und diesen ganzen kecken, vordringenden Jenenser Geist personifiziert Jean Paul in dem mageren Schwedenkopf seines Pfeifenberger, der ihn samt andern Gespenstern einer „wunderbaren Gesellschaft in der Neujahrsnacht“ erschreckt. Der Schwedenkopf mit feuerrotem Kolet prophezeit: „In der künftigen Zeit wird freie Reflexion und spielende Phantasie regieren, keine kindlichen Gefühle … auch wird die Erde, ehe sie verwittert, noch oft von Anno 1 an datieren, wie die Franzosen – die Juden und Priester werden aufhören und die Völker, die Weiber, die Neger und die Liebe frei werden … Griechenland wird wie Pompeji den Schutt der Zeit abwerfen, und, von keiner Lava übergossen, werden seine Städte in der Sonne glänzen. – Große Geschichtsforscher werden, um nur etwas von den Begebenheiten und Menschen des barbarischen, kleinstädtischen, finstern Mittelalters (so nennen sie das aufgeklärte Jahrhundert) zu erraten, sogar einen daraus übrig gebliebenen homerischen Hans Sachs studieren … Was freilich seine opuscula omnia anlangt, mein guter Freund (hier lächelte das Eisfeld; denn zu einem Eisberg war das Ding nicht kräftig genug), so wird es dem besten Literator, der sich zum Studium der seltensten Inkunabeln sogar bis ins zwanzigste Jahrhundert zurückwühlet, nicht glücken wollen, mit irgendeiner Notiz von ihm (nämlich Jean Paul) und seinen Schreibereien auszuhelfen.“

Welcher Zauber macht Jean Pauls Auge so wacker, daß die ganze Vielfalt geistiger Bestrebungen sich als einheitliches Sehfeld glatt vor ihm ausbreitet? Es ist ein einziges Wort: Einkräftigkeit. Es meint alles, was nur mit einer Kraft, statt mit allen zusammen geleistet wird. Es wird für Jean Paul das Merkwort des Jahrhundertwechsels. Sie kann verschiedener Art sein: willensmäßig, artistisch, philosophisch, mystisch, naturwissenschaftlich. Er trifft damit nicht nur Fichtes philosophischen Egoismus, sondern auch die ganze Antikenverherrlichung, ja sogar etwas in der menschlichen Existenz Goethes und Schillers: den Zynismus der Macht, die Grausamkeit des Kunstwillens, die Kälte der Phantasie gegen das ohne sie Seiende. Welcher verwegene Glaube an sich selbst, sogar die Existenz Goethes als einseitig aufzufassen und einen eigenen Übermenschen mit Vielfalt und dem Gleichgewicht dieser Vielfalt ihm entgegenzusetzen! Was in der Sprache der Kritik Einkräftigkeit, heißt in der Sprache des Kunstwerks Titanismus. Eine der Vorreden der Clavis Fichtiana gibt den Schlüssel zum Titan, dem großen symbolischen Zeitbuch Jean Pauls. Der Titan ist Ja und Nein, bald als Strenggeschiedenes, bald als Zusammenrinnendes. Hier aber ist ein Nein gesprochen, das mit schnellem philosophischem Zickzack die entlegensten Punkte auf einer Bahn berührt: „Wahrlich es ist Zeit zu ahnen, welcher unauflöslichen schwärmerischen Sprachen- und Gedankenverwirrung wir zutreiben. Der höhere – als Kunstwerk unsterbliche und genialische – Idealismus Fichtes strecket seine Polypenarme nach allen Wissenschaften aus und zieht sie in sich und tingiert sich damit. … Die Vergötterung der Kunst und Phantasie, weil die Bilder der letztern so reell sind als alle ihre Urbilder – das poetische seinen Ernst unterlegende Spiel und die Ertötung (statt Belebung) des Stoffes durch die Form – die Jakob Böhmische Bilderphilosophie … die mehr dichterische als philosophische Toleranz für jeden Wahn, besonders für jeden abergläubigen der Vorzeit … der malerische Standpunkt für alle Religionen … die stofflose formale Moral … und der moralische Egoismus, der sich mit dem transzendenten mehr verschwägert als der edle Fichte errät, da jener wie dieser nicht weiterzählt als bis eins, höchstens bis zur Dyadik, nämlich zum Sich, und Nicht-Sich oder dem Teufel – was sagen alle diese Zeichen uns an, als daß der Schnee auf so vielen und so hohen Bergen … jetzo schmelze und daß die Waldwasser herabrinnen zu einer weiten, alles ins Schwanken bringenden Sintflut?“

