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Geschichtliche Beiträge

Golo Mann über Hannah Arendt und ihr Buch „Eichmann in Jerusalem“

Golo Manns gleichermaßen sachliche wie pointierte Kritik an Hannah Arendt zeigt die Fallstricke einer allzu sophistischen Betrachtungsweise der Historie auf, die doch oft das Gegenteil des Beabsichtigten heraufbeschwört. Auch wenn ich die Leistung Hannah Arendts als praktische Philosophin (Vita activa) durchaus zu würdigen weiß, halte ich die kategorische Ideologiekritik Golo Manns, die er in dem folgenden Videoausschnitt — auch — gegen Hannah Arendt richtet, für eine der wichtigsten Lehren des 20. Jahrhunderts. Diese Art zu denken hat sich bei Golo Mann offenbar in seiner langen Auseinandersetzung mit der Geschichte, aber auch als Exilant allmählich herauskristallisiert. Sie kommt in beinahe allen seinen Äußerungen zum Vorschein, besonders fasslich wird sie aber in der folgenden Passage, in der er Hannah Arendt und ihr Buch „Eichmann in Jerusalem“ spricht:

„Des Menschen wahre Wahrheit“: Golo Mann im Interview (1989) https://www.youtube.com/watch?v=5R0BmTgQaNg

Der Ausgangspunkt des Gesprächs ist Karl Jaspers, der sich in Hannah Arendt offenbar verliebt und sie daher allzu sehr in Schutz genommen hatte: „Liebe macht blind“. Aber das Entscheidende liegt in Golo Manns Einschätzung von Hannah Arendts Hauptthese, der „Banalität des Bösen“. Er gesteht ein, dass Adolf Eichmann ein eher gewöhnlicher Mensch gewesen sei, er verneint aber, dass dies auf Hitler zutreffe: „Das war ein ungewöhnlich böser Mensch, aber keineswegs banal.“ Er habe viele seiner deutschen, aber auch seiner ausländischen Gegner übertölpelt, er sei ein überaus wirkmächtiger Politiker gewesen.

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Biographische Skizzen Literaturwissenschaft im Nationalsozialismus

Franz Koch

Geb. 21.3.1888 in Attnang-Puchheim (Oberösterreich); gest. 26.12.1969 in Linz. Koch studierte die Fächer Deutsche Philologie, Romanische Philologie, Philosophie und Kunstgeschichte in Wien (1907-1912), unter anderem bei Jakob Minor. Die Promotion erfolgte 1912 in Wien bei Jakob Minor zu Albert Lindner als Dramatiker. Mit besonderer Berücksichtigung seines „Brutus und Collatinus“ und seiner „Bluthochzeit“ (Druck: Weimar 1914). Erst 1926 folgte die Habilitation, ebenfalls in Wien bei Walther Brecht zum Thema Goethe und Plotin (Druck: Leipzig 1925).

Zwischen 1914 und 1918 war Koch Aspirant an der Hofbibliothek in Wien, 1918-1921 Assistent und Kustos an der Nationalbibliothek (ehem. Hofbibliothek) in Wien. Von 1921 bis 1935 war er als Bibliothekar in Wien tätig, zwischen 1926 und 1932 dann Privatdozent für Neuere deutsche Literaturgeschichte an der Universität Wien, von 1932 bis 1935 daselbst außerordentlicher Professor für Neuere deutsche Literaturgeschichte. 1935-1936 war er zunächst außerordentlicher Professor für Deutsche Literaturgeschichte an der Universität Berlin, dann von 1936 bis 1945 ebenda Ordinarius für Deutsche Literaturgeschichte.

Franz Koch gehörte zum engeren Zirkel der Ideologen der Germanisten des Nationalsozialismus. Zusammen mit Gerhard Fricke und Klemens Lugowski übte er die Leitung des „Wissenschaftlichen Einsatzes Deutscher Germanistik im Kriege“ aus, was als Parallelaktion zum militärischen Kriegseinsatz gedacht war. Zudem schrieb er das Vorwort zur berüchtigten Reihe Von deutscher Art in Sprache und Dichtung (5 Bde., Stuttgart/Berlin 1941). Obwohl er durch seine Tätigkeit im Dritten Reich überaus belastet war, arbeitete er 1947-1949 in einem Forschungsprojekt für die Deutsche Akademie der Wissenschaften in Berlin. Überdies wurde er 1949 durch die Entnazifizierungskommission des Magistrats von Groß-Berlin entnazifiziert, worauf er nach Linz übersiedelte. Zwischen 1952 und 1969 übte er eine wissenschaftliche Tätigkeit ohne Lehramt in Tübingen aus.

Lit.: Wolfgang Höppner: Koch, Franz, in: Christoph König (Hrsg.), unter Mitarbeit von Birgit Wägenbaur u. a.: Internationales Germanistenlexikon 1800–1950, Bd. 2, De Gruyter, Berlin/New York 2003, S. 966-968; Gerhard Kaiser: Grenzverwirrungen. Literaturwissenschaft im Nationalsozialismus, Berlin 2008 (insb. S. 55 ff. u. 198 ff.).