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Biographische Skizzen Literaturwissenschaft im Nationalsozialismus

Friedrich Beißner

Geb. 26.12.1905 in Hameln; gest. 29.12.1977 in Tübingen. Beißner studierte Klassische und Deutsche Philologie zunächst in Jena (1926-1927), dann in Berlin (1927-1928, bei Julius Petersen, Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff) und schließlich in Göttingen (1928-1932, bei Hermann Fränkel). Nach Erstem Staatsexamen (1926) und wissenschaftlicher Prüfung für das Lehramt an Höheren Schulen an der Universität Göttingen (1932) erfolgte daselbst 1933 die Promotion zum Thema Hölderlins Übersetzungen aus dem Griechischen bei Hermann Fränkel. (Druck: Stuttgart 1932; 2. Aufl. 1961). Nach Stationen als Studienreferendar und Studienassessor für Deutsch, Griechisch und Latein an verschiedenen Schulen war er von 1937 bis 1939 Assistent bei Karl Viëtor und Walther Rehm am Deutschen Seminar der Universität Gießen, wo er 1939 habilitiert wird: Geschichte der deutschen Elegie (Druck: Berlin 1941; 3. Aufl. 1965).

Zwischen 1940 und 1942 war Beißner Privatdozent für Deutsche Philologie und Neuere Literaturgeschichte an der Universität Jena sowie Redaktor der Schiller-Nationalausgabe in Weimar, 1942-1943 dann Privatdozent für Deutsche Philologie an der Universität Tübingen, bevor er in der Nachfolge Walter Rehms außerordentlicher Professor für Deutsche Philologie und Neuere Deutsche Literaturgeschichte an der Universität Gießen wurde. Im Sommersemester 1944 vertrat er den Lehrstuhl Max Kommerells in Marburg, einen späteren Ruf dorthin lehnte er ab. 1945-1946 war er außerordentlicher Professor für Neuere Literaturgeschichte an der Universität Tübingen, 1946 erhielt er daselbst ein Extraordinariat für Deutsche Sprache und Literatur. Von 1961 bis zu seiner Emeritierung 1971 war er schließlich ordentlicher Professor für Deutsche Sprache und Literatur in Tübingen.

Von der Universitätsbibliothek Tübingen veröffentlichte Portraitaufnahme Friedrich Beißners. Quelle: https://tobias-bild.uni-tuebingen.de/eas/partitions-inline/1/0/31000/31941/ef4b3dac9df30300176ea705288d1123833d774c/image/jpeg/S_23_1_0073.jpg

Friedrich Beißners Stellung innerhalb der Germanistik der NS-Zeit ist schwierig zu bestimmen. Einerseits trat er 1933 in die SA ein, 1936 in die Volkswohlfahrt und ein Jahr später in die NSDAP. Andererseits urteilte 1949 die Spruchkammer für den Lehrkörper der Universität Tübingen: „entlastet“, „[d]ie formelle Belastung ist geringfügig“. Außerdem wurde seine distanzierte Haltung zum NS-Regime verschiedentlich bezeugt. Sein Forschungsinteresse galt in der NS-Zeit zuallererst Hölderin, was ebenso zum Zeitgeist passte wie die Mitarbeit am Prestigeprojekt der NS-Germanistik, der Schiller-Nationalausgabe. Letztere galt als editorische „Kriegsarbeit“, die die Politik des NS-Regimes ideologisch untermauern und die Siegeszuversicht steigern sollte. Wenn man allerdings eingehender betrachtet, wie Beißner diesen von außen herangetragenen Anspruch einlöste, kommen Zweifel an Beißners ideologischer „Zuverlässigkeit“ auf.