Keiner der Weimaraner ließ sich träumen, daß dies Enfant terrible ihrer Stadt und der geistigen Dezenz ihres Jahrhunderts, daß der gutherzige, kindliche Spaßmacher und Träumer mit der Überlegenheit seiner völlig modernen Psychologie und mit der Kunst sich schnell in das entgegengesetzteste Wesen zu verwandeln, jede offene Stelle ihrer geistigen Bauten und jede heimliche Armut ihrer Herzen ausspähte, ja, mehr als dies: daß er gleichzeitig auch die Möglichkeiten ihres Seins erriet, Gefordertes in Leben umsetzte, in großartige Landschafts- und Menschenfresken, und schließlich in dem alle Zonen vereinigenden Land seiner Seele jedem sein Tal und seinen Berg zuwies? Nichts einzelnes der Weimarer Wirklichkeit, keine Person und keine Begebenheit, darf man im Titan wiederfinden wollen. Fast zwei Jahre hat Jean Paul in Weimar verbracht. Er erlebte es doppelt, aus der Seele der andern und aus dem Gegensatz der eigenen Seele – dann hat er sich unter einen großen alten Baum gesetzt, aus dem ihm etwa der Allgeist Herder zulispeln mochte, und hat das Ganze noch einmal geträumt. So wurde der Titan.

„Mein Titan ist und wird gegen die allgemeine Zuchtlosigkeit des Säkulums gewaffnet, gegen dies irrende Umherbilden ohne ein punctum salien… Beinahe jede Superfötation und jedes hors d’ouvre der menschlichen Natur soll im Titan Spielraum für die eignen Fehler finden; obwohl diese Moral nur in jener Freiheit darin lenkt und predigt, womit die poetische Gerechtigkeit der Moral sich in der Wirklichkeit hinter das tausendfache Räderwerk der Weltmaschine verbirgt.“ So sagt es ein Brief an Jacobi Ende 1798.

Wenn in jedem seiner Werke seine Seele sich teilte und in viele Gestalten auseinanderging: nur diesmal hat dieser innere Vorgang die Wucht eines wirklichen Schicksals. Das Entscheidende bei dieser Selbstspaltung war, daß Jean Paul die einzelnen Teile seiner Seele gleichsetzte mit Kräften und Gestalten des Zeitalters. Dadurch bekam, was er bildete, ein neues Format. Seine inneren Begebenheiten waren diesmal die Taten des Zeitgeistes. Er gestaltete etwas wie ein negatives Ideal in drei Formen: Gaspard, den Frevler durch Machtwillen, Roquairol, den Frevler der Phantasie, Schoppe, den Frevler der philosophischen Bewußtheit oder der humoristischen Weltverflüchtigung. Übrigens schildert er das Aussehen des Ritters Gaspard de Cesara mit genau denselben Worten wie ehedem jenes Schillerportrait! Und er ersann für jeden das aus der Übertreibung seines Wesens gefolgerte Ende: für Gaspard das Scheitern seiner Berechnungen an der großen Seele, für Roquairol den Tod durch sich selbst im Schauspiel, das plötzlich Ernst wird, für Schoppe den Wahnsinn und Tod durch die Begegnung mit dem Ebenbild. Das Maß, mit dem diese Übermäßigen gerichtet werden, ist kein Gedanke, sondern wiederum eine Gestalt: der Jüngling Albano, der die Möglichkeit aller dieser Frevel in sich hat und in sich bändigt. Dabei kehrt der vielfache Bezug Jean Pauls zu Weimar in einem erzieherischen Verhältnis wieder: der unbedingte Jüngling muß durch die Schule Gaspards, um die Lehre des Bedingten in sich aufzunehmen, bewahrt aber seine Reinheit und Urkraft – der gereifte Schüler ist der höhere und Gaspard geht stumm.

