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Biographische Skizzen Literaturwissenschaft im Nationalsozialismus

Friedrich Beißner

Geb. 26.12.1905 in Hameln; gest. 29.12.1977 in Tübingen. Beißner studierte Klassische und Deutsche Philologie zunächst in Jena (1926-1927), dann in Berlin (1927-1928, bei Julius Petersen, Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff) und schließlich in Göttingen (1928-1932, bei Hermann Fränkel). Nach Erstem Staatsexamen (1926) und wissenschaftlicher Prüfung für das Lehramt an Höheren Schulen an der Universität Göttingen (1932) erfolgte daselbst 1933 die Promotion zum Thema Hölderlins Übersetzungen aus dem Griechischen bei Hermann Fränkel. (Druck: Stuttgart 1932; 2. Aufl. 1961). Nach Stationen als Studienreferendar und Studienassessor für Deutsch, Griechisch und Latein an verschiedenen Schulen war er von 1937 bis 1939 Assistent bei Karl Viëtor und Walther Rehm am Deutschen Seminar der Universität Gießen, wo er 1939 habilitiert wird: Geschichte der deutschen Elegie (Druck: Berlin 1941; 3. Aufl. 1965).

Zwischen 1940 und 1942 war Beißner Privatdozent für Deutsche Philologie und Neuere Literaturgeschichte an der Universität Jena sowie Redaktor der Schiller-Nationalausgabe in Weimar, 1942-1943 dann Privatdozent für Deutsche Philologie an der Universität Tübingen, bevor er in der Nachfolge Walter Rehms außerordentlicher Professor für Deutsche Philologie und Neuere Deutsche Literaturgeschichte an der Universität Gießen wurde. Im Sommersemester 1944 vertrat er den Lehrstuhl Max Kommerells in Marburg, einen späteren Ruf dorthin lehnte er ab. 1945-1946 war er außerordentlicher Professor für Neuere Literaturgeschichte an der Universität Tübingen, 1946 erhielt er daselbst ein Extraordinariat für Deutsche Sprache und Literatur. Von 1961 bis zu seiner Emeritierung 1971 war er schließlich ordentlicher Professor für Deutsche Sprache und Literatur in Tübingen.

Von der Universitätsbibliothek Tübingen veröffentlichte Portraitaufnahme Friedrich Beißners. Quelle: https://tobias-bild.uni-tuebingen.de/eas/partitions-inline/1/0/31000/31941/ef4b3dac9df30300176ea705288d1123833d774c/image/jpeg/S_23_1_0073.jpg

Friedrich Beißners Stellung innerhalb der Germanistik der NS-Zeit ist schwierig zu bestimmen. Einerseits trat er 1933 in die SA ein, 1936 in die Volkswohlfahrt und ein Jahr später in die NSDAP. Andererseits urteilte 1949 die Spruchkammer für den Lehrkörper der Universität Tübingen: „entlastet“, „[d]ie formelle Belastung ist geringfügig“. Außerdem wurde seine distanzierte Haltung zum NS-Regime verschiedentlich bezeugt. Sein Forschungsinteresse galt in der NS-Zeit zuallererst Hölderin, was ebenso zum Zeitgeist passte wie die Mitarbeit am Prestigeprojekt der NS-Germanistik, der Schiller-Nationalausgabe. Letztere galt als editorische „Kriegsarbeit“, die die Politik des NS-Regimes ideologisch untermauern und die Siegeszuversicht steigern sollte. Wenn man allerdings eingehender betrachtet, wie Beißner diesen von außen herangetragenen Anspruch einlöste, kommen Zweifel an Beißners ideologischer „Zuverlässigkeit“ auf.

Beißner sollte die Einleitung zur Schiller-Nationausgabe verfassen, die auch schon im Umbruch vorlag, aber letztlich nicht erschien. Denn er verstieß damit gegen die Spielregeln der NS-Kulturpolitik, die von solchen Paratexten nationalpädagogische „Aktualisierungen und Nutzanwendungen“ (z. n. Kaiser, S. 502) erwartete. Mit seiner „dezidiert un-ideologischen“ (ebd., S. 504) und sachbezogenen Einleitung waren aber auch Fachkollegen wie Herbert Cysarz nicht einverstanden, die mehr lebenswissenschaftliches Ethos erwarteten. Der streng philologisch operierende Beißner wollte dieses aber offensichtlich nicht liefern. Er verwahrte sich gegen eine „Vorrede im Festtagsstil“ (ebd., S. 505), die die „deutsche Größe“ schon aus Schillers Jugendlyrik glaubte herauslesen zu können. So verwundert es nicht, dass von Ideologen wie Gerhard Fricke, aber auch von der Deutschen Akademie in München äußerste Bedenken gegenüber Beißners Einleitung geäußert wurden. Beißners Beharren auf fachwissenschaftlichem Anspruch führte letztlich dazu, dass seine Einleitung nicht gedruckt wurde. Allerdings wurde dessen wissenschaftliche Karriere dadurch nicht gefährdet, denn er hatte fachintern bereits ein zu großes Kapital gesammelt, und so konnte er in Gießen an einem weiteren editorischen Großprojekt, der von der Akademie geförderten Hölderlin-Ausgabe, weiterarbeiten, die editorische Maßstäbe für Jahrzehnte setzen sollte.