Beißner sollte die Einleitung zur Schiller-Nationausgabe verfassen, die auch schon im Umbruch vorlag, aber letztlich nicht erschien. Denn er verstieß damit gegen die Spielregeln der NS-Kulturpolitik, die von solchen Paratexten nationalpädagogische „Aktualisierungen und Nutzanwendungen“ (z. n. Kaiser, S. 502) erwartete. Mit seiner „dezidiert un-ideologischen“ (ebd., S. 504) und sachbezogenen Einleitung waren aber auch Fachkollegen wie Herbert Cysarz nicht einverstanden, die mehr lebenswissenschaftliches Ethos erwarteten. Der streng philologisch operierende Beißner wollte dieses aber offensichtlich nicht liefern. Er verwahrte sich gegen eine „Vorrede im Festtagsstil“ (ebd., S. 505), die die „deutsche Größe“ schon aus Schillers Jugendlyrik glaubte herauslesen zu können. So verwundert es nicht, dass von Ideologen wie Gerhard Fricke, aber auch von der Deutschen Akademie in München äußerste Bedenken gegenüber Beißners Einleitung geäußert wurden. Beißners Beharren auf fachwissenschaftlichem Anspruch führte letztlich dazu, dass seine Einleitung nicht gedruckt wurde. Allerdings wurde dessen wissenschaftliche Karriere dadurch nicht gefährdet, denn er hatte fachintern bereits ein zu großes Kapital gesammelt, und so konnte er in Gießen an einem weiteren editorischen Großprojekt, der von der Akademie geförderten Hölderlin-Ausgabe, weiterarbeiten, die editorische Maßstäbe für Jahrzehnte setzen sollte.

Lit.: Norbert Oellers: Beißner, Friedrich, in: Christoph König (Hrsg.), unter Mitarbeit von Birgit Wägenbaur u. a.: Internationales Germanistenlexikon 1800–1950, Bd. 1, De Gruyter, Berlin/New York 2003, S. 125-127; Gerhard Kaiser: Grenzverwirrungen. Literaturwissenschaft im Nationalsozialismus, Berlin 2008 (insb. S. 501 ff und 626 ff.).

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Biographische Skizzen Literaturwissenschaft im Nationalsozialismus

Hermann Pongs

Geb. 23.3.1889 in Odenkirchen/Rheinland; gest. 3.3.1979 in Gerlingen (Baden-Württemberg). Pongs studierte die Fächer Deutsch, Geschichte und Philosophie in Heidelberg (1907-1908), Berlin (1908-1909, bei Gustav Roethe und Erich Schmidt), Marburg (1909-1911 und 1912, bei Friedrich Vogt), München (1911-1912, bei Friedrich von der Leyen und Heinrich Wölfflin). Die Promotion erfolgte 1912 in Marburg über Das Hildebrandslied. Überlieferung und Lautstand im Rahmen der althochdeutschen Literatur bei Friedrich Vogt (Druck: Marburg 1913). Ebenfalls in Marburg wurde Pongs habilitiert, und zwar zu Ursprung und Wesen der Metapher. 1927 wurde diese Schrift publiziert u.d.T. Das Bild in der Dichtung. Von 1922 bis 1927 war Pongs Privatdozent für Deutsche Sprache und Literatur an der Universität Marburg. 1927-1929 außerordentlicher Professor für Neuere Literaturwissenschaft an der Universität Groningen. Zwischen 1929 und 1942 dann ordentlicher Professor für Deutsche Literatur an der TH Stuttgart. 1942-1945 war er ordentlicher Professor für Deutsche Philologie, insbesondere Neuere deutsche Literaturgeschichte an der Universität Göttingen in der Nachfolge Rudolf Ungers.

Hermann Pongs gehörte zu den überzeugten Nationalsozialisten unter den Germanisten dieser Zeit. Allerdings hatte er sich schon in der Weimarer Republik einen Ruf als ein herausragender Germanist erworben – insbesondere durch seine Symbolforschung. Obwohl er durchaus mit den Leitbegriffen der NS-Zeit wie „Mutterliebe, Vatergeist, Familie, Stamm, Volk, Vaterland, Geist der Kultur“ (zit. n. Kaiser, S. 517) operierte, viele seiner Arbeiten eindeutig völkischen Charakter annahmen und er zumindest den Eindruck erweckte, mit den Machthabern weltanschaulich übereinzustimmen, versuchte er doch gleichzeitig, die wissenschaftlichen Standards der Germanistik hochzuhalten.