Auch als Form ist dieser Roman eine verwegene Neuerung. Er ist geplant als Polydrama. Fünf Tragödien um fünf Helden entwickeln und erledigen sich in einer Gesamtkatastrophe, aus der der Held erschüttert aber heil hervorgeht: die dramatischen Abläufe endigen im heldengeschichtlichen Ausgang. Der Jüngling Albano ist keineswegs der schöne Mensch der Klassik, der sein Maß mit der Einbuße alles Elementaren bezahlt – sein Maß ist die Vielfalt des Unmaßes, das Gleichgewicht riesenhafter Einzelkräfte, die sich gegenstrebend die Wage halten und am Frevel hindern, nicht der schöne, sondern der zusammenfassende Mensch.

Auf den großen Weimarer Aufenthalt folgt ein Berliner. Die Beziehungen zu Friedrich Schlegel, Tieck, Novalis, Bernhardi, Schleiermacher, Fichte gestalten sich teils neu, teils lebendiger. Der Gegensatz Klassik und Romantik wird unwesentlich über der Entdeckung des Vielen, was ihn mit der neuen Partei verband, und über dem andern Gegensatz von Aufklärung und modern-dichterischem Bewußtsein. Und dabei trug Jean Paul ein Wissen in sich, das den langsam hinsterbenden Herder mit der Generation hätte versöhnen müssen, deren Anspruch er so bitter leugnete: nichts wuchs da, was nicht Herders Same war – obwohl es ihm jetzt Licht und Feuchte des Bodens wegsog. Jean Paul staunte. „Eh wir divergieren, konvergieren wird doch recht sehr“, so und ähnlich berichtet er immer wieder aus Berlin an seine Freunde. Sollte er etwa der Haupt- und Erzromantiker sein? Das wäre doch wieder eine leise Veränderung seines Zeitbewußtseins gegenüber dem Titan!

Und als Jean Paul schon ausholte zu seinem theoretischen Hauptwerk, zu der größten Schönheitslehre und dem genialsten Aufriß des modernen Geistes, den wir besitzen, da starb Herder. Ohne irgendein Pathos von Jüngerschaft und Bekenntnis, ganz in der gemütlichen, beinahe bürgerlichen Beziehung des dichtenden Hausfreundes zum grollenden Erzvater der Literatur, empfand er diesem Manne gegenüber doch das, was ein wesentlicher Mensch empfindet, wenn er die Idee seines Daseins redend und handelnd vor sich erblickt. Die Schüler-Demut, die er Goethe gegenüber niemals erlernte, hat er Herder gegenüber niemals abgelegt. Schon im Todesjahr Herders war es, als er gegen Jacobi seinen passiv-poetischen Geist, und den heiligen griechisch-menschlichen Zartsinn seines obwohl ungestümen Herzens rühmte, nicht ohne seiner vergeblichen Mühen entschuldigend zu gedenken: des Schattenkampfes mit einem Wettlauf der Zeit, dem er selbst die Schranken geöffnet. „Woran war er krank? Doch nicht an Weimar?“ fragt er ein anderes Mal. Und in dem Beileidsbrief, den er an Karoline Herder schreibt, stellt er mit betontem Verschweigen Goethes fest: „Für mich ist Weimar auch begraben, und nur durch den Herderschen Namen hat es noch Leben.“ Eines seiner Kinder wäre ihm jetzt näher als das ganze noch schreibende Autorenkleeblatt. „Einmal komm ich noch her, um alles zu sehen, was den großen Namen des Großen führt … dann hab’ ich nichts mehr da zu suchen.“