Lit.: Norbert Oellers: Beißner, Friedrich, in: Christoph König (Hrsg.), unter Mitarbeit von Birgit Wägenbaur u. a.: Internationales Germanistenlexikon 1800–1950, Bd. 1, De Gruyter, Berlin/New York 2003, S. 125-127; Gerhard Kaiser: Grenzverwirrungen. Literaturwissenschaft im Nationalsozialismus, Berlin 2008 (insb. S. 501 ff und 626 ff.).

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Geschichtliche Beiträge

„Rede des Monats“ – Kostbarkeiten Freiburger Wissenschaftsgeschichte

Die Universitätsbibliothek Freiburg bietet auf ihrer Webseite einen Podcast, den man sich anhören sollte: „Rede des Monats“. Kostbarkeiten Freiburger Wissenschaftsgeschichte. Die Sammlung umfasst Akademiereden Freiburger Professoren aus den letzten 50 Jahren. Trotz der z.T. nicht gerade guten Audioqualität sind diese Reden ein Juwel im Internet. Wer sich wie ich etwas melancholisch an die Zeit der Universität vor der Reform zurückerinnert, kommt hier voll auf seine Kosten.

Ein Beispiel mag dies illustrieren. Der Freiburger Anglist Willi Erzgräber (* 1926 in Arheilgen; † 9. Dezember 2001 in Freiburg im Breisgau) sprach im Jahr 1983 (!) zum Thema Orwell 1984 – Zwischen Fiktion und Realität. In dieser rhetorisch brillanten Universitätsrede legt er in textnahen Analysen dar, inwiefern Orwells Roman von Konservativen im Kalten Krieg zu einseitig als Parabel auf die Verhältnisse der Sowjetunion unter Stalin gedeutet wurde. Orwell sei nicht zum Anti-Kommunisten geworden, denn er sei bis an sein Lebensende ein überzeugter demokratischer Sozialist geblieben. Vielmehr habe er die Gefahren eines Überwachungsstaates abstrakt darstellen wollen, auch wenn durchaus reale Erfahrungen mit dem Kommunismus im Spanischen Bürgerkrieg und mit sowjetischer Propaganda im Zweiten Weltkrieg miteingeflossen seien. In seinem Roman habe er sich gegen einen doktrinären Marxismus gewandt und seinen Helden zum Fürsprecher eines moralischen und indiviualistischen Sozialismus gemacht. Diesen Argumentationsgang im Original nachzuverfolgen, sei an dieser Stelle wärmstens empfohlen.

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Biographische Skizzen Literaturwissenschaft im Nationalsozialismus

Hermann Pongs

Geb. 23.3.1889 in Odenkirchen/Rheinland; gest. 3.3.1979 in Gerlingen (Baden-Württemberg). Pongs studierte die Fächer Deutsch, Geschichte und Philosophie in Heidelberg (1907-1908), Berlin (1908-1909, bei Gustav Roethe und Erich Schmidt), Marburg (1909-1911 und 1912, bei Friedrich Vogt), München (1911-1912, bei Friedrich von der Leyen und Heinrich Wölfflin). Die Promotion erfolgte 1912 in Marburg über Das Hildebrandslied. Überlieferung und Lautstand im Rahmen der althochdeutschen Literatur bei Friedrich Vogt (Druck: Marburg 1913). Ebenfalls in Marburg wurde Pongs habilitiert, und zwar zu Ursprung und Wesen der Metapher. 1927 wurde diese Schrift publiziert u.d.T. Das Bild in der Dichtung. Von 1922 bis 1927 war Pongs Privatdozent für Deutsche Sprache und Literatur an der Universität Marburg. 1927-1929 außerordentlicher Professor für Neuere Literaturwissenschaft an der Universität Groningen. Zwischen 1929 und 1942 dann ordentlicher Professor für Deutsche Literatur an der TH Stuttgart. 1942-1945 war er ordentlicher Professor für Deutsche Philologie, insbesondere Neuere deutsche Literaturgeschichte an der Universität Göttingen in der Nachfolge Rudolf Ungers.

Hermann Pongs gehörte zu den überzeugten Nationalsozialisten unter den Germanisten dieser Zeit. Allerdings hatte er sich schon in der Weimarer Republik einen Ruf als ein herausragender Germanist erworben – insbesondere durch seine Symbolforschung. Obwohl er durchaus mit den Leitbegriffen der NS-Zeit wie „Mutterliebe, Vatergeist, Familie, Stamm, Volk, Vaterland, Geist der Kultur“ (zit. n. Kaiser, S. 517) operierte, viele seiner Arbeiten eindeutig völkischen Charakter annahmen und er zumindest den Eindruck erweckte, mit den Machthabern weltanschaulich übereinzustimmen, versuchte er doch gleichzeitig, die wissenschaftlichen Standards der Germanistik hochzuhalten.

