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Warum (vielleicht) kaum noch wichtige und gute Bücher geschrieben werden. Oder: was ist ein kanonisches Buch?

Erscheinen überhaupt noch wichtige und gute Bücher? Und wenn ja, mit welchen Kriterien ließe sich das bestimmen?

„Erkenne dich selbst“ war in eine Säule in der Vorhalle des Apollotempels von Delphi eingraviert und Montaigne schrieb im Vorwort seiner Essais, er sei selbst der einzige Inhalt seines Buches und man werde seine Fehler völlig unverstellt darin finden. Dies als Ausgangspunkt genommen, erscheint es sinnvoll, nicht über andere, sondern über sich zu schreiben und ganz unbefangen seine eigenen Unvollkommenheiten mitzuteilen.

Man könnte sich nämlich fragen, zu welchem Zeitpunkt das letzte wichtige und gute Buch von über 400 Seiten erschienen ist. Mein eigenes kann es nicht sein, denn der Rezensent konstatierte, es sei kurz, „zu kurz“. Dennoch stellte ich mir eine Sekunde die Frage, ob ich mich nicht in bester Gesellschaft befände, jedenfalls was die dürftige Qualität meines Machwerks betrifft. Aber dazu müsste ich ja wissen, welche bedeutenden Bücher in meinen Interessensgebieten Literatur, Germanistik und Geschichte in den letzten Jahren erschienen sind. Doch der minimale Ausschnitt, den ich zur Kenntnis genommen habe, berechtigt nicht zu irgendwelchen Urteilen.

Daher will ich allein über meine eigenen Schwächen schreiben. Mein vielleicht falscher Eindruck, wonach kaum noch gute Bücher geschrieben werden, könnte mit den Reiz-Reaktions-Mechanismen zusammenhängen, denen nicht nur ich mich unaufhörlich ausgesetzt fühle. Wir sind umgeben von Bildschirmen, die permanent Aufmerksamkeit erheischen. Ich brauche das nicht weiter auszuführen und die Folgen dürften klar sein: Eine Schreibsituation wie im Studierzimmer von Spinoza ist heute nur noch unter größten Mühen herstellbar, und wenn man realistisch ist, ist es unmöglich, sich von allen Verlockungen der technisierten Welt fernzuhalten und dicke Folianten mit der Gänsefeder zu füllen.

Gute Bücher zu schreiben verlangt nach Phasen intensiven Nachdenkens. Das Beispiel des despotischen Familienvaters Thomas Mann zeigt dies. Sein Sohn Golo Mann bekam regelrechte Panikschübe, wenn er seinen Vater versehentlich bei der Arbeit störte. Man durfte im Hause der Manns nämlich nur auf Zehenspitzen gehen, um den berühmten Dichter nicht zu Wutausbrüchen zu reizen. Das Arbeitszimmer war für die Kinder ohnehin tabu. So entstand in regelmäßiger Abgeschiedenheit in den Stunden fast eines jeden Vormittags eines der bedeutendsten Werke der Weltliteratur. Auf weniger despotische Weise schottet sich der Informatiker Donald Knuth ab, der mittlerweile ein ganzes Regal voller Bücher geschrieben hat, mit denen er die Informatik revolutionierte. An seinem Hauptwerk The Art of Computer Programming schreibt er kontinuierlich seit 1962. Aus seltenen Interviews mit ihm geht hervor, dass er seit 1990 keine E-Mails mehr liest, an einem Rechner arbeitet, der nicht ans Internet angeschlossen ist, und die wesentlichen Passagen mit der Hand schreibt.

Dass ein Zusammenhang zwischen Muße und Produktivität besteht, ist freilich keine überraschende Erkenntnis. Interessanter sind die kulturellen Folgen permanenter digitaler Abgelenktheit. Angenommen, es entstünden im Durchschnitt immer weniger wichtige und gute Bücher, weil immer weniger Menschen ihre Kreativität voll zur Entfaltung brächten, wie wirkte sich dies dann auf das geistige Umfeld aus, in dem wir leben? Ginge das an unserer Kultur spurlos vorüber? Könnten wir ohne Substanzverlust von den Werken der Vergangenheit zehren? Könnten andere Medien wie Youtube-Videos oder Blogs gehaltvolle Bücher substituieren?

Es sind dies eher rhetorische Fragen, doch müsste man Kriterien für wichtige und gute Bücher benennen können, bevor man ihr Fehlen beklagt. Letztlich liegen sie im Auge des Betrachters, wenngleich die einst hitzig geführte Kanondebatte einige Anhaltspunkte lieferte. Der Wikipedia kann man folgende Definition entnehmen: „Ein Kanon der Literatur (zu griechisch kanon ‚Regel, Maßstab, Richtschnur‘) ist eine Zusammenstellung derjenigen Werke, denen in der Literatur ein herausgehobener Wert bzw. eine wesentliche, normsetzende und zeitüberdauernde Stellung zugeschrieben wird.“ Wichtige und gute Bücher wären demnach solche, denen eine Lesergemeinschaft eine überzeitliche Bedeutung zuschreibt.

Mithin gibt es keinen essentialistischen inhaltlichen Kern von dem, was gut und wichtig ist, sondern dies ist immer von der Beurteilung durch die Lesergemeinschaft abhängig. Dennoch kann man ja empirisch überprüfen, welchen Büchern historische Leser überzeitliche Bedeutung zugemessen haben und welchen Werken heute noch Bedeutung beigemessen wird, obwohl sie schon Jahrzehnte oder Jahrhunderte alt sind. Die Wahrscheinlichkeit, dass George Orwells 1984 ein solcher Rang zukommt, ist ungleich größer als bei einem beliebigen Roman, der in den letzten drei Jahren erschienen ist. Orwells Roman hat sich bereits als überzeitlich bedeutsam herauskristallisiert, er wurde schon von Generationen von Lesern und Leserinnen auf Herz und Nieren überprüft und für gut befunden.