So wird die Vorschule der Ästhetik, wie der Titan die Legende Weimars ist, zu einer Legende dessen, der in Weimar nur noch für sich selber stand; Herder nicht bloß als der Geist, der er war, begriffen, sondern vergrößert um die Gewalt aller geistigen Vorfahren und Nachfahren und noch Jean Pauls ganzer Kräftevielfalt. Die Königliche unter den menschlichen Eigenschaften: Gerechtigkeit, übt Jean Paul hier wie kein anderer in keinem andern Buch. Gerechtigkeit nicht als schlaffes Dulden, sondern als Abstufen, Beziehen, Taufen, Versippen und Benennen nach der Wahrheit der Geister. Die entscheidenden Entdeckungen dieses Werks sind fünf. Der Humor, wie Jean Paul ihn begreift, ist als Ferne der Seele zur Erde, als Ironie des Geistes für Umgebung und Handeln, die unentrinnbare Gesinnung des modernen Künstlers. Er ähnelt der romantischen Ironie, unterscheidet sich aber darin, daß das Bewußtsein des Unendlichen und seines Maßes nicht wieder humoristisch aufgehoben werden kann, da es ja selbst das Aufhebende ist. „Obgleich der Dichter die ganze Endlichkeit belachen kann: so wäre es doch Unsinn, die Unendlichkeit und das ganze Sein zu verspotten und folglich auch das Maß zu klein finden, womit er alles zu klein findet … Götter können spielen, aber Gott ist ernst.“ Dann wird eine Ahnentafel des romantischen Geistes aufgestellt, vor der die ganzen bis heuten gepflogenen Trennungen sich erübrigen. Plato, Christus, Shakespeare, Herder, Goethe sind ihre größten Namen, ihr ewiger Ort die indische und germanische Mythenwelt. Goethes Werke selbst sind um die Grenze der plastischen und der romantischen Poesie in friedlicher Flußnachbarschaft angelegt, ja der zweite Ödipus des Sophokles ist vor den Mythen Platos ein frühes romantisches Heiligtum. Denn romantisch ist alles, was sich nicht als dingliche Weltschau, sondern als Abgrund der Seele, als unendliches Innen öffnet. Dies Begreifen Goethes ist das Dritte: womöglich noch gerechter als im Titan, da Richter sich viel Goethisches indessen zueigen gesprochen, viel Eigenes in Goethes romantischen Wagnissen zu erraten gewagt hat – so gerecht, wie es ihm Goethe später erwidert, als auch sein Geist die Farbe des Orients anlegt: in den Noten und Abhandlungen zu besserem Verständnis des Westöstlichen Divans. Dort orientalischer Poesie Urelemente erwägend, stellt er fest, „daß kein deutscher Schriftsteller sich den östlichen Poeten und sonstigen Verfassern mehr als Jean Paul Richter genähert habe … Ein so begabter Geist blickt, nach eigentlichst orientalischer Weise, munter und kühn seiner Welt umher, erschafft die seltsamsten Bezüge, verknüpft das Unverträgliche, jedoch dergestalt, daß ein geheimer ethischer Faden sich mitschlinge, wodurch das Ganze zu einer gewissen Einheit geleitet wird.“ Allerdings fügt er hinzu, daß „wenn jene in einer frischen, einfachen Region gewirkt, dieser Freund hingegen in einer ausgebildeten, überbildeten, verbildeten, vertrackten Welt leben und wirken, und eben dabei sich anschicken muß, die seltsamsten Elemente zu beherrschen …“

Von sich (dies ist das Vierte) redet Jean Paul nur streifenderweise und mit Scheu … und sein innerer Verkehr mit Herder endet bei etwas, was sich gern in Zeiten großer Wendung zwischen einem Erben und dem Bild des Vorgängers begibt: dieses wird jenem zum Begriff einer entstehenden Welt. Statt sich selbst in der großen Verinnerlichung der Kunst als den vollstreckenden Meister hinzustellen, fügt er dem wirklichen Gehalt Herders noch seinen ganzen eigenen hinzu. Es ist ein symbolischer Herder, so wie der Sokrates Platos ein symbolischer Sokrates ist: Symbol dessen, was sich unwiderruflich in den Geistern entscheidet: Schiller mag ähnliches wie Jean Paul geahnt haben, aber er kann doch der sentimentalischen Poesie gegenüber ein tiefes Bedauern nicht verwunden – Jean Paul kennt nur den Jubel über die Unendlichkeit der neuen Aussicht. Und die fünfte Probe seiner eigenen romantischen Richterwürde gibt er in der Weisheit der Übergänge, die in diesem Werk die klassische Weisheit der Klassenordnungen ersetzen muß. Beispiele dafür: der Begriff des Geistermischlings, das heißt einer Begabung, in der entgegengesetzte Geschichtskräfte, Blutkräfte, Länderkräfte und Zonen des geistigen Lebens sich zusammentun. Ferner die Stufenfolge der poetischen Kräfte, worin das Genie nur die oberste, besonnenste ist, und die vielsagende Erfindung des passiven Genies, das vor dieser höchsten Stufe liegt. Damit ist das Wort da für eine streng moderne Art der Begabungen, für alle die von der Kraft eines Stärkeren oder vom Zeitgeist bis in die Nähe des Schöpferischen Hingerissenen – Begabungen, wie sie heute Vorbedingungen und Gefahr jeder Kultur sind. Man bedarf ihrer, weil sie allein die Strenge einer neu erscheinenden Substanz vermitteln, selbst auffassend sie faßlich machen, und doch sind sie bedenklich, weil sie sich vor das Ursprüngliche drängen und durch ihre höhere Beweglichkeit es für eine ganze Weile verdrängen können. Zugleich aber faßt Jean Paul unter diesen Begriff des passiven Genies noch eine sehr andere Gruppe: die Stummen des Himmels, deren innere Fülle nicht, oder nur unzulänglich mündig wird. Wie sehr hat sich der Begriff des Genies gewandelt! Einst war er Urwuchs und Trotz des Ich, nun heißt er Besonnenheit. Jean Paul meint damit nicht die Bewußtheit an sich, sondern die Gewalt über ein Vielfaches entgegengesetzter Kräfte und den archimedischen Punkt, sie zu bewegen. Kurz, die Fähigkeit, zu sich selbst zu kommen.