Dadurch geriet er ins Visier der platt völkisch argumentierenden „Eiferer“ unter den Germanisten wie Hellmuth Langenbucher, die ihm vorwarfen, zu esoterisch und nicht volksnah genug zu schreiben. Der Vorwurf seiner Gegner entzündete sich vor allem an Pongs’ existentialistisch ausgerichteter Lebenswissenschaft, mit der er sich von weniger elaborierten Herangehensweisen einiger seiner Kollegen fachintern abheben wollte. Ohne sie wirklich als Methode ausgebaut zu haben, diente diese auf der Existenzphilosophie Martin Heideggers aufbauende Methodologie eher der Profilierung gegenüber den Fachkollegen, deren Vorhalt, esoterisch zu sein, nicht völlig aus der Luft gegriffen war.

Dies war allerdings ein strategisches Manöver, denn mit seiner existentialistischen Lebenswissenschaft umschiffte er zwei Klippen: Zum einen konnte Pongs argumentieren, Germanistik im Sinne der nationalsozialistischen Weltanschauung zu betreiben, weil die oben genannten Leitbegriffe der NS-Germanistik leicht mit dem Heidegger’schen Begriffsinventar wie Sein, Existenz bzw. Extasis vereinbar zu sein schienen. Pongs lieferte also weiterhin das, was von ihm erwartet wurde. Zum anderen erschien er innerhalb der Gemeinschaft des Faches Germanistik weiterhin als reputabler Wissenschaftler mit hohem methodologischen Anspruch. Auch wenn er diesen letztlich mit seiner existentialistischen Lebenswissenschaft nicht einlösen konnte und niemand seine Methodik produktiv aufgriff, so reichten doch die zaghaften Ansätze, um ihn als vollwertiges Mitglied der scientific community weiterhin zu akzeptieren. Allzu marktschreierisch völkisch-rassistische Germanisten wie z.B. Franz Koch, Johannes Alt oder Karl Obenauer wurden nach einer Anfangszeit von ca. zwei Jahren nach 1933 nicht mehr auf ordentliche Professuren berufen, weil selbst die meisten NS-Funktionäre einsahen, dass dies der Germanistik als Fach nicht zuzumuten war.

Der Eintritt in die NSDAP erfolgte zwar erst 1940, was für einen Mann seines Alters eher spät war, 1942 verfasste er aber militärische Tornisterschriften für das Oberkommando der Wehrmacht. Wegen seiner NS-Vergangenheit wurde Hermann Pongs (1945?) denn auch seines Amtes als ordentlicher Professor für Deutsche Philologie in Göttingen enthoben. 1949 wurde er entnazifiziert, aber nicht wieder eingestellt. Ab 1950 befand er sich im Wartestand, wurde aber bei vollen Bezügen emeritiert. Eine Anfrage aus dem Jahr 1968 der Staatsanwaltschaft München, ein Gutachten über den literarischen Wert von John Clelands Memoirs of Fanny Hill zu erstellen, wurde widerrufen, nachdem seine Tätigkeit als Professor im Dritten Reich bekannt wurde.

Lit.: Hartmut Ferenschild: Pongs, Hermann, in: Christoph König (Hrsg.), unter Mitarbeit von Birgit Wägenbaur u. a.: Internationales Germanistenlexikon 1800–1950, Bd. 2, De Gruyter, Berlin/New York 2003, S. 1421-1422; Gerhard Kaiser: Grenzverwirrungen. Literaturwissenschaft im Nationalsozialismus, Berlin 2008 (insb. S. 508 ff.); Ferenschild, Hartmut: Pongs, Hermann, in: NDB online.

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Biographische Skizzen Literaturwissenschaft im Nationalsozialismus

Klemens Lugowski

Geb. 22.2.1904 in Berlin; gest. 26.10.1942 in Ropscha bei Leningrad. Lugowski studierte 1923-1925 zunächst Maschinenbau an der TH Berlin, 1925-1928 dann Germanistik, Geschichte und Philosophie in Berlin und schließlich 1928-1931 bei Friedrich Neumann und Rudolf Unger in Göttingen. Er finanzierte sich das Studium mit Tätigkeiten als Landarbeiter, Postaushelfer, Zeitungsreporter und Filmvorführer. Die Promotion erfolgte 1932 bei Rudolf Unger in Göttingen (s.u.), ebenso wie 1935 die Habilitation (s.u). Von 1933-1935 war Lugowski wissenschaftliche Hilfskraft am Seminar für Deutsche Philologie der Universität Göttingen, 1935-1936 dann Privatdozent für Deutsche Philologie an der Universität Göttingen. Im WS 1936/1937 folgte eine Lehrstuhlvertretung an der Universität Heidelberg, 1937 bis zum WS 1938/1939 eine Dozentur für Neuere deutsche Philologie an der Universität Königsberg. Zwischen 1939 und 1942 ist Lugowski dann Lehrbeauftragter, ab 1940 planmäßiger außerordentlicher Professor für Ältere deutsche Literatur an der Universität Kiel. Am 26.3.1942 wurde er schließlich als Nachfolger für Gerhard Fricke als ordentlicher Professor für Neuere deutsche Literaturgeschichte in Kiel berufen.  

