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Biographische Skizzen Literaturwissenschaft im Nationalsozialismus

Julius Petersen

Geb. 5.11.1978 in Straßburg; gest. 22.8.1941 in Murnau. Petersen studierte Deutsche Philologie, Kunstgeschichte und Philosophie in Lausanne, München, Leipzig und von 1899 bis WS 1902/03 in Berlin, wo Wilhelm Dilthey, Erich Schmidt und Heinrich Wölfflin zu seinen Lehrern gehörten. Die Promotion erfolgte daselbst bei Gustav Roethe, 1904 in Berlin erschienen u.d.T. Schiller und die Bühne. Ein Beitrag zur Litteratur- und Theatergeschichte der klassischen Zeit. Petersen habilitierte sich 1909 in München zum Thema Das Rittertum in der Darstellung des Johannes Rothe, bei Hermann Paul (Druck: Straßburg 1909). Zwischen 1909 und 1911 war er Privatdozent für Deutsche Philologie an der Universität München. 1911 wurde er außerordentlicher Professor für Germanische Philologie, ein Jahr später außerordentlicher Professor an der Yale University in New Haven (USA). 1912 bis 1914 ist er dann ordentlicher Professor für Neuere deutsche Sprache und Literatur an der Universität Basel, 1914-1915 ordentlicher Professor für Neuere deutsche Sprache und Literatur an der Universität Frankfurt am Main und schließlich von 1920 bis zum seinem Tod 1941 in der Nachfolge Erich Schmidts ordentlicher Professor für Neuere deutsche Literaturgeschichte an der Universität Berlin. Er wurde unter anderem 1932 mit der Goethe-Medaille für Kunst Wissenschaft ausgezeichnet.

Petersen entfaltete eine umfangreiche wissenschaftliche Publikationstätigkeit, war Mitglied zahlreicher Sozietäten und Herausgeber mehrerer editorischer Großprojekte sowie germanistischer Zeitschriften. Seine Position als einflussreicher Berliner ‚Großordinarius‘ und Herausgeber nutzte er, um den innerdisziplinären Schwerpunkt der Germanistik nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten systematisch zu verschieben. So war er mit Hermann Pongs Herausgeber der Zeitschrift Euphorion, die 1934 programmatisch in Dichtung und Volkstum umbenannt wurde. Der neue Name solle, so die Herausgeber, „zum Ausdruck bringen, daß auch die Wissenschaft von der Dichtung immer das Volkstum im Auge halten wird als den Grundwert, der alle ästhetischen, literarhistorischen, geistesgeschichtlichen Werte trägt und nährt.“ (Zit. n. Kaiser, S. 193) In seinem „Lebenswerk“ Die Wissenschaft von der Dichtung bezeichnet er die mit der Machtübernahme aufkommenden neuen Moden und Methoden der Germanistik als „neu einreitende Kämpfer mit den stolzen Feldzeichen Volkheit, Rasse und Existenz.“ (Zit. n. Kaiser, S. 334). Er begrüßte und förderte eine rassekundlich ausgerichtete Literaturwissenschaft, auch wenn er wie andere seiner Fachkollegen vor einer allzu unkritischen und nahtlosen Integration ins Methodenrepertoire warnte. Dennoch war er einer der führenden Ideologen der nationalsozialistischen Germanistik, der in seiner einflussreichen Stellung den völkisch-rassistischen Umbau der Germanistik im Dritten Reich „von oben“ vorantrieb.

Lit.: Red., in: Christoph König (Hrsg.), unter Mitarbeit von Birgit Wägenbaur u. a.: Internationales Germanistenlexikon 1800–1950, Bd. 2, De Gruyter, Berlin/New York 2003, S. 1385-1388; Gerhard Kaiser: Grenzverwirrungen. Literaturwissenschaft im Nationalsozialismus, Akademie Verlag, Berlin 2008 (insb. S. 192 ff. u. 334 ff.);

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Biographische Skizzen Literaturwissenschaft im Nationalsozialismus