Das alles endet und gipfelt in einer Huldigung an Herder, die sogar die äußere Form des platonischen Gesprächs übernommen hat. Was stiftet nun die Unio mystica zwischen diesem und Jean Paul? Das Umschmelzen der antiken Formen ins Seelenhafte, der scharfe neuzeitliche Hunger nach schwelenden Chaoskräften, die Nachbarschaft von Orient und Süden in der deutschen Seele, der Übergang des plastischen Denkens zum gleichnisweisen, die dämmerliche, oft verschwimmende Ganzheit statt einseitiger Kraftrichtung, wobei oft der Verstand die Rolle des Dichtens, die Phantasie die Rolle des Verstandes übernimmt, und schließlich gegenüber der Weimarer Resignation: Gestalt und Ordnung des Möglichen, der ganze deutsche Vorrat des noch Ungewordenen, Ungeborenen. Die Schilderung Herders in der Vorschule steht neben der Schilderung Herders in Dichtung und Wahrheit: beide Denkmale, ihm von den großen so verschiedenen Schülern gesetzt, bedeuten zusammen seinen Umfang, der Goethe und Jean Paul als Hemisphären zusammenschloß. „Menschen mit vielartigen Kräften werden immer, die mit einartigen selten verkannt.“ Das steht über allem. Herder habe den Fehler gehabt, „daß er kein Stern erster oder sonstiger Größe war, sondern ein Bund von Sternen, aus welchem sich dann jeder ein beliebiges Sternbild buchstabiert.“ Ein reicher blumiger Isthmus zwischen Morgenland und Griechenland wird er anderswo genannt. „Ein Vater und Schöpfer der Zeit wird sehr bald deren Zuchtmeister und Feind; indeß ihr bloßer Sohn nur ihr Schüler und Schmeichler wird … so glich der geliebte Geist den Schwanen, welche in der harten Jahreszeit die Wasser offen halten durch ihr Bewegen.“ Das ist Herder in der Zeit. Herder in der Ewigkeit ist dies: „Wenn er kein Dichter war, so war er bloß etwas Besseres, nämlich ein Gedicht, ein indisch-griechisches Epos von irgendeinem reinsten Gott gemacht.“ Er war „gleichsam nach dem Leben griechisch gedichtet … Daher kam seine griechische Achtung für alle Lebensstufen, seine zurechtlegende epische Weise in allen seinen Werken, welche als ein philosophisches Epos alle Zeiten, Formen, Völker, Geister mit der großen Hand eines Gotts unparteiisch vor das säkularistische Auge (das Jahre nur am Jahrhundert ausmißt) und also auf die weiteste Bühne führt … Er wollte die Opfer der Dichtkunst nur so schön und unverletzt erblicken, als der Donner des Himmels die getroffenen Menschen läßt … Wenige Geister waren auf die große Weise gelehrt wie er. Die meisten verfolgten nur das Seltenste, Unbekannteste einer Wissenschaft; er hingegen nahm nur die großen Ströme, aber aller Wissenschaften in sein himmelspiegelndes Meer auf, das ihnen aufgelöst seine Bewegung von Abend gegen Osten aufdrang.“