Lugowski rekonstruiert in seinen Studien eine Verfallsgeschichte der Wirklichkeitsauffassung des Menschen, einerseits ablesbar im Medium der Literatur, andererseits nach Auffassung Lugowskis ablesbar in der Lebenswirklichkeit der Neuzeit. Das Schicksal des modernen Menschen sei die Herausgelöstheit aus einem überindividuellen Deutungszusammenhang, einem Deutungszusammenhang, wie ihn noch die antiken Menschen mit dem Mythos besessen hätten. Im Ergebnis führe das zur Vereinzelung und damit auch zur Entwertung des Menschen, die allenfalls „künstlich“ und zeitweise, vor allem durch die Tat, zuallererst im Krieg, aufgehoben werden kann, sonst aber bestehen bleibt.

Im Kern handelt es sich dabei um eine durchaus mit dem Zeitgeist übereinstimmende Kritik an Individualismus und Liberalismus, die bereits die Dissertation Dichterische Ganzheit und Einzelmensch. Studien zum Problem der Individualität in der deutschen Erzählung des 16. Jahrhunderts bestimmt und dann in der Habilitationsschrift Mensch und Wirklichkeit. Betrachtungen über das Wirklichkeitsgefühl in französischer und germanischer Dichtung wesentlich akzentuiert wird. Vor allem in letzterer wird die polemische Stoßrichtung deutlich, die sich nun explizit gegen die französische Kultur und Gesellschaft richtet und demgegenüber die Vorzüge der deutschen Volksgemeinschaft und des deutschen Volkstums herausstellt. Auch die Wahl des Untersuchungsgegenstandes – das Werk Heinrich von Kleists – erwies sich für die nationalsozialistische Germanistik als überaus anschlussfähig. Er gehörte zweifellos zu den Hardlinern der Germanistik während der Zeit des Nationalsozialismus.

Das seiner Herangehensweise zugrundeliegende Dekadenznarrativ erinnert an die Geschichtsphilosophie Oswald Spenglers, die positive Konnotation des Krieges als befreiender und geradezu beglückender Macht an Ernst Jüngers aus Kriegstagebüchern hervorgegangenem Roman In Stahlgewittern. Bezeichnenderweise meldete sich Lugowski, nachdem er gerade ordentlicher Professor geworden war, freiwillig für den Kriegsdienst an der Ostfront, wo er 1942 als Leutnant gefallen ist. Den philosophischen Unterbau seiner Arbeiten bilden die Forschungen Ernst Cassirers zum Nachleben des Mythos in der Moderne sowie die Modernekritik Friedrich Nietzsches.  

Die literaturwissenschaftliche Grundlage von Lugowskis Arbeiten ist die literaturhistorische Lebenswissenschaft vor allem Rudolf Ungers, dessen Schüler Lugowski war. Kombiniert wird dies – für diese Zeit durchaus ungewöhnlich – mit einer streng formanalytischen Untersuchungsmethodik literarischer Texte der Frühen Neuzeit (Dissertation) bzw. der Klassik/Romantik (Habilitationsschrift). Einige dabei entwickelte Begrifflichkeiten wie „Gehabtsein“, „Ob- vs. Wie-Spannung“ oder Motivierung „von hinten“ (finale Motivierung) besitzen noch heute Gültigkeit. Produktiv weitergeführt wurde Lugowskis Methodik beispielsweise in der Barockforschung seit den 1960er Jahren, um die komplexen Strukturen der höfischen Staatsromane eines Herzog Anton Ulrich oder Daniel Casper von Lohenstein zu untersuchen (Adolf Haslinger: Epische Formen im höfischen Barockroman). Seit einigen Jahren nutzt auch die Mediävistik dieses Instrumentarium zur Analyse von Romanen und Erzählungen der mittelalterlichen Literatur.

Werk/Monographien: Dichterische Ganzheit und Einzelmensch. Studien zum Problem der Individualität in der deutschen Erzählung des 16. Jahrhunderts, Druck u.d.T. Die Form der Individualität im Roman. Studien zur inneren Struktur der frühen deutschen Prosaerzählung, Berlin 1932 (2. Aufl. der Neuausgabe mit einer Einleitung von Heinz Schlaffer, Frankfurt am Main 1976: 1994. – englische Übersetzung: Form, Individuality and the Novel. Analysis of narrative structure in early German prose, Cambridge 1990); Wirklichkeit und Dichtung. Untersuchungen zur Wirklichkeitsauffassung Heinrich von Kleists, Frankfurt am Main 1936.

Lit.: Dorothee Kimmich: Lugowski, Clemens, in: Christoph König (Hrsg.), unter Mitarbeit von Birgit Wägenbaur u. a.: Internationales Germanistenlexikon 1800–1950, Bd. 2, De Gruyter, Berlin/New York 2003, S. 1124-1126; Heinz Schlaffer: Lugowski, Clemens, in: NDB online; Gerhard Kaiser: Grenzverwirrungen. Literaturwissenschaft im Nationalsozialismus, Berlin 2008 (insb. S. 484 ff.); Herwig Gottwald: Spuren des Mythos in moderner deutschsprachiger Literatur: theoretische Modelle und Fallstudien, Würzburg 2007; Martin Jesinghausen: Der Roman zwischen Mythos und Post-histoire – Clemens Lugowskis Romantheorie am Scheideweg. In: Matías Martínez (Hrsg.): Formaler Mythos. Beiträge zu einer Theorie ästhetischer Formen. Paderborn, München, Wien und Zürich 1996, S. 183–218.