Dadurch geriet er ins Visier der platt völkisch argumentierenden „Eiferer“ unter den Germanisten wie Hellmuth Langenbucher, die ihm vorwarfen, zu esoterisch und nicht volksnah genug zu schreiben. Der Vorwurf seiner Gegner entzündete sich vor allem an Pongs’ existentialistisch ausgerichteter Lebenswissenschaft, mit der er sich von weniger elaborierten Herangehensweisen einiger seiner Kollegen fachintern abheben wollte. Ohne sie wirklich als Methode ausgebaut zu haben, diente diese auf der Existenzphilosophie Martin Heideggers aufbauende Methodologie eher der Profilierung gegenüber den Fachkollegen, deren Vorhalt, esoterisch zu sein, nicht völlig aus der Luft gegriffen war.

Dies war allerdings ein strategisches Manöver, denn mit seiner existentialistischen Lebenswissenschaft umschiffte er zwei Klippen: Zum einen konnte Pongs argumentieren, Germanistik im Sinne der nationalsozialistischen Weltanschauung zu betreiben, weil die oben genannten Leitbegriffe der NS-Germanistik leicht mit dem Heidegger’schen Begriffsinventar wie Sein, Existenz bzw. Extasis vereinbar zu sein schienen. Pongs lieferte also weiterhin das, was von ihm erwartet wurde. Zum anderen erschien er innerhalb der Gemeinschaft des Faches Germanistik weiterhin als reputabler Wissenschaftler mit hohem methodologischen Anspruch. Auch wenn er diesen letztlich mit seiner existentialistischen Lebenswissenschaft nicht einlösen konnte und niemand seine Methodik produktiv aufgriff, so reichten doch die zaghaften Ansätze, um ihn als vollwertiges Mitglied der scientific community weiterhin zu akzeptieren. Allzu marktschreierisch völkisch-rassistische Germanisten wie z.B. Franz Koch, Johannes Alt oder Karl Obenauer wurden nach einer Anfangszeit von ca. zwei Jahren nach 1933 nicht mehr auf ordentliche Professuren berufen, weil selbst die meisten NS-Funktionäre einsahen, dass dies der Germanistik als Fach nicht zuzumuten war.

Der Eintritt in die NSDAP erfolgte zwar erst 1940, was für einen Mann seines Alters eher spät war, 1942 verfasste er aber militärische Tornisterschriften für das Oberkommando der Wehrmacht. Wegen seiner NS-Vergangenheit wurde Hermann Pongs (1945?) denn auch seines Amtes als ordentlicher Professor für Deutsche Philologie in Göttingen enthoben. 1949 wurde er entnazifiziert, aber nicht wieder eingestellt. Ab 1950 befand er sich im Wartestand, wurde aber bei vollen Bezügen emeritiert. Eine Anfrage aus dem Jahr 1968 der Staatsanwaltschaft München, ein Gutachten über den literarischen Wert von John Clelands Memoirs of Fanny Hill zu erstellen, wurde widerrufen, nachdem seine Tätigkeit als Professor im Dritten Reich bekannt wurde.

Lit.: Hartmut Ferenschild: Pongs, Hermann, in: Christoph König (Hrsg.), unter Mitarbeit von Birgit Wägenbaur u. a.: Internationales Germanistenlexikon 1800–1950, Bd. 2, De Gruyter, Berlin/New York 2003, S. 1421-1422; Gerhard Kaiser: Grenzverwirrungen. Literaturwissenschaft im Nationalsozialismus, Berlin 2008 (insb. S. 508 ff.); Ferenschild, Hartmut: Pongs, Hermann, in: NDB online.