Damit ist die Begegnung Jean Pauls mit dem Geist und den Geistern Weimars beschrieben. Bedenken wir, daß es Goethe damals noch vorbehalten war, den weitesten Bogen seiner Existenz zu beschreiben, im Divan und dem, was nachher folgte. Es ist sonderbar, daß Jean Paul mit nur deutschen Kräften dies verkleinerte Europa der Weimarischen Kultur weit umspannte, so wie ein uraltes Gottbewußtsein ein junges und starkes Menschenbewußtsein umfaßt, so wie die östliche Sternenverbundenheit die Bewegungen der Erde anerkennt als die eines Sterns unter Sternen. Welche Ankünfte! In Goethe kam das Altertum zu uns, in Jean Paul der Orient. Wir wurden immer weiter und fanden uns nur inniger. Und welche Wage in Jean Pauls Werken: Indien und Attika in beiden Schalen und als das Zünglein der Wage Jean Pauls deutschromantischer Geist. Um aber allen Streit abzukürzen und diese Skizze zu beschließen: Antik und orientalisch sind nur Formeln für Regungen und Ausdehnungen unserer eigenen Seele.

Nachwort

Dieser Aufsatz Max Kommerells bietet ein Panoptikum der geistigen und kulturellen Kräfte, die in Weimar um 1800 wirkten und die man retrospektiv unter dem Begriff der ‚Klassik‘ fasste. Jean Paul in Weimar ist im Grunde ein Substrat von Max Kommerells Monographie Der Dichter als Führer in der deutschen Klassik. Klopstock, Herder, Goethe, Schiller, Jean Paul, Hölderlin (1928), mit der er sich schlagartig höchstes Ansehen erwarb. Walter Benjamin nannte dieses Buch ein „Meisterwerk“.

Die titelgebenden Namen bilden – bis auf Klopstock – auch für den Aufsatz das Arrangement. Die übergeordnete Metapher bei alledem ist das Sternbild, mithin einer Konstellation von Menschen, die sich gegenseitig umkreisen, anziehen und abstoßen. Am meisten fühlte sich Jean Paul zu Herder hingezogen, so zeigt es uns Kommerell anhand zahlreicher Zitate. Von Goethe wurde er auf mittlerer Distanz gehalten und von Schiller geradezu abgestoßen – was aber auf Gegenseitigkeit beruhte. Sukzessive gewinnt bei der Lektüre „dies verkleinerte Europa der Weimarischen Kultur“ Kontur, das für die nächsten beiden Jahrhunderte ein Leitstern des kulturellen Lebens in Deutschland bleiben sollte, und Jean Paul erscheint als ein Dichter, der im Gegensatz zu Schiller, und mehr noch als Goethe, Menschen von Fleisch und Blut in seinen Romanen auszugestalten wusste.

Ganz wie der Dichter aus Hof blieb aber auch Max Kommerell ein Außenseiter. „Die Fachgenossen sehen in mir mit völligem Recht ihren natürlichen Todfeind“1)Zit. n. Klaus Vogel: Zauberhaftes Denken. Annäherungen an Max Kommerell, Marburg 2020, S. 15 schrieb er im Rückblick, sein Leben resümierend. Wenn man diesen Aufsatz liest, erahnt man warum. Im Vordergrund steht das Biographische, die poetologischen, historischen, philosophischen und werkanalytischen Erläuterungen treten demgegenüber in den Hintergrund. Ein solches Vorgehen erscheint heute altmodisch, es erschien aber auch damals schon altmodisch – jedenfalls in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, als man sich mit dem Oeuvre überhaupt noch auseinandersetzte.