Hermann Pongs

Geb. 23.3.1889 in Odenkirchen/Rheinland; gest. 3.3.1979 in Gerlingen (Baden-Württemberg). Pongs studierte die Fächer Deutsch, Geschichte und Philosophie in Heidelberg (1907-1908), Berlin (1908-1909, bei Gustav Roethe und Erich Schmidt), Marburg (1909-1911 und 1912, bei Friedrich Vogt), München (1911-1912, bei Friedrich von der Leyen und Heinrich Wölfflin). Die Promotion erfolgte 1912 in Marburg über Das Hildebrandslied. Überlieferung und Lautstand im Rahmen der althochdeutschen Literatur bei Friedrich Vogt (Druck: Marburg 1913). Ebenfalls in Marburg wurde Pongs habilitiert, und zwar zu Ursprung und Wesen der Metapher. 1927 wurde diese Schrift publiziert u.d.T. Das Bild in der Dichtung. Von 1922 bis 1927 war Pongs Privatdozent für Deutsche Sprache und Literatur an der Universität Marburg. 1927-1929 außerordentlicher Professor für Neuere Literaturwissenschaft an der Universität Groningen. Zwischen 1929 und 1942 dann ordentlicher Professor für Deutsche Literatur an der TH Stuttgart. 1942-1945 war er ordentlicher Professor für Deutsche Philologie, insbesondere Neuere deutsche Literaturgeschichte an der Universität Göttingen in der Nachfolge Rudolf Ungers.

Hermann Pongs gehörte zu den überzeugten Nationalsozialisten unter den Germanisten dieser Zeit. Allerdings hatte er sich schon in der Weimarer Republik einen Ruf als ein herausragender Germanist erworben – insbesondere durch seine Symbolforschung. Obwohl er durchaus mit den Leitbegriffen der NS-Zeit wie „Mutterliebe, Vatergeist, Familie, Stamm, Volk, Vaterland, Geist der Kultur“ (zit. n. Kaiser, S. 517) operierte, viele seiner Arbeiten eindeutig völkischen Charakter annahmen und er zumindest den Eindruck erweckte, mit den Machthabern weltanschaulich übereinzustimmen, versuchte er doch gleichzeitig, die wissenschaftlichen Standards der Germanistik hochzuhalten.

Dadurch geriet er ins Visier der platt völkisch argumentierenden „Eiferer“ unter den Germanisten wie Hellmuth Langenbucher, die ihm vorwarfen, zu esoterisch und nicht volksnah genug zu schreiben. Der Vorwurf seiner Gegner entzündete sich vor allem an Pongs’ existentialistisch ausgerichteter Lebenswissenschaft, mit der er sich von weniger elaborierten Herangehensweisen einiger seiner Kollegen fachintern abheben wollte. Ohne sie wirklich als Methode ausgebaut zu haben, diente diese auf der Existenzphilosophie Martin Heideggers aufbauende Methodologie eher der Profilierung gegenüber den Fachkollegen, deren Vorhalt, esoterisch zu sein, nicht völlig aus der Luft gegriffen war.

Dies war allerdings ein strategisches Manöver, denn mit seiner existentialistischen Lebenswissenschaft umschiffte er zwei Klippen: Zum einen konnte Pongs argumentieren, Germanistik im Sinne der nationalsozialistischen Weltanschauung zu betreiben, weil die oben genannten Leitbegriffe der NS-Germanistik leicht mit dem Heidegger’schen Begriffsinventar wie Sein, Existenz bzw. Extasis vereinbar zu sein schienen. Pongs lieferte also weiterhin das, was von ihm erwartet wurde. Zum anderen erschien er innerhalb der Gemeinschaft des Faches Germanistik weiterhin als reputabler Wissenschaftler mit hohem methodologischen Anspruch. Auch wenn er diesen letztlich mit seiner existentialistischen Lebenswissenschaft nicht einlösen konnte und niemand seine Methodik produktiv aufgriff, so reichten doch die zaghaften Ansätze, um ihn als vollwertiges Mitglied der scientific community weiterhin zu akzeptieren. Allzu marktschreierisch völkisch-rassistische Germanisten wie z.B. Franz Koch, Johannes Alt oder Karl Obenauer wurden nach einer Anfangszeit von ca. zwei Jahren nach 1933 nicht mehr auf ordentliche Professuren berufen, weil selbst die meisten NS-Funktionäre einsahen, dass dies der Germanistik als Fach nicht zuzumuten war.