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Biographische Skizzen Literaturwissenschaft im Nationalsozialismus

Fritz Martini

Geb. 5.9.1909 in Magdeburg; gest. 5.7.1991 in Stuttgart. Martini studierte 1928-1931 Deutsche und Englische Philologie, Geschichte und Philosophie in Zürich, Graz, Heidelberg sowie in Berlin. Die Promotion erfolgte 1934 in Berlin bei Julius Petersen: Der Raum in der Dichtung Wilhelm Raabes, später gedruckt als Die Stadt in der Dichtung Wilhelm Raabes, Berlin 1934. Nach einer Station als wissenschaftlicher Assistent bei seinem Doktorvater am Literaturwissenschaftlichen Seminar in Berlin arbeitete Martini als Lektor im Verlag Volksverband der Bücherfreunde in Berlin. 1938 war er Assistent am Literaturwissenschaftlichen Seminar der Universität Hamburg, 1939-1943 Privatdozent für Deutsche Philologie und Allgemeine Literaturwissenschaft, 1943-1950 dann außerordentlicher Professor für Ästhetik und allgemeine Literaturwissenschaft an der TH Stuttgart.

Allerdings ruhte seine Tätigkeit als Wissenschaftler, als er von 1940-1944 Kriegsdienst als Gefreiter leistete, vor allem im Deutsch-Sowjetischen Krieg. Im letzten Jahr des Krieges war er außerdem Dolmetscher der deutschen Wehrmacht in Italien. Er geriet 1945 in englische Kriegsgefangenschaft. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er von 1948 bis 1954 Leiter der Abteilung für Geisteswissenschaften und Bildungsfächer an der TH Stuttgart und von 1950 bis zu seiner Emeritierung 1974 schließlich ordentlicher Professor für Ästhetik und allgemeine Literaturwissenschaft. Sein bekanntestes Werk ist die Deutsche Literaturgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Stuttgart 1949.

Martini trat bereits 1933 in die NSDAP ein, seine Position innerhalb der Germanistik im Dritten Reich ist dennoch schwierig zu bestimmen. Einerseits weisen sowohl die Themenwahl (Heinrich von Kleist) als auch inhaltlich völkische Positionierungen in seinem Werk Fritz Martini jedenfalls vordergründig als einen überzeugten Nationalsozialisten aus. Offenkundig um eine Stellung als ordentlicher Professor bemüht, versuchte er sich den Nationalsozialisten als ideologisch zuverlässiger Literaturwissenschaftler anzudienen. Auch veröffentlichte er 1941 einen Beitrag in der berüchtigten Buchreihe Von Deutscher Art in Sprache und Dichtung. Andererseits fehlen allzu deutliche Tribute an den Zeitgeist. In der Monographie Heinrich von Kleist und die geschichtliche Welt aus dem Jahr 1940 wird bspw. Hitler nicht erwähnt, obwohl man nicht allzu weit hätte gehen müssen, um die historischen Parallelen explizit zu machen.

Man muss in Martini wohl einen Taktiker und Opportunisten sehen, der zwar in den Schriften jener Zeit weltanschauliche Signale an die Machthaber und die Entscheidungsträger in der nationalsozialistischen Germanistik senden wollte, um auf sich aufmerksam zu machen und um bei Berufungsverfahren berücksichtigt zu werden, aber dabei auch nicht zu weit gehen wollte.

Lit.: Detlev Schöttker: Martini, Fritz, in: Christoph König (Hrsg.), unter Mitarbeit von Birgit Wägenbaur u. a.: Internationales Germanistenlexikon 1800–1950, Bd. 2, De Gruyter, Berlin/New York 2003, S. 1164-1166; Gerhard Kaiser: Grenzverwirrungen. Literaturwissenschaft im Nationalsozialismus, Berlin 2008 (insb. S. 111 ff.); Martini, Fritz, in: NDB online.

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Geschichtliche Beiträge

Gefangen im Verschwörungsdenken

Der irische Historiker Brendan Simms, der am Centre of International Studies der Universität Cambridge lehrt, hat jüngst eine umfangreiche Hitler-Biographie vorgelegt, die die historiographischen Debatten über die NS-Zeit für längere Zeit stark beeinflussen dürfte: Hitler. Eine globale Biografie. Aus dem Englischen übersetzt von Klaus-Dieter Schmidt. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2020.

Die Grundthese von Simms lautet: Hitlers Antisemitismus wurzele zu einem nicht unwesentlichen Teil in seinem Antikapitalismus und Hitlers Lebensraumdenken resultiere aus einer Art Minderwertigkeitskomplex gegenüber den USA, die im Vergleich zu Deutschland über ein wesentlich größeres Staatsgebiet und viel mehr Ressourcen verfügen konnten. Diese geopolitische Benachteiligung gegenüber den USA wie auch gegenüber Großbritannien habe Hitler durch eine expansive Außenpolitik und Angriffskriege ausgleichen wollen. Nicht der Kommunismus der Sowjetunion sei der ideologische Hauptgegner gewesen, sondern der Kapitalismus anglo-amerikanischer Prägung. Überdies sei es ihm zumindest am Anfang nicht um die Weltherrschaft gegangen, sondern um eine nicht näher ausformulierte Gleichrangigkeit des Deutschen Reiches neben den Großmächten seiner Zeit.