Die Konstellation war Max Kommerell und seinem Werk nicht günstig, die Zeitumstände hätten nicht widriger sein können. Deutschland hatte gerade den zweiten Weltkrieg in 25 Jahren verloren, den Hitler und seine Schergen mutwillig vom Zaun gebrochen hatten. Deutschland lag am Boden, verursacht durch diesen Gewaltexzess, und die Erkenntnis, dass man 12 Jahre einem in höchstem Maße verbrecherischen Regime gedient hatte, tat ihr übriges. In der deutschen Germanistik vor 1945 waren Goethe, Schiller, Hölderlin – völlig ahistorisch – zu Vorkämpfern deutschen Volkstums stilisiert worden – jedenfalls war das die Absicht der politischen Akteure der deutschen Germanistik gewesen. Manche Fachkollegen wie Friedrich Beißner wollten dabei nicht unbedingt mitspielen, aber der Eindruck war doch entstanden, als sei die Germanistik zwischen 1933 und 1945 eine Huldigungsveranstaltung deutscher Größe gewesen.

Auch Max Kommerell gehörte zur NS-Germanistik. Wenn man seinen Lebensweg genauer betrachtet, wird aber erkennbar, dass er nicht zu den Ideologen zu zählen ist – ganz im Gegenteil. Bis 1941 blieb er Privatdozent, erst dann erhielt er einen Ruf nach Marburg. In Gutachten bei Berufungsverfahren wurden größte Bedenken gegen ihn geäußert. Erst als sich allmählich die Erkenntnis durchsetzte, dass man der Germanistik großen Schaden zufügen würde, wenn man in der Berufungspolitik ausschließlich Linientreue als Maßstab nähme, wurden wieder Koryphäen wie Kommerell als Ordinarien berufen.

Aber Kommerell war prominentes Mitglied des George-Kreises, und vielen in der Nachkriegsgermanistik erschien dieser als Brutstätte nationalsozialistischer Ideen. Auch das ist eine verfehlte Vorstellung. Wie man den L’art-pour-l’art-Menschen Stefan George als Wegbereiter der Nationalsozialisten ansehen konnte, erschließt sich kaum. Goebbels wollte ihn als Nationaldichter inthronisieren, George hat dankend abgelehnt. Viel zu plebejisch erschienen ihm die grölenden Massen. Er wollte der Hohepriester einer Kunstreligion sein. Abgeleitet wurde die angebliche nationalsozialistische Gesinnung aus Begriffen wie „Führer“ und „Reich“, die auch Stefan George und seine Jünger gern im Munde führten, allein sie meinten etwas völlig anderes.

Alexander Döll

Max Kommerell: Jean Paul in Weimar, in: Das Innere Reich. Zeitschrift für Dichtung, Kunst und deutschen Leben, hg. v. Paul Alverdes und Karl Benno von Mechow, Leipzig 1936, S. 47-65.

Der Primärtext ist gemeinfrei.

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1. Zit. n. Klaus Vogel: Zauberhaftes Denken. Annäherungen an Max Kommerell, Marburg 2020, S. 15
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Biographische Skizzen Literaturwissenschaft im Nationalsozialismus

Friedrich Beißner

Geb. 26.12.1905 in Hameln; gest. 29.12.1977 in Tübingen. Beißner studierte Klassische und Deutsche Philologie zunächst in Jena (1926-1927), dann in Berlin (1927-1928, bei Julius Petersen, Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff) und schließlich in Göttingen (1928-1932, bei Hermann Fränkel). Nach Erstem Staatsexamen (1926) und wissenschaftlicher Prüfung für das Lehramt an Höheren Schulen an der Universität Göttingen (1932) erfolgte daselbst 1933 die Promotion zum Thema Hölderlins Übersetzungen aus dem Griechischen bei Hermann Fränkel. (Druck: Stuttgart 1932; 2. Aufl. 1961). Nach Stationen als Studienreferendar und Studienassessor für Deutsch, Griechisch und Latein an verschiedenen Schulen war er von 1937 bis 1939 Assistent bei Karl Viëtor und Walther Rehm am Deutschen Seminar der Universität Gießen, wo er 1939 habilitiert wird: Geschichte der deutschen Elegie (Druck: Berlin 1941; 3. Aufl. 1965).