Der Eintritt in die NSDAP erfolgte zwar erst 1940, was für einen Mann seines Alters eher spät war, 1942 verfasste er aber militärische Tornisterschriften für das Oberkommando der Wehrmacht. Wegen seiner NS-Vergangenheit wurde Hermann Pongs (1945?) denn auch seines Amtes als ordentlicher Professor für Deutsche Philologie in Göttingen enthoben. 1949 wurde er entnazifiziert, aber nicht wieder eingestellt. Ab 1950 befand er sich im Wartestand, wurde aber bei vollen Bezügen emeritiert. Eine Anfrage aus dem Jahr 1968 der Staatsanwaltschaft München, ein Gutachten über den literarischen Wert von John Clelands Memoirs of Fanny Hill zu erstellen, wurde widerrufen, nachdem seine Tätigkeit als Professor im Dritten Reich bekannt wurde.

Lit.: Hartmut Ferenschild: Pongs, Hermann, in: Christoph König (Hrsg.), unter Mitarbeit von Birgit Wägenbaur u. a.: Internationales Germanistenlexikon 1800–1950, Bd. 2, De Gruyter, Berlin/New York 2003, S. 1421-1422; Gerhard Kaiser: Grenzverwirrungen. Literaturwissenschaft im Nationalsozialismus, Berlin 2008 (insb. S. 508 ff.); Ferenschild, Hartmut: Pongs, Hermann, in: NDB online.

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Biographische Skizzen Literaturwissenschaft im Nationalsozialismus

Klemens Lugowski

Geb. 22.2.1904 in Berlin; gest. 26.10.1942 in Ropscha bei Leningrad. Lugowski studierte 1923-1925 zunächst Maschinenbau an der TH Berlin, 1925-1928 dann Germanistik, Geschichte und Philosophie in Berlin und schließlich 1928-1931 bei Friedrich Neumann und Rudolf Unger in Göttingen. Er finanzierte sich das Studium mit Tätigkeiten als Landarbeiter, Postaushelfer, Zeitungsreporter und Filmvorführer. Die Promotion erfolgte 1932 bei Rudolf Unger in Göttingen (s.u.), ebenso wie 1935 die Habilitation (s.u). Von 1933-1935 war Lugowski wissenschaftliche Hilfskraft am Seminar für Deutsche Philologie der Universität Göttingen, 1935-1936 dann Privatdozent für Deutsche Philologie an der Universität Göttingen. Im WS 1936/1937 folgte eine Lehrstuhlvertretung an der Universität Heidelberg, 1937 bis zum WS 1938/1939 eine Dozentur für Neuere deutsche Philologie an der Universität Königsberg. Zwischen 1939 und 1942 ist Lugowski dann Lehrbeauftragter, ab 1940 planmäßiger außerordentlicher Professor für Ältere deutsche Literatur an der Universität Kiel. Am 26.3.1942 wurde er schließlich als Nachfolger für Gerhard Fricke als ordentlicher Professor für Neuere deutsche Literaturgeschichte in Kiel berufen.  

Lugowski rekonstruiert in seinen Studien eine Verfallsgeschichte der Wirklichkeitsauffassung des Menschen, einerseits ablesbar im Medium der Literatur, andererseits nach Auffassung Lugowskis ablesbar in der Lebenswirklichkeit der Neuzeit. Das Schicksal des modernen Menschen sei die Herausgelöstheit aus einem überindividuellen Deutungszusammenhang, einem Deutungszusammenhang, wie ihn noch die antiken Menschen mit dem Mythos besessen hätten. Im Ergebnis führe das zur Vereinzelung und damit auch zur Entwertung des Menschen, die allenfalls „künstlich“ und zeitweise, vor allem durch die Tat, zuallererst im Krieg, aufgehoben werden kann, sonst aber bestehen bleibt.