Aktuelle Bücher mit dem genannten zu vergleichen, ist maximal unfair. Wahrscheinlich ziehen bedrohliche Zeiten Bücher nach sich, die uns existentiell ansprechen. Ohne Spanischen Bürgerkrieg, stalinistische Arbeitslager und nationalsozialistischen Terror kein Orwell also. Wenn man dies außer Acht lässt, stellt sich die Frage, was denn Leser und Leserinnen über 70 Jahre nach dem Erscheinen dieses Buches in Bann zieht. Neben der technischen Raffinesse, mit der es geschrieben ist, ist es wohl vor allen Dingen die Übertragbarkeit der literarischen Welt auf die moderne Lebenswelt der Leser, die diesem Buch eine so überragende Bedeutung verleiht. Man kann sich in Winston Smith hineinversetzen, genauso wie man sich in Kafkas Protagonisten hineinversetzen kann. Die innerliterarische Welt ist überzeitlich so anschlussfähig, dass dies kanonischen Charakter annimmt. Auch dies hat vermutlich ein Verfallsdatum. Es fällt schwer, sich noch in die Diegese der Artusromane des 12. Jahrhunderts hineinzuversetzen, aber 1984 ist dem Erfahrungsbereich des heutigen durchschnittlichen Lesers eindeutig noch zugänglich.

Wenn es schon keinen kanonischen Wesensgehalt gibt, so aber doch eine überzeitlich gültige Art und Weise der literarischen Illusionsvermittlung. Nach Aristoteles bringt das Theater Gefühle in uns hervor, die uns alle umtreiben, die also einen anthropologischen Kern ansprechen. Dies führt zu einer Katharsis, was Aristoteles wörtlich als körperlichen Reinigungsvorgang verstand. Furcht, Schrecken und Mitleid rühren zu Tränen.

Dies lässt sich auch auf die Prosa übertragen. Wer sich wirklich auf die Welt des Protagonisten Winston Smith einlässt, wird an vielen Stellen bis ins Mark erschüttert, wird mit einer derartigen Wucht ins Geschehen hineingezogen, dass er die Welt um sich herum für eine Weile vergisst. Auch wird er seine bisherigen Lebenserfahrungen mit denjenigen des Protagonisten vergleichen und damit bestimmte Empfindungen verbinden. Wenn es einem Autor oder einer Autorin gelingt, diese Illusion zu erzeugen, handelt es sich um ein kanonisches Werk.

Wichtig ist bei alledem der Begriff „anthropologischer Kern“. Auch ein Thriller und Horrorschocker kann uns bis ins Mark erschüttern, entscheidend ist aber, was dabei verhandelt wird. Bei Orwell ist es das Leben in einer vollkommen rationalisierten Technikwelt, die von einer kleinen Machtelite gesteuert wird, die die Geschichte umschreibt, die die Sprache manipuliert und so die totale Kontrolle über das Individuum ausübt. Dass dies in höchstem Maße relevant ist, braucht man wohl nicht weiter auszuführen.

Ich habe bewusst keine aktuellen Titel genannt, bei denen das Kriterium des Kanonischen nicht zutrifft. Das letzte mir bekannte kanonische Buch ist der Jugendroman Tschick von Wolfgang Herrndorf aus dem Jahr 2011, von dem man weiß, ein wie verbissener Arbeiter er war, der gerade auch der Technik des Erzählens überaus große Bedeutung beigemessen hat. Und interessanterweise entstand dieser Roman in einer existentiellen Lebenssituation, denn Herrndorf litt zur Zeit der Abfassung an einem unheilbaren Gehirntumor, der ihn dazu trieb, sich das Leben zu nehmen. Der anthropologische Kern seines Jugendromans ist eine Art rites de passage, das Ausbrechen der Jugendlichen aus der Welt der Erwachsenen. Die Gefahren, die auf der mit einem geklauten Lada begonnenen Reise lauern, dienen der Weiterentwicklung, formen den Charakter und erweitern den Horizont der Protagonisten. Dies sind existentielle Erfahrungen, wie sie in unzähligen Reiseromanen seit der Antike zu finden sind.

Da ich nun ein schlechter Kenner der jüngeren und jüngsten Literatur bin, bin ich nun auf Eure Mithilfe angewiesen. Wer hat von Euch sachdienliche Hinweise auf Bücher, die den oben genannten Kriterien entsprechen? Auf Bücher, die einerseits eine imaginative Sogwirkung entfalten, aber auch grundlegende Fragen des Menschseins verhandeln. Für derartige Empfehlungen in den Kommentaren wäre ich dankbar.

2 Antworten auf „Warum (vielleicht) kaum noch wichtige und gute Bücher geschrieben werden. Oder: was ist ein kanonisches Buch?“

vielen dank für den interessanten beitrag.
empfehlen kann ich dir: thomas melle, „die welt im rücken“
bei dem großen online-anbieter kannst du die ersten sechs kapitel lesen. da bekommst du schon einen eindruck, was sprache und thematik und sogwirkung angeht.
sicherlich gibt es noch mehr bücher, doch im moment fiel mir spontan dieses ein und wollte dir das vorab schon mal mitteilen.
viele grüße aus berlin.

Danke schön für den Hinweis auf das Buch von Thomas Melle. Eine Autobiographie, das finde ich doppelt interessant! Falls dir noch weitere Bücher einfallen, nur zu. 😉 Viele Grüße aus Munderkingen.

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