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Biographische Skizzen Germanist

Richard Alewyn

Richard Alewyn war vielleicht der bedeutendste deutsche Philologe des 20. Jahrhunderts. „Begreifen, was uns nicht ergreift“, war seine Devise1)Klaus Garber: Zum Bilde Richard Alewyns. München: Wilhelm Fink 2005, S. 7.. Das leicht Zugängliche, die ausgetretenen Pfade waren nicht seine Sache. Ihn interessierte das Unbekannte, Verborgene und Verschüttete der deutschen Literatur. Daher wendete er sich zuerst der Barockepoche als einem vergessenen Ursprung der deutschen Literaturgeschichte zu und promovierte über den „Vorbarocken Klassizismus“ des Martin Opitz. Bis dahin war dies terra incognita.

Alewyn verstand sich zeitlebens eher als philologischer Handwerker denn als Philosoph, eher als strenger Exeget literarischer Texte denn als kühner Seher, er zog die beharrliche Werkkritik der weltanschaulichen Bekenntnis vor2)Vgl. Garber, Zum Bilde, S. 7 u. 108 ff.. Damit hob er sich vom Mainstream der damaligen Germanistik wohltuend ab, der allzu oft Begriffe wie Volk, Leben, Geist anachronistisch in die literarischen Werke hineinzuinterpretieren pflegte. Er startete hoffnungsvoll als kaum Dreißigjähriger seine akademische Karriere am angesehensten Germanistischen Institut der Weimarer Republik in Berlin. Dort erfasste ihn allerdings aufgrund seiner jüdischen Herkunft gleich die erste Welle der Säuberungen an den deutschen Universitäten. Selten standen sich der Glanz einer Person und das Elend seiner Umgebung so schroff gegenüber.

Portrait-Aufnahme Richard Alewyns. Quelle: https://www.gf.org/fellows/all-fellows/richard-alewyn/  

Geboren wurde Richard Alewyn am 24.2.1902 in Frankfurt am Main, gestorben ist er am 14.8.1979 in Prien am Chiemsee. Er studierte ab 1920 Germanistik, Philosophie und klassische Philologie an den Universitäten Frankfurt am Main, Marburg, München, unter anderem bei Karl Vossler und Heinrich Wölfflin, später in Heidelberg, bei Ernst Robert Curtius, Friedrich Gundolf, Karl Jaspers, Karl Mannheim und Max von Waldberg. In Heidelberg schloss er 1925 seine mit summa cum laude bewertete Dissertation Vorbarocker Klassizismus und griechische Tragödie. Analyse der „Antigone“-Übersetzung des Martin Opitz ab. Betreut wurde die Arbeit von Max von Waldberg, von dem er Anregungen für seine späteren Studien zur Empfindsamkeit empfing. 1931 habilitierte er sich in Berlin bei Julius Petersen zu Johann Beer. Studien zum Roman des 17. Jahrhunderts. Er war der Wiederentdecker dieses seit der Frühaufklärung weitgehend vergessenen Dichters.

Seine akademische Laufbahn lässt sich grob in drei größere Phasen unterteilen. Von 1929 bis 1931 war er Assistent am Deutschen Seminar der Universität Berlin, 1931/32 dann Privatdozent für Deutsche Philologie und 1932/33 planmäßiger außerordentlicher Professor für Neuere deutsche Literatur in der Nachfolge von Friedrich Gundolf. Am 21.8.1933 wurde Alewyn aufgrund des Gesetzes zur Wiederherstellung des deutschen Berufsbeamtentums wegen seiner jüdischen Abstammung entlassen.

1933-35 hatte er eine Gastprofessur für Deutsche Literatur am Institut d’Études Germaniques an der Sorbonne Paris inne. Zwischen 1935 und 1938 war er Privatgelehrter in Österreich, nach der Flucht in die USA von 1939 bis 1947 dann Assoc. Prof. of German am Queens College in Flushing (New York). Nach einer einjährigen Forschungsreise 1947 nach Europa lehrte er von 1948 bis 1950 als Full Prof. of German am Queens College in Flushing. Im letzten Jahr war er allerdings ohne Gehalt beurlaubt.

Auf seine endgültigen Rückkehr nach Deutschland hin, trat er 1949 die Nachfolge von Ernst Bertram als Professor für Deutsche Philologie und Direktor des Germanistischen Instituts an der Universität Köln an. Die Antrittsvorlesung 1951 hielt er zum Thema Empfindsamkeit und Dilettantismus. 1955 bis 1959 bekleidete er das Amt eines ordentlichen Professors für Deutsche Philologie an der Freien Universität Berlin und von 1959 bis 1967 schließlich dasjenige des ersten ordentlichen Professors für Neuere deutsche Sprache und Literatur an der Universität Bonn. Während der Zeit seines Exils und auch danach bis kurz vor seinem Tod hatte er diverse Gastprofessuren in den USA inne, unter anderem an der Harvard University in Cambridge.

Richard Alewyn war einer der wenigen Germanisten, die aus der Emigration nach Deutschland zurückkehrten und dann Ordinarien an bedeutenden deutschen Universitäten wurden. Er übte großen Einfluss auf die Germanisten der ersten und zweiten Nachkriegsgeneration aus. Zu seinen Schülern im engeren wie weiteren Sinne gehörten Walter Killy, Peter Wapnewski, Karl Otto Conrady, Rainer Gruenter, Albrecht Schöne, Wolfgang Martens und Herbert Singer3)Vgl. Garber, Zum Bilde, S. 8.. Zeitgenossen schildern ihn als überaus bescheidene und integre Persönlichkeit, die sich mit derselben Bescheidenheit den literarischen Werken zuwandte. Irgendwelche literaturferne Begriffe und Kategorien an die Texte heranzutragen, wäre ihm nie in den Sinn gekommen; die heutige Methodenobsession hätte er vermutlich mit ostentativem Desinteresse begleitet. „Methoden seien so viel wert wie sie sehen lehrten“, soll er einmal gesagt haben4)Vgl. ebd., S. 108. Bleiben wird der Reichtum seiner anthropologischen Einsichten. „Dasein heißt eine Rolle spielen“, lautet eine seiner berühmten Formulierungen, mit der er das barocke Lebensgefühl auf den Punkt brachte. Seiner literaturhistorischen Anthropologie lässt sich aber auch Lehrreiches für das Heute und Morgen entlocken.

Lit.: Regina Weber: Alewyn, Richard, in: Christoph König (Hrsg.), unter Mitarbeit von Birgit Wägenbaur u. a.: Internationales Germanistenlexikon 1800–1950, Bd. 1, De Gruyter, Berlin/New York 2003, S. 18-21; Klaus Garber: Zum Bilde Richard Alewyns. München: Wilhelm Fink 2005.

References   [ + ]

1. Klaus Garber: Zum Bilde Richard Alewyns. München: Wilhelm Fink 2005, S. 7.
2. Vgl. Garber, Zum Bilde, S. 7 u. 108 ff.
3. Vgl. Garber, Zum Bilde, S. 8.
4. Vgl. ebd., S. 108