Im Kern handelt es sich dabei um eine durchaus mit dem Zeitgeist übereinstimmende Kritik an Individualismus und Liberalismus, die bereits die Dissertation Dichterische Ganzheit und Einzelmensch. Studien zum Problem der Individualität in der deutschen Erzählung des 16. Jahrhunderts bestimmt und dann in der Habilitationsschrift Mensch und Wirklichkeit. Betrachtungen über das Wirklichkeitsgefühl in französischer und germanischer Dichtung wesentlich akzentuiert wird. Vor allem in letzterer wird die polemische Stoßrichtung deutlich, die sich nun explizit gegen die französische Kultur und Gesellschaft richtet und demgegenüber die Vorzüge der deutschen Volksgemeinschaft und des deutschen Volkstums herausstellt. Auch die Wahl des Untersuchungsgegenstandes – das Werk Heinrich von Kleists – erwies sich für die nationalsozialistische Germanistik als überaus anschlussfähig. Er gehörte zweifellos zu den Hardlinern der Germanistik während der Zeit des Nationalsozialismus.

Das seiner Herangehensweise zugrundeliegende Dekadenznarrativ erinnert an die Geschichtsphilosophie Oswald Spenglers, die positive Konnotation des Krieges als befreiender und geradezu beglückender Macht an Ernst Jüngers aus Kriegstagebüchern hervorgegangenem Roman In Stahlgewittern. Bezeichnenderweise meldete sich Lugowski, nachdem er gerade ordentlicher Professor geworden war, freiwillig für den Kriegsdienst an der Ostfront, wo er 1942 als Leutnant gefallen ist. Den philosophischen Unterbau seiner Arbeiten bilden die Forschungen Ernst Cassirers zum Nachleben des Mythos in der Moderne sowie die Modernekritik Friedrich Nietzsches.  

Die literaturwissenschaftliche Grundlage von Lugowskis Arbeiten ist die literaturhistorische Lebenswissenschaft vor allem Rudolf Ungers, dessen Schüler Lugowski war. Kombiniert wird dies – für diese Zeit durchaus ungewöhnlich – mit einer streng formanalytischen Untersuchungsmethodik literarischer Texte der Frühen Neuzeit (Dissertation) bzw. der Klassik/Romantik (Habilitationsschrift). Einige dabei entwickelte Begrifflichkeiten wie „Gehabtsein“, „Ob- vs. Wie-Spannung“ oder Motivierung „von hinten“ (finale Motivierung) besitzen noch heute Gültigkeit. Produktiv weitergeführt wurde Lugowskis Methodik beispielsweise in der Barockforschung seit den 1960er Jahren, um die komplexen Strukturen der höfischen Staatsromane eines Herzog Anton Ulrich oder Daniel Casper von Lohenstein zu untersuchen (Adolf Haslinger: Epische Formen im höfischen Barockroman). Seit einigen Jahren nutzt auch die Mediävistik dieses Instrumentarium zur Analyse von Romanen und Erzählungen der mittelalterlichen Literatur.

Werk/Monographien: Dichterische Ganzheit und Einzelmensch. Studien zum Problem der Individualität in der deutschen Erzählung des 16. Jahrhunderts, Druck u.d.T. Die Form der Individualität im Roman. Studien zur inneren Struktur der frühen deutschen Prosaerzählung, Berlin 1932 (2. Aufl. der Neuausgabe mit einer Einleitung von Heinz Schlaffer, Frankfurt am Main 1976: 1994. – englische Übersetzung: Form, Individuality and the Novel. Analysis of narrative structure in early German prose, Cambridge 1990); Wirklichkeit und Dichtung. Untersuchungen zur Wirklichkeitsauffassung Heinrich von Kleists, Frankfurt am Main 1936.

Lit.: Dorothee Kimmich: Lugowski, Clemens, in: Christoph König (Hrsg.), unter Mitarbeit von Birgit Wägenbaur u. a.: Internationales Germanistenlexikon 1800–1950, Bd. 2, De Gruyter, Berlin/New York 2003, S. 1124-1126; Heinz Schlaffer: Lugowski, Clemens, in: NDB online; Gerhard Kaiser: Grenzverwirrungen. Literaturwissenschaft im Nationalsozialismus, Berlin 2008 (insb. S. 484 ff.); Herwig Gottwald: Spuren des Mythos in moderner deutschsprachiger Literatur: theoretische Modelle und Fallstudien, Würzburg 2007; Martin Jesinghausen: Der Roman zwischen Mythos und Post-histoire – Clemens Lugowskis Romantheorie am Scheideweg. In: Matías Martínez (Hrsg.): Formaler Mythos. Beiträge zu einer Theorie ästhetischer Formen. Paderborn, München, Wien und Zürich 1996, S. 183–218.