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Biographische Skizzen Interpretationen

„Weltende“ von Jakob van Hoddis

Das Gedicht Weltende gehört zu den bekanntesten und bedeutendsten lyrischen Werken des jüdisch-deutschen Dichters Jakob van Hoddis (1887-1942). Ein starkes sozialkritisches und anti-bürgerliches Element kennzeichnet das Gedicht, das in der schwülen Gewitterluft kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges im Jahr 1911 erschien.

Weltende

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei,
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Die Leistung dieser Lyrik liegt zuallererst in der kunstvollen Perspektivierung. Beim Lesen entsteht der Eindruck, als schaue man aus der Vogelperspektive herab auf eine apokalyptische Landschaft in Küstennähe. Das Leitmotiv dabei ist der Sturm, der über das Land hinwegfegt, ein fürchterliches Getöse entfacht und das Wasser gegen die Küsten drückt. Neben der Personifikation „die wilden Meere hupfen“ sind es vor allem die Bilder der herabfallenden „Dachdecker“ und „Eisenbahnen“, die die gewaltige Kraft dieser Naturkatastrophe veranschaulichen. Der fast durchweg benutzte Plural unterstützt das Herauszoomen aus der Landschaft, da man ja verschiedene „Meere“ und „Küsten“ gleichzeitig überschaut.

Kontrastiert wird dies durch ein Hineinzoomen in die kleingeistige Welt des Stadtbürgers, der im ersten Vers im Kollektivsingular angesprochen wird und dem „vom spitzen Kopf der Hut“ geweht wird. Man mag bei dieser Physiognomie etwas anachronistisch an George Groszs Stützen der Gesellschaft denken, greifbar wird durch diese Allusion jedenfalls die engstirnige Philisterwelt am Vorabend des Ersten Weltkriegs.

George Grosz: Stützen der Gesellschaft. https://www.flickr.com/photos/shadycam/5209030742

In der zweiten Strophe wiederholt sich der abrupte Perspektivwechsel zwischen der apokalyptischen Überschau und dem lakonischen Einblenden in die Bürgerwelt. Zuerst wird mit der Alliteration „dicke Dämme [] drücken“ noch einmal die Naturgewalt des aufgewühlten Meeres evoziert, bevor sie im Vers darauf abrupt gebrochen wird: „Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.“ Die beinahe planetarische Apokalypse trifft auf eine Lappalie, einen Schnupfen, den sich die meisten Menschen bei Wind und Wetter zugezogen haben.

Das Hin und Her zwischen Surrealem und Zynischem, die Spannungen seiner Verse und seiner Sprachbilder spiegeln sich in Jakob von Hoddis selbst. Nach seiner produktiven Zeit als einer der bedeutendsten expressionistischen Dichter verbrachte er viele Jahre in Heilanstalten und Sanatorien. 1914 diagnostizierte man Schizophrenie, nach Aufenthalten in Frankenhain (Thüringen) und Tübingen wurde er in der einzigen jüdischen Heilanstalt in Sayn bei Koblenz zwangsweise untergebracht. Von dort wurde er 1942 deportiert und von den Nationalsozialisten ermordet.

Lit.: Gertraude Wilhelm: van Hoddis, Jacob, in: Neue Deutsche Biographie, Bd. 9, S. 297 f.

2 Antworten auf „„Weltende“ von Jakob van Hoddis“

Hallo Erhard, schön von Dir zu hören! Das Gedicht war eines meiner Augenöffner während meines Studiums, und gestern bin ich über die Biographie von Jakob van Hoddis gestolpert. Also dachte ich, schreib was dazu. Für Hinweise auf gute Gedichte bin ich immer dankbar. LG

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