Brendan Simms zeigt anhand neuer Quellen, wie sehr Hitler von den Erfahrungen des Ersten Weltkrieges und der Frühzeit der Weimarer Republik geprägt wurde. Im Ersten Weltkrieg begegnete Hitler amerikanischen Soldaten im Feld, die häufig deutsche Vorfahren hatten. In seinen Augen waren das verlorene Söhne des deutschen Mutterlandes, die jetzt einer aufsteigenden Nation zu militärischem Erfolg verhalfen und noch dazu gegen ihr eigenes „Blut“ zu Felde zogen. Später in der Weimarer Republik verdammte er in seinen Reden das amerikanische „Finanzjudentum“, das angeblich die Deutschen in eine Knechtschaft führen wolle. Er wetterte gegen den Dawes- und den Young-Plan, mit denen die Reparationsfrage geregelt werden sollte. Daraus sei eine Art Hassliebe gegenüber den USA entstanden, die ihn nie mehr losgelassen habe. Einerseits habe er die USA aufgrund ihrer wirtschaftlichen, politischen und vor allem demographischen Stärke bewundert, andererseits habe er den amerikanischen Finanzkapitalismus zutiefst abgelehnt, den er mehr oder weniger mit den amerikanischen Juden gleichsetzte.

Diese Grundthese faltet Simms auf mehreren hundert Seiten in bewundernswerter Weise immer weiter aus. Er betrachtet dabei die Geschichte nicht vom Ende her, sondern von ihrem Anfang. Das hat den Vorteil, dass der Nebelschleier der von den Nationalsozialisten nachträglich verbreiteten Ideologie nicht so dicht ist, wenn man die frühen Quellendokumente und Reden Hitlers sowie diejenigen seiner Zeitgenossen näher betrachtet. Dann zeichnen sich auch die Konturen eines Denkens deutlicher ab, in dem der Kapitalismus der USA eine wesentliche Rolle spielte. Noch ohne dieses Buch zu kennen, schrieb ich im Februar im Blog über die Goebbels-Tagebücher, bei deren Analyse mir bei Goebbels eine ähnliche Priorität des Antikapitalismus aufgefallen ist – jedenfalls eine viel stärkere, als mir das im Vorhinein bewusst war. In beinahe allen Publikationen zur Ideologie des NS-Regimes liegt der Fokus viel stärker auf Antisemitismus und Antibolschewismus. Angesichts der neuen Hitlerbiographie von Simms kommen mir allmählich Zweifel, ob das – zumindest in der Frühzeit der Nationalsozialisten – wirklich so entscheidend gewesen ist.

Sollte die These sich als tragfähig erweisen, dann hängt von diesem Befund freilich sehr viel ab. Dann erschiene die Sozialpolitik des NS-Regimes in einem neuen Licht, dann müsste das Kompositum National-„Sozialismus“ des Parteinamens neu bewertet werden und dann müsste man auch über die Motivlage, die Hitler dazu brachte, den Zweiten Weltkrieg vom Zaun zu brechen, erneut nachdenken.

Hitlers Verschwörungsdenken

In einem Blogbeitrag zeigte ich vor einigen Wochen in Anlehnung an Klaus Hildebrands Das vergangene Reich, inwiefern die Diplomatie des Deutschen Reiches sich in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg selbst isolierte. Deutschland wurde nicht „eingekreist“, wie das die revisionistische Geschichtsschreibung nahelegte und wie es noch heute einige Verschwörungstheoretiker nahelegen, sondern es hat sich aus dem europäischen Mächtekonzert selbst „ausgekreist“, so jedenfalls die Terminologie Hildebrands. Das von Bismarck so behutsam eingefädelte Bündnissystem wurde von den Kanzlern unter Wilhelm II. zuerst ohne Not aufgekündigt und verkehrte sich dann infolge einer aggressiven und militaristischen Außenpolitik ins genaue Gegenteil. Zum Schluss waren die europäischen Großmächte, mit denen Bismarck noch Bündnisse geschmiedet hatte, ihrerseits miteinander verbündet und Deutschland stand im Wesentlichen isoliert da. Genau diejenige Konstellation war eingetreten, die Bismarck hatte vermeiden wollen.

Wenn man Brendan Simms Ausführungen folgt – was man nicht tun muss, aber er belegt seine Grundthese m.E. sehr überzeugend –, dann war Hitlers Denken ganz wesentlich dem Narrativ von Deutschlands „Einkreisung“ verpflichtet (S. 89 u. 289). In dieses ‚verschwörungstheoretische‘ Weltbild integrierte er im Laufe der Zeit immer mehr Elemente, die hierzu zu passen schienen. Als da wären:

  • die angebliche Weltherrschaft des internationalen „Finanzjudentums“ mit seinen vermeintlichen Agenten in allen möglichen Ländern, auch und gerade in der Sowjetunion,
  • der Mangel an Lebensraum für die deutsche Bevölkerung,
  • der Verlust deutschen „Blutes“ durch die Auswanderung der „Besten“ nach Amerika,
  • die gezielte angloamerikanische „Knechtung“ Deutschlands durch die harten Bedingungen des Versailler Vertrages sowie die Pläne zu den Reparationszahlungen etc.