Zwischen 1940 und 1942 war Beißner Privatdozent für Deutsche Philologie und Neuere Literaturgeschichte an der Universität Jena sowie Redaktor der Schiller-Nationalausgabe in Weimar, 1942-1943 dann Privatdozent für Deutsche Philologie an der Universität Tübingen, bevor er in der Nachfolge Walter Rehms außerordentlicher Professor für Deutsche Philologie und Neuere Deutsche Literaturgeschichte an der Universität Gießen wurde. Im Sommersemester 1944 vertrat er den Lehrstuhl Max Kommerells in Marburg, einen späteren Ruf dorthin lehnte er ab. 1945-1946 war er außerordentlicher Professor für Neuere Literaturgeschichte an der Universität Tübingen, 1946 erhielt er daselbst ein Extraordinariat für Deutsche Sprache und Literatur. Von 1961 bis zu seiner Emeritierung 1971 war er schließlich ordentlicher Professor für Deutsche Sprache und Literatur in Tübingen.

Von der Universitätsbibliothek Tübingen veröffentlichte Portraitaufnahme Friedrich Beißners. Quelle: https://tobias-bild.uni-tuebingen.de/eas/partitions-inline/1/0/31000/31941/ef4b3dac9df30300176ea705288d1123833d774c/image/jpeg/S_23_1_0073.jpg

Friedrich Beißners Stellung innerhalb der Germanistik der NS-Zeit ist schwierig zu bestimmen. Einerseits trat er 1933 in die SA ein, 1936 in die Volkswohlfahrt und ein Jahr später in die NSDAP. Andererseits urteilte 1949 die Spruchkammer für den Lehrkörper der Universität Tübingen: „entlastet“, „[d]ie formelle Belastung ist geringfügig“. Außerdem wurde seine distanzierte Haltung zum NS-Regime verschiedentlich bezeugt. Sein Forschungsinteresse galt in der NS-Zeit zuallererst Hölderin, was ebenso zum Zeitgeist passte wie die Mitarbeit am Prestigeprojekt der NS-Germanistik, der Schiller-Nationalausgabe. Letztere galt als editorische „Kriegsarbeit“, die die Politik des NS-Regimes ideologisch untermauern und die Siegeszuversicht steigern sollte. Wenn man allerdings eingehender betrachtet, wie Beißner diesen von außen herangetragenen Anspruch einlöste, kommen Zweifel an Beißners ideologischer „Zuverlässigkeit“ auf.

Beißner sollte die Einleitung zur Schiller-Nationausgabe verfassen, die auch schon im Umbruch vorlag, aber letztlich nicht erschien. Denn er verstieß damit gegen die Spielregeln der NS-Kulturpolitik, die von solchen Paratexten nationalpädagogische „Aktualisierungen und Nutzanwendungen“ (z. n. Kaiser, S. 502) erwartete. Mit seiner „dezidiert un-ideologischen“ (ebd., S. 504) und sachbezogenen Einleitung waren aber auch Fachkollegen wie Herbert Cysarz nicht einverstanden, die mehr lebenswissenschaftliches Ethos erwarteten. Der streng philologisch operierende Beißner wollte dieses aber offensichtlich nicht liefern. Er verwahrte sich gegen eine „Vorrede im Festtagsstil“ (ebd., S. 505), die die „deutsche Größe“ schon aus Schillers Jugendlyrik glaubte herauslesen zu können. So verwundert es nicht, dass von Ideologen wie Gerhard Fricke, aber auch von der Deutschen Akademie in München äußerste Bedenken gegenüber Beißners Einleitung geäußert wurden. Beißners Beharren auf fachwissenschaftlichem Anspruch führte letztlich dazu, dass seine Einleitung nicht gedruckt wurde. Allerdings wurde dessen wissenschaftliche Karriere dadurch nicht gefährdet, denn er hatte fachintern bereits ein zu großes Kapital gesammelt, und so konnte er in Gießen an einem weiteren editorischen Großprojekt, der von der Akademie geförderten Hölderlin-Ausgabe, weiterarbeiten, die editorische Maßstäbe für Jahrzehnte setzen sollte.

Lit.: Norbert Oellers: Beißner, Friedrich, in: Christoph König (Hrsg.), unter Mitarbeit von Birgit Wägenbaur u. a.: Internationales Germanistenlexikon 1800–1950, Bd. 1, De Gruyter, Berlin/New York 2003, S. 125-127; Gerhard Kaiser: Grenzverwirrungen. Literaturwissenschaft im Nationalsozialismus, Berlin 2008 (insb. S. 501 ff und 626 ff.).