Aus alledem entstand ein diffuses Bedrohungsszenario, das Hitler – Brendan Simms zufolge – bereits während seiner ersten politischen Gehversuche in Ansätzen entwickelt hatte und im Verlauf seines Aufstiegs und anschließenden Falls immer weiter ausbaute, teilweise auch noch modifizierte. So gewann insbesondere der Antikommunismus später an Bedeutung. Dem Bedrohungsszenario zugrunde lag aber – wie bereits angedeutet – der Gedanke einer Art Verschwörung des „internationalen Finanzjudentums“, das, so glaubte Hitler, von den USA aus agiere, die Fäden der Wirtschaft in der Hand halte und vor allem eine gezielte Einkreisungsstrategie dem Deutschen Reich gegenüber gefahren habe.

Wie kam Hitler dazu? Für einen wenig gebildeten, aber geschichtlich doch interessierten jungen Menschen konnte es tatsächlich so aussehen, als sei die allmähliche Selbstauskreisung Deutschlands das Ergebnis gezielter Pläne vonseiten Angloamerikas gewesen. Für die diplomatischen Feinheiten in der Außenpolitik des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts interessierte sich Hitler nicht allzu sehr; die Grundzüge und die Zielrichtung von Bismarcks Bündnissystem hat er sicherlich nicht durchdrungen. Viel prägender und damit handlungsleitender waren die konkreten Erlebnisse zu Beginn seiner politischen Karriere, namentlich der Versailler Vertrag mit seiner Festlegung auf die alleinige Kriegsschuld Deutschlands (S. 249) und die Verhandlungen um die Reparationsfrage (S. 220 f.). All dies konnte man mit einiger Phantasie auf eine Verschwörung ausländischer Mächte zurückführen, zumal die Reparationsverträge von amerikanischen Unterhändlern ausgehandelt wurden und das Deutsche Reich im Wesentlichen bei amerikanischen Banken verschuldet war. Der zeitgenössische Antisemitismus kam hinzu und tat sein Übriges.

Aus der eher begrenzten Sicht des damals noch staatenlosen Agitators deutschnationaler Kräfte Adolf Hitler schien die Weimarer Republik im Zangengriff der ehemals im Ersten Weltkrieg gegen Deutschland kriegführenden Mächte zu sein. Ereignisse wie der Ruhrkampf 1923 konnten diesen Eindruck unzweifelhaft verstärken. Hitler verglich das Reich mit einem Krebskranken im Endstadium (S. 216). Das geliebte Deutsche Reich sollte daher auf lange Sicht wieder auf eine tragfähige Grundlage gestellt werden, insbesondere durch die Gewinnung neuen Lebensraums im Osten (S. 285). Damit sollte Deutschland eine ähnliche geographische Ausdehnung erhalten wie die USA, und damit auch eine vergleichbar große agrarische und rohstoffliche Grundlage. Die für den ehemaligen Gefreiten kaum auszuhaltende Schmach der Niederlage im Ersten Weltkrieg schien erst nach einer solchen Arrondierung der deutschen Gebiete militärisch überhaupt wettzumachen zu sein. Vor der Revanche stand für Hitler also die Ausweitung des deutschen Reichsgebietes und die rassische Verbesserung bzw. Wiederherstellung des deutschen Volkes.

Amerikaner und Briten nahmen in Hitlers biologistischem Denken überaschenderweise sogar eine höhere rassische Stufe ein als die Deutschen. Es kam ihm Brendan Simms zufolge darauf an, die Deutschen überhaupt erst auf diese Stufe zu heben. Gerade für US-amerikanische Technik und Organisation zeigte er größte Bewunderung, auch wenn kulturelle Phänomene wie die Jazz-Musik auf vehemente Ablehnung stießen. Fast liebedienerisch versuchte er insbesondere die Briten zu einer politischen Allianz zu überreden. Er sprach in Anlehnung an die Entente cordiale zwischen Briten und Franzosen vor und im Ersten Weltkrieg von einem „herzlichen Einvernehmen“. Umso enttäuschter war er, als die Anläufe zu einer Verbesserung der diplomatischen Beziehungen ins Leere liefen. Die britischen und amerikanischen Regierungen hatten schlicht kein Interesse an einer Allianz mit einem unsicheren Kantonisten, der in fast jeder Rede das Gespenst des internationalen Finanzkapitals an die Wand malte und noch dazu einen antidemokratischen Führerkult inthronisierte.

Hitlers Anti-Kapitalismus

Das führt zu einer weiteren wichtigen Beobachtung, die aus der Lektüre dieser Biographie zu gewinnen ist. Hitlers Anti-Kapitalismus war insbesondere in der Anfangszeit viel entscheidender als sein Anti-Kommunismus. Er selbst und seine Parteigenossen bezeichneten sich ostentativ als Sozialisten. Bis auf ganz wenige Ausnahmen machten daher auch die deutschen Industriellen in den 1920er Jahren einen großen Bogen um die NSDAP. Von der weit verbreiteten Ansicht, Industrielle hätten beim Aufstieg Hitlers eine wesentliche Rolle gespielt, kann man getrost Abschied nehmen. Im Gegenteil, einer der Ruhrbarone äußerte sich mit Blick auf das Parteiprogramm der NSDAP und die weit überwiegende Meinung der Industriellen und Unternehmer dahingehend, „dass wir keine Veranlassung haben, unsere eigenen Totengräber zu unterstützen“ (zit. n. Simms, S. 77). Die Abgeordneten der NSDAP forderten dementsprechend höhere Sozialabgaben und entgegneten auf den Vorwurf, sie seien Faschisten italienischer Prägung: „Wir sind keine Faschisten. Wir sind Sozialisten.“ (zit. n. Simms, S. 219) Ähnlich äußerte sich auch der spätere Reichspropagandaminister Joseph Goebbels: „Ich bin deutscher Kommunist.“

Revidiert werden muss damit die vulgärmarxistische Auffassungen, wonach der Nationalsozialismus lediglich eine Spielart des Faschismus gewesen sei. In dieser insbesondere nach 1968 verbreiteten Theorie, die auch in der frühen Bundesrepublik allerorten spätfaschistische Praktiken witterte, fungiert der Nationalsozialismus als der Verteidiger des Kapitalismus, was angesichts der ideologischen Ausrichtung der handlungsleitenden Nationalsozialisten und vor allem Hitlers grotesk erscheinen muss. Der sozialistische und der anti-kapitalistische Anteil an der Ideologie des Nationalsozialismus ist wesentlich größer als gemeinhin angenommen wird.

Verblüffend sind in der Hitler-Biographie auch die weniger bekannten Seiten Hitlers, die Brendan Simms aufdeckt. Neben Hitler als unermüdlichem Kämpfer gegen den Kapitalismus erscheint der Diktator auch als Unterstützer von Frauenrechten, als der Förderer der Sozialversicherungen, der Vegetarier, Tierliebhaber und Kunstfreund. Facetten eines Massenmörders, die man nur allzu gerne ausblendet, weil sie nicht in das vorgefertigte Bild integrierbar zu sein scheinen. Aber so sehr braucht man sich darüber nicht zu wundern. Hitler war in einigen seiner persönlichen Facetten ein akzeptabler, wenn nicht gar liebenswürdiger Mensch. Viele Zeitgenossen bezeugen das. In vielen anderen Facetten hingegen entsprach er dem Bild eines Massenmörders total. Letztere hat er zuweilen zu verstecken versucht, er hat sie aber in Mein Kampf oder zuweilen in seinen Reden auch ostentativ zur Schau gestellt. Jeder, der wollte, konnte also wissen, auf welches Abenteuer er sich bei der Unterstützung der NSDAP bzw. Hitlers einließ.

Fazit

Die äußerst erhellende Biographie von Brendan Simms zeigt vor allem eines: Hitler war ein Amateur, der sich sein Weltbild aus verschiedenen verstreuten Fetzen zusammensammelte, sie zu einem Ballon zusammenleimte, um sich daran in den Himmel heben zu lassen. Er war einerseits klug, arbeitsfreudig und extrem ehrgeizig, aber andererseits in vielen Aspekten ungebildet, zur Selbstüberschätzung neigend, beratungsresistent. Während der ersten 20 Jahre seiner Karriere (1920-40) ist ihm das zugutegekommen, während der restlichen fünf ist es ihm – und beinahe dem Rest der Welt – auf die Füße gefallen. Ihm fehlten nicht zuletzt wesentliche Grundlagen wirklichen strategischen Denkens, wie sie etwa Winston Churchill besaß, der viel umfangreicher gebildet war.

Historisches und auch politisch-strategisches Denken zeichnen sich durch Vielschichtigkeit und Ambivalenztoleranz aus. Symptomatisch für das Fehlen dieser Elemente sind einige Sätze aus Unterhandlungen Hitlers mit Vertretern der Christlich Sozialen Volksdienstes (CSVD), die er vor der Machtübernahme zu einer Koalition überreden wollte. Einer der Unterhändler äußerte, man könne mit Hitler nicht diskutieren: „Der ‚andere‘ hat immer unrecht, wenn er eine andere Auffassung vertritt als Hitler.“ Der Unterhändler äußerte im Anschluss an das Gespräch krasse Bedenken gegen eine Machtübernahme Hitlers: „Würde Hitler zur Macht kommen, so könnte das nur mit einer Katastrophe enden.“ (Zit. n. Simms, Hitler, S. 272)

Über die engere Lebensgeschichte Adolf Hitlers hinaus wird bei Simms aber erneut ersichtlich, wie sehr die NS-Zeit nicht lediglich ein „Betriebsunfall“ der Geschichte war. Vielmehr gab es zwischen dem Weltbild Hitlers und demjenigen rechtskonservativer Kreise der Weimarer Republik durchaus Kontinuitäten. Politisches Großmachtdenken war weiten Teilen der politischen „Elite“ dieser Zeit nicht fremd, die Einkreisungsgefahr wurde als eine reale wahrgenommen und viele waren mit den meisten expansionistischen Ideen des „Führers“ jedenfalls im Grundsatz einverstanden. Die ideologische Zuspitzung und die äußerste Brutalität in ihrer Umsetzung erfuhren diese Ziele freilich erst unter den Nationalsozialisten. Der „Führer“ war keineswegs der einzige unter ihnen, auch wenn das viele später glauben machen wollten.